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Flughafen nach Düsseldorf nach – Wie lange ist das nun her? – ich glaube ... »Ich möchte allein zum Bahnhof gehen«, hatte ihre Mutter ge- sagt. Sie hatte ...
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Hilde Harmon

Das Siegel Roman

Inhalt PROLOG ............................................................................ 4 I. ...................................................................................... 9 II. ................................................................................... 20 III. .................................................................................. 52 IV. ................................................................................. 63 V. ................................................................................ 115 VI. ............................................................................... 135 VII. .............................................................................. 172 VIII............................................................................... 220 IX. ................................................................................ 267 X. ................................................................................. 318 XI. ................................................................................ 368 XII. ............................................................................... 417 DANKSAGUNG ................................................................ 481 Impressum ................................................................... 482 Unsere Leseempfehlung ... ........................................... 484 Unsere Leseempfehlung ... ........................................... 486

PROLOG

I

ch habe einen Brief erhalten«, sagte Marga. Frau Berner unterbrach ihre Reisevorbereitungen und schaute verwundert auf ihre Tochter, als diese hinzusetzte: »… aus Köln.« »Tatsächlich?« »Ja.« »Das ist ja eine Überraschung!« »Für mich auch.« »Aber Marga, du hattest doch … Ich meine, du sagtest doch einmal, dass er immer wieder geschrieben habe, auch wenn du …« »Ja, ich weiß. Nur hätte ich nicht gedacht, dass es so lange dauern wird.« Die grauen Wolken, vom Westwind getrieben, aufgerieben und entmachtet, wie die Nachhut einer fliehenden, geschlagenen Armee, zeigten das Ende des Sturmes an. Vor dem Gewitter hatten die Strahlen der untergehenden Sonne fahl an den Fassaden gehangen; nun flimmerten sie, in rote Kringel gebrochen, an Gardinen und Wänden. Frau Berner stand auf und nahm ein Stück Papier aus dem Schrank. »Ich vergaß, diese Rechnung zu bezahlen. Erledigst du das für mich?« »Selbstverständlich. Noch etwas?« »Nein, nur … Marga, fährst du jetzt … ich meine, wirst du in absehbarer Zeit nach Köln fahren?« »Das weiß ich noch nicht.« »Wenn, dann lass es mich wissen. Soll ich Ilse bei meinem Besuch in Kanada einen besonderen Gruß ausrichten?« Marga schüttelte den Kopf. »Nein.«

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»Ich habe ein wenig Angst vor dem Flugzeug und …«, sagte Frau Berner unsicher. »Ich hätte auch Angst, Mutter.« »… und … vor dem Wiedersehen mit meiner Enkelin«, fuhr Frau Berner fort. »Hoffentlich denke ich auch immer daran, dass sie … Wie schrieb sie? … jetzt und für alle Zeiten mit ihrem richtigen Namen, Ilse, angesprochen werden will. Na ja, ich kann mir vorstellen, dass ihr So-gut-wie-Ehemann die Bezeichnung ›Kindchen‹ nicht ganz passend fände, für ein Mädchen von fast einem Meter achtzig. Ich könnte mich natürlich damit rechtfertigen, dass ich ihr diesen Namen gab, als sie noch ein kleines Kind war und keiner wissen konnte, wie groß sie einmal werden wird.« »Wenn er so ist, wie sie ihn beschreibt, dürftest du kaum Schwierigkeiten mit ihm haben, abgesehen davon, dass man einer Großmutter vieles nachsieht.« »Ja, ich weiß … wegen Altersdebilität. Vielleicht dachte ich als junges Mädchen genauso über eine Frau von sechzig, wie die heutige Jugend es tut. Hast du schon einmal versucht, dir Ilse als Ehefrau vorzustellen? Mir fällt es jedenfalls schwer. Nicht nur wegen ihrer Jugend. Sie war immer so schnell von etwas Neuem zu begeistern, aber ebenso schnell ebbte dann die Begeisterung wieder ab. Schon deshalb war ich fest davon überzeugt, dass sie Toronto und Kanada bald satthaben würde. Und wahrscheinlich hätte ich recht behalten, wenn dieser Mark … na ja … Er ist sicher – Wie sagt man so schön? – ihre erste Liebe. Ich zweifle allerdings, ob sie unterscheiden kann zwischen Schwärmerei und ernster Zuneigung. Aber in ihrem Interesse hoffe ich, dass diese Begeisterung nicht …« »Mutter, sie hat sich für diesen Mann entschieden, aus welchem Grund auch immer. Wir haben kein Recht, ihre Wahl infrage zu stellen.« »Oh, keine Schulmeisterei, bitte. Letzten Endes ist sie erst achtzehn und da darf man sich doch wohl ein wenig wundern, meine ich jedenfalls. Als du achtzehn warst …« 5

»… war ich total unerfahren, ignorant und weltfremd, dafür aber vollgestopft mit allen möglichen Auswüchsen einer – Entschuldige! – rückständigen Erziehung, also denkbar ungeeignet für den Vergleich mit einer heutigen Achtzehnjährigen.« Versonnen fuhr Frau Berner in ihren Überlegungen fort: »Ich habe in letzter Zeit so oft daran denken müssen, wie ich Ilse zum ersten Mal sah. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt aufwuchs, wenn man die damalige Situation bedenkt.« »Aber Mutter, freu dich doch jetzt erst mal auf deine Reise und denk an die positiven Seiten. Wer hat heute schon, von den Auswanderern einmal abgesehen, die Möglichkeit, ein Stück von Kanada zu sehen? Und eines hast du den Emigranten auf jeden Fall voraus: Du musst nicht dort bleiben.« »Du hast recht, Marga. Außerdem werde ich auf der Fahrt zum Flughafen nach Düsseldorf nach – Wie lange ist das nun her? – ich glaube … zweiundzwanzig Jahren den Rhein wieder einmal zu Gesicht bekommen und Düsseldorf zum ersten Mal. Und eigentlich ist es schade, Marga, dass der Brief aus Köln nicht früher kam, dann hätten wir morgen eventuell zusammenfahren können«, sagte sie und überlegte dann: »Köln. Eigentlich weiß ich gar nichts von dieser Stadt. Aber ich erinnere mich an einen Bombenangriff auf Köln, als auch der Dom getroffen wurde. Ich glaube, du warst damals in Zohlberg. Oder war es später? Erinnerst du dich?« »Nein.« »So … und nun werde ich wohl oder übel versuchen müssen, ein wenig zu schlafen. Und bitte steh morgen früh nicht auf, wenn ich mich fertigmache. Du würdest mir nur im Weg stehen. Den Koffer bring ich schon bis zur Haustüre, den Rest besorgt der Taxifahrer. In Ordnung?« »Ja.« »Also dann, gute Nacht.«

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Irgendwo schlug eine Uhr neunmal. Es war dunkel geworden. Die Straßenlampen warfen ein trübes Licht über Gardinen, Wand und Decke. Der Verkehr auf der Straße ließ allmählich nach. »Ich möchte allein zum Bahnhof gehen«, hatte ihre Mutter gesagt. Sie hatte genickt und an ihre Tante Gertrud gedacht, die sich den Gang zum Bahnhof nicht hatte ausreden lassen. »Meine Schwester muss sich endlich abgewöhnen, mich zu bevormunden«, meinte sie nur mit einer abschätzigen Gebärde. »Außerdem sagt sie das nur, in Wirklichkeit wäre sie gekränkt, wenn ich sie nicht verabschieden würde.« Es war schon immer so gut wie aussichtslos gewesen, Gertrud umzustimmen, und zum Glück war ihre Mutter nachsichtig, was Gertrud und deren Demonstration von schwesterlicher Zuneigung betraf. »Deine Mutter hat es schwerer gehabt als ich«, hatte Gertrud einmal gesagt, »als die ältere und das Stiefkind meines Vaters. Sie hat ihn akzeptiert … als Stiefvater, aber eben nur als solchen. Eigentlich hat sie mir immer leidgetan, weil ich merkte, wie sie sich Beherrschung und Zurückhaltung abtrotzen musste.« Marga hatte ihre Mutter nie bemitleidet, selbst dann nicht, als die Umstände dafür gegeben waren. Die Haltung ihrer Mutter hatte Mitleid schlicht verboten, auch als es immer deutlicher wurde, dass dies nur der Vorsicht und der Angst vor Verletzung entsprang. Erst viel später hatte sie erkannt, dass sie ihrer Mutter ähnlich geworden war, jedenfalls was diese Wesensart anbetraf; dass auch sie sich gegen das Mitleid anderer abzuschirmen versuchte. Und von dem Mitleid mit sich selbst hatte nur sie gewusst. Und Eugen Markgraf. »Was sind Sie doch für ein eigenartiger Märtyrer«, hatte er einmal gesagt. »Sie leiden nicht, weil Ihr Fanatismus Sie dazu zwingt, sondern weil es die einzige Form von Selbstanbetung ist, die man Ihnen gelassen hat.« Sie erinnerte sich nicht mehr an ihre 7

Entgegnung, aber es war, als habe er gelacht darüber, so wie sie über seine Bemerkung lachte. Es lag siebzehn Jahre zurück, aber es könnte gestern gewesen sein, so deutlich war die Erinnerung an seine leise, etwas flach klingende Stimme. Im Mai 1944 hatte sie diese Stimme zum ersten Mal gehört, in einem Luftschutzbunker, in einer anderen Stadt. »Sie müssen mir glauben. Ich verlange, dass Sie mir glauben, weil ich es weiß – Sie sind nicht feige«, hatte er gesagt, als sie ihn das letzte Mal sah, im April 1945. Erst viel später hatte sie begonnen, seinen Worten zu glauben. Sie hatte lange Heimweh gehabt nach dem großen Zimmer mit den altmodischen Möbeln, hinter dem Ladenraum einer Apotheke, in einer anderen Stadt. In den ersten Jahren nach dem Krieg war es oft vorgekommen, dass sie aus einem Traum aufschreckte und seine Stimme hörte, so wie sie wirklich geklungen hatte, und seine Züge so deutlich sah, als stünde er vor ihr. Heute wusste sie, dass er einer der wenigen Menschen war, der sie nie idealisiert hatte.

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I.

M

argas eigentliches Leben, so wie sie es später selbst sah, begann im Jahr 1937, wahrscheinlich an dem Tag, als sie sich auf Betreiben von Mutter und Tante um eine Ausbildungsstelle als technische Zeichnerin bei dem führenden Motorenhersteller Burgstadts, der Firma Möhring, Tochterunternehmen eines großen Maschinenbaukonzerns mit Hauptsitz in Berlin, bewarb. Das Vorstellungsgespräch führte Herr Dr. Abligo, seines Zeichens Chefingenieur des Konstruktionsbüros. Er sagte, dass nach der vierjährigen Ausbildung sich eventuell die Möglichkeit zum Besuch eines sogenannten Technikums oder einer anderen entsprechenden Fachoberschule ergeben könnte. Voraussetzung sei allerdings die erfolgreiche Beendigung der Lehre, ein anschließendes Praktikum und womöglich ein auf diesem Wege zu erlangendes Reifezeugnis. Ihre Mutter fragte sie eindringlich, ob sie bereit sei, all das auf sich zu nehmen. Sie bejahte natürlich, doch stand die langjährige Ausbildung in Wahrheit wie ein Schreckgespenst vor ihr. Und daneben, mit erhobenem Zeigefinger, stand die ihr oft und gerne gepredigte Pflichterfüllung. Pflicht war synonym mit Gehorsam, Fleiß und Disziplin – also Eigenschaften, die man zu haben hatte, wenn man es im Leben zu etwas bringen wollte. Und somit hatten alle anderweitigen Hoffnungen, Erwartungen und die damit verbundenen Träume gegenstandslos zu werden, so wie einige von ihnen in der Vergangenheit eines nicht ganz natürlichen Todes gestorben waren. Vor allem diejenigen, in die sie die schönsten Erwartungen gesetzt hatte, bevor sie erkennen musste, dass sie es mit Utopien zu tun hatte, nicht mit realen Hoffnungen

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und Erwartungen. Und so war ein Traum nach dem anderen auf der Strecke geblieben, und übrig war eine Absprache zwischen diesem Dr. Abligo und ihrer Mutter, der sie sich zu fügen hatte. Herr Dr. Abligo blätterte erneut in ihren Zeugnissen und nickte ein paar Mal anerkennend. »Gut, für ein Mädchen sogar sehr gut. Was meinte die Lehrkraft mit dem Zusatz unter der Rubrik ›besondere Anmerkung: lebhafte Fantasie, individueller Gedankenschwung und Ansätze einer entwicklungsfähigen Kreativität‹?« Oh Gott, dachte sie. »Ich weiß es nicht genau«, begann sie, aber dann kam ihre Mutter zur Hilfe. »Vielleicht darf ich die Frage beantworten. Meine Tochter spricht nicht gern über ihre positiven Seiten. Ich nehme an, es waren unter anderem auch ihre Aufsätze, die immer mit ›ausgezeichnet‹ kommentiert wurden. Einmal stand auch darunter: ›Ein wenig übertrieben, aber originell und amüsant‹, oder: ›ideenreich‹, ›gelungen‹ und so weiter.« »So, so. Na ja, bei uns werden Exaktheit und Konzentration etwas höher eingestuft als Fantasie, aber ich nehme an, dass du flexibel genug bist, diese Fantasie entsprechend umzupolen, was? Und die schöpferische Begabung kann man ja auch auf die Technik übertragen, nicht wahr? Bist du denn überhaupt an Technik interessiert? Das ist nämlich Voraussetzung für eine Berufsausbildung: das Interesse.« »Ja, natürlich«, sagte sie und faltete in Gedanken die Hände zu einem stummen Gebet: Lieber Gott, bitte lass diese Lüge gelten, sonst bekomme ich die Stelle nicht. Und ihre Mutter setzte hinzu: »Sie sehen ja, dass sie sogar in Mathematik eine gute Benotung erhielt, was bei einem Mädchen sicher keine Selbstverständlichkeit ist.« »Ja, das stimmt. Und ein ›sehr gut‹ in Englisch, ein ›gut‹ in Latein, das ist schon beachtlich. Welche Art von Ausbildung hatten Sie ursprünglich für Ihre Tochter ins Auge gefasst, Frau Berner?« »Nun, eigentlich hatte ich mir vorgestellt, dass sie das Internat mit dem Reifezeugnis verlässt und dann eventuell studiert, aber, 10

wie bereits erwähnt, wurde die Finanzierung dieser nicht gerade billigen Schule immer schwieriger und eine weniger anspruchsvolle hätte einen Abstieg bedeutet, den wir ihr nicht zumuten wollten … das heißt ich … Mein geschiedener Mann überließ mir die Entscheidung.« Marga war zunächst so erstaunt über die Ausführungen ihrer Mutter, dass sie bei der Erwähnung der Scheidung ihrer Eltern diesmal gar keine Zeit zum Zusammenzucken und Erröten hatte. Herr Abligo trug einen Ehering. Vielleicht würde er nun seine Meinung über ihre Eignung ändern. Auf der anderen Seite hatte ihre Mutter den offenbar einzigen negativen Aspekt in ihrem Persönlichkeitsbild so gekonnt überspielt, dass es schon an ein Bravourstück von Strategie und Tarnung grenzte, wo sie doch sonst immer Ehrlichkeit und Korrektheit in den Vordergrund stellte. Aber vielleicht hatte das alles doch eher etwas mit Haltung zu tun, von der ihre Mutter sehr viel hielt. Herr Dr. Abligo schien dem keine Bedeutung beigemessen zu haben, jedenfalls verbürgten sie sich per Handschlag zur getreuen Pflichterfüllung, was die angehende Lerntechnikerin anging, und zu großzügiger, gründlicher, umfassender Ausbildung und Betreuung, was die Firmenseite betraf. Später sagte ihre Mutter: »Ich hoffe, es war das einzige Mal, dass ich für dich lügen musste. Und ich verlange von dir, dass du jede, aber auch wirklich jede Anstrengung unternimmst, um mich nicht noch einmal in eine solche Situation zu bringen. Für Schulabgänger gibt es im Allgemeinen keine solche Chance.« Schulabgänger – da war es wieder! Brutal ausgesprochen oder hintenherum hämisch geflüstert, jedenfalls ein Stigma, mit dem sie sich fast abgefunden hatte. Schließlich hatte sie den Rausschmiss aus der elitären Bildungsanstalt selbst provoziert, als sie meinte, eigenständig Ballettstunden zu buchen, die sie zunächst glaubte, verschweigen zu können; erstens, weil sie davon überzeugt war, den Unterricht von ihrem Taschengeld finanzieren zu können, und zweitens, weil sie die Abneigung ihrer Mutter gegen 11

alles, was mit Ballett, Bühne und ähnlichem »Firlefanz« zusammenhing, kannte. Aber dann hatte sie erkennen müssen, dass ihr Taschengeld nicht für die erforderlichen Utensilien ausreichte und so hatte sie ihre Mutter um Unterstützung gebeten. Ihre Mutter hatte die Bitte rundweg abgelehnt, und aus Verärgerung darüber hatte sie in ihrem nächsten Brief damit gedroht, ihren Vater, der sicher mehr Verständnis für die künstlerische Neigung seiner Tochter aufbringen würde, um Unterstützung zu bitten. Dass diese Bemerkung einer Erpressung gleichkam, war ihr wohl klar gewesen, aber dass sie von einer solch extremen Tragweite sein würde, hätte sie nicht erwartet. Jedenfalls hatte sich ihre Mutter schriftlich an die Anstaltsleitung gewandt und die Ballettstunden ihrer Tochter ohne Begründung gestoppt. Fräulein Schorff, die Internatsoberin, hatte sie zu sich gerufen und wissen wollen, ob sie die Einwilligung ihrer Mutter zum Besuch der Ballettstunden eventuell gar nicht eingeholt habe und dass, wenn dem so sei, dies eine grobe Verletzung ihrer Pflichten darstelle, eine Täuschung ihrer Mutter und der Schule. »Nun«, hatte die Oberin im Ton ultimativer Drohung wissen wollen, »war es so oder nicht?« »Es steht hier nicht zur Debatte«, hatte Margarete entgegnet und versucht, sich so gut wie möglich zu beherrschen, »aus welchen Gründen meine Mutter die Ballettstunden nicht wünscht. Für Sie und die Schule ist nur entscheidend, dass sie es tat.« Und so war es dann doch zur Unbeherrschtheit gekommen. Die Oberin war – echt oder gespielt – außer sich gewesen und hatte fast gestottert, als sie zur Türe wies: »Fürs Erste befreist du mich von deiner Gegenwart, über die Strafe werde ich dich unterrichten lassen.« Und natürlich hatte sie gewusst, dass damit das Ende ihres Aufenthalts in Schravern so gut wie besiegelt war. In Schravern begehrte man nicht auf. Am selben Abend hatte sie einen Brief an ihre Mutter geschrieben, dessen Inhalt in den Worten gipfelte: ›Mein Stolz lässt eine 12

solche Demütigung nicht zu. Ich überlasse es Dir, entsprechende Schritte in die Wege zu leiten.‹ Da sie wusste, dass ihre Mutter ihren oder ihrer Tochter Stolz nicht infrage stellen würde, war das Kommende eigentlich abzusehen gewesen. Merkwürdig an allem war nur die Tatsache gewesen, dass Fräulein Schorff in ihrem Abschlusszeugnis keine Bemerkung über die Schwierigkeiten machte, die zu ihrem vorzeitigen Verlassen der Schule geführt hatten, sondern etwas von ›eigenem, das heißt elterlichem Wunsch‹ schrieb, den die Schulleitung bedauere. Wahrscheinlich sind sie froh, dass sie mich loshaben, hatte Marga auf der Heimfahrt gedacht und einen vergeblichen Kampf gegen die aufkommenden Tränen geführt, aber als sie ihre Mutter am Bahnsteig auf sich zukommen sah, hatte sie nur noch ein einziges Mal über die Augen gewischt und die Tränen zurückgehalten. Ihre Mutter hatte sie zunächst nur kurz von der Seite gemustert, und erst, als sie die Wohnung betraten, hatte sie, abgewandt wie immer, wenn sie auf ein wichtiges Thema zu sprechen kam, und – auch wie immer – mit verhaltener Stimme gesagt: »Du hast das ganze Theater inszeniert, weil du nicht mehr zur Schule gehen wolltest … War es nicht so?« »Vielleicht. Jedenfalls, was diese Schule betraf.« »Wenn ich das gewusst hätte, hätten wir uns viel Geld sparen können – dein Vater und ich. Die Sache mit den Ballettstunden hätten wir schon irgendwie gelöst, aber … nun ja, es ist geschehen und vorbei. Außerdem sehe ich nicht ein, warum ich teures Geld für eine Schule bezahlen soll, die derart unzulänglich ist. Wir werden eine andere finden. Wenigstens sind die Zeugnisse gut.« Trotzig sagte Marga: »Ich möchte überhaupt in keine Schule mehr.« »Du kannst doch nicht einfach den Bildungsprozess abbrechen und dich an ein Fließband stellen!« »Es gibt ja auch noch andere Tätigkeiten.«

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Davon war auch Gertrud überzeugt gewesen, weshalb sie in ihrem großen Bekanntenkreis herumgeforscht und schließlich mit der Lehrstelle bei Möhring aufgewartet hatte. So betrachtet schien die Entwicklung nun doch eine positive Wende zu nehmen. ∗∗∗ Und ganz allmählich brachte die Arbeit, zu der sie sich nicht berufen fühlte, eine Art Befriedigung mit sich und wurde im Laufe der Zeit sogar ein wenig interessant, besonders nachdem sie die ersten Hemmungen schlecht und recht überwunden hatte und kaum noch errötete, wenn man sie lobte. Mit einer Ausnahme: Das erste Lob von Herrn Maringhoff, ihrem Gruppenleiter und unmittelbaren Vorgesetzten, war der Ausgangspunkt einer verwirrenden, gehassten, aber hauptsächlich schamvollen Kettenreaktion mit bizarren Auswüchsen, deren lästigstes Merkmal fast immer ein oft stundenlang anhaltendes, hektisches Rot auf ihren Wangen war. Natürlich war sie weit davon entfernt, die Schuld an diesem Malheur mit Herrn Maringhoff in Verbindung zu bringen, weil es doch viel bequemere Erklärungen gab, zum Beispiel das plumpe Verhalten ihrer bereits erwachsenen Kolleginnen und deren Bereitschaft zu Flirts, Techtelmechtel und ähnlichen Peinlichkeiten oder die manchmal etwas zu derben Reden der übrigen Mitarbeiter. Auch eine neue, ungewohnte, bestimmt nie zu bewältigende Aufgabe konnte als Erklärung dienen. Herr Maringhoff war Mitte zwanzig und damit der jüngste Ingenieur des Konstruktionsbüros. Seine klangvolle, etwas akzentuierte Stimme verriet fast immer eine gute Laune, ebenso seine lustigen Augen. Aber das, was sie am meisten irritierte war der ihm anhaftende Geruch, dessen Vorhandensein sie sich eines Tages schlagartig, als hätte sie ihn nie zuvor wahrgenommen, bewusst wurde. 14

Selbstverständlich versuchte sie es zu ignorieren, aber als sie einmal, an einem stillen Herbstabend, im Schutze ihres dunklen Zimmers, an die vertraute Stimme dachte und sich des gleichen Geruchs bewusst wurde wie tagsüber, schloss sie die Augen, drückte das Kissen gegen ihr Gesicht und ergab sich endlich den überfälligen Träumen, die nun zum ersten Mal bewusst Maringhoff-inspiriert waren. Und nun wunderte sie sich, warum sie früher den Sinn so vieler meist nur angedeuteter oder unklar umschriebener Dinge in den Unterhaltungen ihrer Kolleginnen nicht verstanden hatte, während plötzlich die ganze Welt nur noch aus schlecht verhüllten Rätseln und deutlich gewordenen Wünschen um ein besonderes Erlebnis bestand. Dieser Entdeckung verdankte sie schließlich eine weitere: das bislang verborgen dahinschlummernde Talent zum Reimen, dem sie sich nunmehr mit Hingabe widmete. Allerdings hielt diese Betätigung nur einige Monate an, jäh unterbrochen von ihrer Mutter, die eines Abends einen zu Boden geglittenen Bogen Papier aufhob und, durch eine Geste des Erschreckens im Gesicht ihrer Tochter stutzig gemacht, eine Indiskretion beging. Misstrauisch fragte sie: »Was ist denn das?« »Nichts. Gib her! Mutter, bitte …« Aber die Katastrophe war erst perfekt, als ihre Mutter die Überschrift las: An den Geliebten. Verwundert fragte sie nun: »An den was? Hast du etwa … ich meine, betätigst du dich nun auch literarisch? Entschuldige, ich sollte nicht lachen. Nun gut, ich überlass dich wieder dem Geliebten.« Natürlich schämte sie sich und war neben ihrer Mutter nun auch zornig auf den fiktiven Adressaten des Gedichtes. Sie hatte sich die Reime in langen Abenden mühsam abgerungen und sie verbessert, neu geformt und laut und leise für sich deklamiert, nur um sie letzten Endes der Lächerlichkeit preiszugeben. Sicher das Schlimmste, was einem Poeten passieren konnte. Offenbar scheiterte dieser Versuch einer künstlerischen Betätigung am Unver-

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