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Ihre Augen huschten schneller als der Vogelschlag eines. Kolibris zu dem Brief. Er wog schwer in ihrer Hand. Dann ließ sie sich vollends ablenken. »Von wem ...
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Jörg S. Gustmann

Blutwechsel

Jörg S. Gustmann

Blutwechsel Thriller

Dieses Buch wurde vermittelt durch die Literaturagentur Lesen & Hören Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag: Schattenmächte (2013), Rassenwahn (2012)

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet: www.gmeiner-verlag.de © 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0 [email protected] Alle Rechte vorbehalten 1. Auflage 2015 Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt Herstellung: Mirjam Hecht Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung eines Fotos von: © zigrit – Fotolia.com Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-8392-4853-9

Willst du einen Augenblick glücklich sein, räche dich. Willst du ein Leben lang glücklich sein, schenke Vergebung. Jean Baptiste Henri Lacordaire (1802 – 1861)

Für meine Familie – der wahre Reichtum in meinem Leben

Prolog

Der Mann, der sich über sein Opfer beugte, entsprach ganz und gar nicht dem Prototyp eines Killers. Doch wie muss man sich gemeinhin einen Killer vorstellen? Die klischeehaft grimmige Visage, verschlagener böser Blick, kantiges und unrasiertes Kinn, eine Narbe über der Wange vielleicht? Diese oder ähnliche Vorstellungen taugen als Vorlagen für Comics, nicht jedoch für das wirkliche Leben. Ein Mensch, der zum Mörder wurde, sieht nicht anders aus als der freundliche Nachbar in der Wohnung nebenan, der attraktive Kellner, der dem weiblichen Gast zuzwinkert, der distinguierte Nachrichtensprecher jeden Abend um acht. Was weiß man schon über die Innenwelten der Menschen, ihre tiefen Abgründe, in die sie niemanden hineinblicken lassen, über die sie selbst erschrecken, wenn sie einen Blick hinunter riskieren würden? Und ab wann ist der Mensch ein Mörder? Erst nachdem er die Tat vollbracht hat oder schon, wenn er sie über Jahre in seinen Hirnwindungen hin und her bewegt hat, als habe er ein Bonbon über die Zunge von einer Seite zur anderen gerollt. Ist der Mensch nicht eine Bestie, auch wenn sie noch angebunden ist? Bei dem Mann, der nun am Boden kniete und sich mit einem Messer an einem Menschen zu schaffen machte, dominierten eben nicht die äußeren Merkmale, die ihn als einen erbarmungslosen Mörder identifizieren ließen, sondern es waren seine inneren Stigmata, seine Prägungen, seine vererbten oder erworbenen Neigungen und Überzeugungen. Sie machten ihn zu dem, was er nie sein wollte – zu einem Killer. Häufig ist auch maßlose Gier das Motiv oder blinder Hass und Rachedurst, oder es ist pure Verzweiflung im Spiel. Psy7

chologen sagen, dass Massenmörder und Amokläufer häufig von einer inneren Leere geprägt seien, während politisch motivierte Taten auf einem pathologischen, gar bizarren Gerechtigkeitsempfinden basierten. Eine detailliert geplante Tat hingegen spreche gegen die Theorie, dass der Mörder unter krankhaftem Realitätsverlust leide. Herr über Leben und Tod zu sein, gottesähnliche Macht auszuüben, nicht das Böse zu verkörpern, sondern das Böse von der Erde hinwegfegen zu wollen, dies sind bei vielen die wahren Motive. Sich im Recht zu wähnen, bei dem, was man tut, ist eine sehr persönliche, subjektive Wahrnehmung, die mit Wahrheit indes nichts zu tun haben muss. Kennzeichnend ist jedoch, dass das Wort Schuld im Bewusstsein des Täters niemals auftaucht. Wie auch immer. Seitdem der Mensch existiert, hat er sich und anderen aus verschiedenen Gründen Gewalt zugefügt. Und doch ist er in der Lage, sich für oder gegen sie zu entscheiden. Jeder Mensch beherbergt das Lamm und den Wolf in seinem Inneren. Ausschlaggebend ist, wen von beiden er füttert. Der Mörder, der mit einem Bein im Schmutz auf den Fliesen eines finsteren Gewölbes kniete, verrichtete die Tat mit Widerwillen. Sein Entschluss stand fest, und doch kam er nun ins Wanken. Er hatte Tränen in den Augen und zitterte. Es war dunkel, nur eine einzige Kerze flackerte im Windhauch, der kaum hörbar durch die Ritzen blies. Mehr Licht, wie von den Neonröhren an der Decke, hätte ihn entlarven können, die Kerze musste genügen. Sie warf den Schatten der zittrigen Hand grotesk an die kahle Wand. Der Boden der Halle wies mehrere Abflüsse auf. An der Wand hing ein aufgerollter Wasserschlauch, der dem Mörder dienlich sein sollte, um anschließend sämtliche Spuren zu beseitigen.

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Für einen kurzen Moment bereute er die Unabänderlichkeit seiner Tat. Er sah die Konsequenzen seines Handelns vor Augen, jene, die dieses Leben betrafen, für den Fall, dass man ihm auf die Schliche käme und solche, die er im nächsten Leben würde ausbaden müssen, so zumindest hatte man es ihn vor langer Zeit gelehrt. Und doch musste er beenden, was er begonnen hatte. Sonst hätte alles keinen Sinn gemacht. Es ging um mehr als nur um ihn selbst. Es ging um viel Größeres. Reue und Trauer hatten an diesem Ort nichts zu suchen. Dafür würde später, für den Rest seines Lebens, noch Zeit sein. Das wusste er schon jetzt, auch wenn ihm die, die hinter ihm standen, dies ausreden wollten. Der Bewusstlose baumelte kopfüber von der Decke, die Fußgelenke an einer Eisenkette befestigt, als das Messer am Hals angesetzt wurde. Der Mörder hasste Blut, es klebte an den Fingern und roch bereits nach Minuten unangenehm. Noch nie hatte er einen Menschen auf diese Weise getötet, und die Technik, die er soeben verwendete, kannte er nur vom Schächten der Tiere. Eine im Orient verbreitete Sitte, doch er war nicht mehr im Orient, sondern befand sich in der westlichen Welt, wo derartige Praktiken nur auf Abscheu und Ekel stießen, erst recht, wenn sie an einem Menschen verübt wurden. An jemandem, der nichts getan hatte, was den Tod verdient hätte, der nicht einmal ein übler Kerl gewesen war, der anderen niemals ein Unrecht zugefügt hatte, der wie ein Lamm war. Im rein juristischen Sinn hatte sich der Mann, der noch für wenige Minuten am Leben war, nie etwas zuschulden kommen lassen, und doch hatte das, was er verkörperte, was er getan hatte und noch tun würde, in den Augen anderer genügt, ihn nicht am Leben lassen zu dürfen.

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Der Schnitt wurde vollzogen. Nun war er zu einem skrupellosen Mörder mutiert. Dies war nicht mehr rückgängig zu machen. Kein Töten in Notwehr oder um Menschen, Häuser oder Länder zu verteidigen, sondern im Dienst einer angeblich großen Sache. Entschuldigungen indes gab es zuhauf und lagen zur Besänftigung des Gewissens parat. Nach Vollendung der Tat nahm der Mörder dem Opfer die Kette von den Füßen und hievte ihn auf einen Metalltisch, der gleich daneben stand. Das nackte, blutleere Fleisch klatschte auf das Aluminium. Er drehte ihn auf den Rücken und blickte in die offenen Augen des Mannes, der den Tod nicht verdient hatte. Ekel vor der eigenen Tat ließ ihn neben den Tisch erbrechen. Er würde es später wegspülen, zusammen mit dem Blut. Seine Arbeit war noch nicht beendet, und es fiel ihm zunehmend schwerer, nicht das Bewusstsein zu verlieren und selbst zu Boden zu fallen. Er hatte sich überschätzt. Gedanken und Taten sind eben zweierlei. Er nahm den dünnen Schlauch und führte ihn in die Halsvene ein. Dann betätigte er eine Fußpumpe, die die schmierige Flüssigkeit anstatt des Blutes in jede Arterie und Vene bringen würde. Jede Kapillare wäre dann nicht mehr mit Blut gefüllt, sondern mit Öl. Das war es, worauf es hinauslaufen sollte. Öl statt Blut! Ein Symbol, eine Botschaft. Er zog den Schlauch wieder heraus und steckte ihn gleich daneben in die mittlere Öffnung unterhalb seines Schnittes. Er pumpte das Öl in den Magen und die Lungen. Abschließend nahm er das Brandeisen zur Hand, befeuerte es mit einem tragbaren Brenner bis zur Glut und drückte dem Opfer das selbst geschmiedete Siegel auf der Brust auf. Es zischte und stank nach verbranntem Fleisch. Nun endlich war die Sache erledigt, und der Mann, der nun ein hundsgemeiner Mörder war, sackte in sich zusam10

men. Was getan war, konnte nicht rückgängig gemacht werden. Eines Tages würde man es verstehen. Vielleicht. Eine Tat, so widersprüchlich und mehrdeutig, die keinem bekannten Schema zugeordnet werden konnte. Wie sollte man sie ihm jemals nachweisen können? Nein, niemals. Nicht dem Mann, der kein Mörder sein wollte. Nicht in diesem Leben.

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Kapitel 1

27. Oktober 2013, Hamburg-Harburg Menschen neigen dazu, obwohl sie mehrfach eines Besseren belehrt wurden, in gewohnten Verhaltensmustern zu verharren, wenngleich es für sie tödliche Konsequenzen haben könnte. Studien belegen, dass nur wenige ihr Surf- und Konsumverhalten im Internet ändern, obgleich sie durch die Medien und unabhängige Quellen wissen, dass sie abgehört, ausspioniert und verfolgt werden. Vielleicht deswegen, weil sie ebenfalls gelesen haben, dass trotz aller Ausspähaktionen seitens NSA, CIA, BKA und anderer Behörden, die noch nicht einmal ein offizielles Kürzel besitzen, kein terroristischer Anschlag je verhindert wurde. Freizügig wie eh und je geben sie Daten und Bilder von sich preis, als gäbe es nichts Böses auf der Welt, als würde ihnen niemand nach dem Leben, ihrem Vermögen oder gar ihrer vollständigen Identität trachten. Ein ähnlich stures und törichtes Verhalten legen Firmen an den Tag. Sie checken nicht die Aktualität ihrer Firewalls, die Unangreifbarkeit der zu schützenden Daten, geschweige denn die Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf die Vermeidung eben erwähnter Anschläge. Sie handeln, als habe es den 11. September nie gegeben, und wenn, dann hat er nicht in Deutschland und erst recht nicht in Hamburg stattgefunden. Dass sich dieses Verhalten einmal rächen sollte, war vermutlich jedem in seinem Unterbewusstsein klar. So auch an diesem schicksalhaften Tag, dem 27. Oktober 2013. Ein unscheinbarer Junge, so um die vierzehn oder fünfzehn, spazierte genau um 17:32 Uhr in das Hauptbüro der Northern 12

Petrol Ag Raffinerie in Hamburg-Harburg hinein. Er trug einen bordeauxroten Pulli mit der Aufschrift eines bekannten amerikanischen Labels, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und somit später auf den Videoaufzeichnungen entsprechend schwer zu erkennen. Auf dem Video, das sich Experten dann ansahen, sah man aus der Vogelperspektive nur die fleckige Nase und in Vergrößerung das Kinn, an dem der erste blonde Flaum zu wachsen begann. Der Junge, dessen Identität und Wohnort nie ermittelt wurden, schlenderte unbekümmert in das Büro hinein und überreichte der Sekretärin, die ihre zehn Finger emsig über eine Tastatur huschen ließ, einen Brief. »Den soll ich hier abgeben«, krächzte der Stimmbrüchige und unterbrach die Angestellte bei der Arbeit. Er hatte eine schlaksige Figur, wie die meisten seines Alters, die Jeans hing weit unter dem Äquator des Hinterns, die Boxershorts ragte sichtbar heraus, er kaute bei geöffnetem Mund auf einem Kaugummi, gab sich betont lässig und hielt sich für cool. Die Sekretärin reagierte zunächst nicht, nahm unterschwellig die Störung wahr, schrieb erst den Satz zu Ende und schielte dann über den Brillenrand hinweg, um den sonderbaren Besucher zu taxieren. Mit zusammengekniffenen Augen streckte sie eine Hand aus, in die der Junge den unfrankierten Umschlag legte. Ihre Augen huschten schneller als der Vogelschlag eines Kolibris zu dem Brief. Er wog schwer in ihrer Hand. Dann ließ sie sich vollends ablenken. »Von wem ist der? Da steht ja gar nichts drauf.« Der Junge zuckte mit der rechten Schulter und verzog den Mund. »Weiß nicht. Hat mir ’n Typ vor dem Tor gegeben. Soll ich hier abgeben.« »Welcher Typ?«, fragte K. Rademann nach. »Na irgend ’n Typ eben. So ’n bescheuerter Schlipsträger.« Da das Schreiben, an dem die Sekretärin K. Rademann vor dem Auftauchen des Jungen gearbeitet hatte, noch bis 13

18 Uhr mit der Post raus musste, kümmerte sie sich zunächst weder um den Brief noch dessen Inhalt oder den Jungen. Ein großer Fehler, der sie und viele andere um Haaresbreite das Leben gekostet hätte. * Zehn Minuten nach sechs, nachdem das fertige Schreiben abgeholt worden war, und sie sich einen beigefarbenen Seidenschal mit braunen zarten Streifen um den Hals gelegt hatte, fiel ihr der Umschlag wieder ein. Ohne Briefmarke und ohne Absender. »Sonderbar«, hauchte sie. Unschlüssig, ob die Sache nicht doch Zeit bis zum nächsten Tag haben könnte, gab ihre Gewissenhaftigkeit den Ausschlag. Sie nahm den Brief zur Hand und hielt ihn, einer Angewohnheit folgend, gegen das Licht. Sie führte ihn sogar an ihre Nase, sie mochte keine Briefe, die nach Nikotin rochen. Bereits im Mantel, langte sie nach dem Brieföffner und ließ das bekannte ratschende Geräusch ertönen. Sie nahm einen gefalteten Zettel heraus, der für helle Aufregung in ihrem Büro, der Raffinerie und der ganzen Stadt sorgen sollte. Sie nestelte nach der Lesebrille in ihrem Etui und las halblaut nuschelnd die Zeilen, die ohne die der Etikette gebotenen höflichen Anrede versehen war. Auf dem Gelände der Petrol Raffinerie befindet sich eine Bombe, die so dimensioniert ist, dass sie große Teile des Geländes zerstören, in Brand setzen und viele unschuldige Menschen in den Tod reißen kann. Sollten nicht bis zum nächsten Morgen acht Uhr Ortszeit jegliche Aktivitäten Ihrer Gesellschaft in Nigeria eingestellt werden, werden wir die Bombe zünden. Islamischer Dschihad

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