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Privatdetektiv Max Koller wird in den Fall hineingezogen: Flavio Petazzi, italienischer Politiker und .... können, und wenn doch, dann in Berlin, in Ramstein oder.
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Marcus Imbsweiler

Altstadtfest

F ALSC H E F Ä H R T E N

Das Heidelberger Altstadtfest. Tausende drängen sich durch die Straßen des historischen Zentrums. Plötzlich fallen Schüsse auf dem Uniplatz, es gibt etliche Tote und Verletzte. Der Täter flüchtet unerkannt. Der Amoklauf eines Verwirrten? Ein Terroranschlag? Oder die Tat von Rechtsradikalen? Fieberhaft ermitteln Polizei und Geheimdienste. Und auch Privatdetektiv Max Koller wird in den Fall hineingezogen: Flavio Petazzi, italienischer Politiker und Vater eines der Opfer, betraut ihn mit eigenen Nachforschungen. Er soll Belege dafür finden, dass allein Petazzis Tochter Ziel des Anschlags war. Gegen seine Überzeugung nimmt Koller den Auftrag an. Und kommt am Ende zu einer unerwarteten Lösung … Marcus Imbsweiler, geboren 1967 in Saarbrücken, lebt seit 1990 in Heidelberg. Er studierte Musikwissenschaft und Germanistik und veröffentlicht regelmäßig Artikel im Bereich Feuilleton. Im Herbst 2007 gab er mit dem Roman »Bergfriedhof«, dem ersten Fall des Heidelberger Privatdetektivs Max Koller, sein sehr erfolgreiches Krimidebüt. 2008 folgte dessen Fortsetzung unter dem Titel „Schlussakt“; „Altstadtfest“ ist der dritte Teil der Serie. Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag: Schlussakt (2008) Bergfriedhof (2007)

Marcus Imbsweiler

Altstadtfest

Original

Kollers dritter Fall

Besuchen Sie uns im Internet: www.gmeiner-verlag.de © 2009 – Gmeiner-Verlag GmbH Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch Telefon 0 75 75/20 95-0 [email protected] Alle Rechte vorbehalten 1. Auflage 2009 Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt Herstellung: Katja Ernst Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung eines Fotos von: © elfefee / photocase.com Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda Printed in Germany ISBN 978-3-8392-1001-7

Personen und Handlung sind frei erfunden.

PROLOG

Als dieser Verrückte auf dem Uniplatz um sich ballerte, stand mit einem Schlag das öffentliche Leben still. Die Würstchenbräter erstarrten hinter ihren Rosten, die Zuckerwatteverkäufer hielten im Zuckerwatteverkaufen inne, die Biertrinker setzten ihre Plastikbecher ab, und die guten Bekannten, die man nicht hatte treffen wollen, stoppten ihren Redefluss mitten in der Silbe. Auch die Musik verstummte. Drüben, auf der Bühne vor der Neuen Aula, blieben der Sängerin einer Volksmusikgruppe die Töne im Hals stecken. Die Gruppe nannte sich die Fidelen Odenthäler, und nie war ihr Name so unpassend wie in diesem Moment. Mitten unter ihnen stand der Attentäter, MP im Anschlag. Ohne Musik keine Sicherheit. Als sie aussetzte, brach den Feiernden eine Stütze weg, eine Wand, an die sie sich, ohne es zu merken, gelehnt hatten. Statt ihrer breitete sich Stille aus: die Druckwelle einer tonlosen Explosion. Eine Sekunde lang war kein Laut zu hören. Ringsum sahen sich die Leute betroffen an. Waren das nicht Schüsse, die gerade …? Ja, es waren Schüsse, und vor allen anderen hatten die Spatzen und Tauben des Uniplatzes ihre Botschaft verstanden. Mit dem Einsetzen der Salve stoben sie in die Höhe, über die Baumkronen, die Dächer der Altstadt, waren längst in die Dämmerung geflattert, als unter ihnen das Chaos losbrach. War es so? Beschwören kann ich es nicht, schließlich glänzte ich an diesem Abend durch Abwesenheit. Aber es gab Berichte, Interviews, Erzählungen, ich sprach mit Menschen, die vor 7

Ort gewesen waren, und am Ende bekam ich sogar eine Filmvorführung, die mich mittelbar zum Augenzeugen des Anschlags machte. Für die Opfer spielte der exakte Ablauf im Übrigen keine Rolle, ihnen war egal, wer wo gestanden, eine Weinschorle gekippt oder eine Wurstsemmel in der Hand gehalten hatte. Jeder Besucher des Heidelberger Herbstes hatte seine eigene Version zu berichten, hatte sein persönliches Attentat erlebt. Es gab Hunderte Geschichten, die sich widersprachen, die von hundert verschiedenen Attentaten erzählten, und alle stimmten sie. Also lassen wir die Würstchenbräter und Zuckerwatteverkäufer an ihrem Ort, auch wenn ich gar nicht weiß, ob beim Heidelberger Herbst Zuckerwatte verkauft wird, und lassen wir das Chaos nach der Stille so losbrechen, wie es immer losbricht: Wir hören die Schreie, diese schrillen, der Todesangst geschuldeten Tierlaute, wir sehen Fluchtbewegungen, weg von der Konzertbühne, rennende, stolpernde, stoßende Menschenmassen, vielköpfige Hilflosigkeit, nackte Panik. Während die Hysterie auf den gesamten Uniplatz übergreift, bleiben auf dem Kopfsteinpflaster vor der Bühne menschliche Leiber liegen, manche reglos, andere zuckend, sich aufbäumend, man krümmt sich, hält sich den Bauch, den Kopf, wimmert, stöhnt, jault. Den Verletzten wird geholfen, aber nicht sofort, nicht in der Minute nach den Schüssen. Auch die Solidarität gehört zu den Opfern des Anschlags. Kinder werden von ihren Vätern aus dem Weg gestoßen, auf einer älteren Dame trampelt man herum, ein Mann bekommt Gulaschsuppe ins Gesicht geschüttet. Nicht zu reden von den Menschen, die sich aus Panik übergeben, denen die Angst in den Darm und von dort in die Unterwäsche schießt, die plötzlich riechen, wie sie noch nie gerochen haben. Nicht zu reden von dem verwirrten alten Herrn, der auf einen Baum klettert und spät in der Nacht von der Feuerwehr in Sicher8

heit gebracht wird; nicht zu reden von dem Mädchen, das nach seiner Mutter ruft, immer wieder, auch am nächsten Tag noch, nach der Mutter, die vor Jahren bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist. Niemand war auf eine Tragödie dieses Ausmaßes vorbereitet. Höchstens die Wirte. In der Viertelstunde nach dem Anschlag wurde nicht ein einziges Bier auf dem Uniplatz verkauft. In der übernächsten Viertelstunde allerdings mehr als in sämtlichen Viertelstunden zuvor. So ungefähr wird es gewesen sein, an diesem Abend auf dem Heidelberger Universitätsplatz, auch wenn ich persönlich nicht anwesend war. Auf dem Pflaster vor der Bühne lagen vier Tote und ein Dutzend Verletzte. ›Blutiger Herbst‹, schrie es eine Sonderausgabe der Neckar-Nachrichten noch in derselben Nacht in die Welt hinaus, bevor die Sonntagszeitungen am nächsten Morgen sekundierten: ›Das Attentat von Heidelberg‹ – ›Amok auf dem Uniplatz‹ – ›Massaker in der Idylle‹. Auch bei der Bild-Zeitung ließ man sich nicht lumpen und widmete dem Vierfachmord die Titelseite; dafür rutschte ein zeitgleich im Irak erfolgter Selbstmordanschlag mit 37 Toten in die Rubrik Vermischtes. Und der Mörder? Von ihm fehlte jede Spur; er blieb unauffindbar, ein Phantom. Der Heidelberger Herbst, das große Altstadtfest, wurde für beendet erklärt. Bis zum Sonntagabend hätte es noch dauern sollen. Nun strichen Verfassungsschützer durch die Gassen, Politiker aller Couleur legten Kränze am Tatort nieder, sogar der Bundespräsident ließ sich blicken. Es ging ja weniger um die Zahl der Opfer; vier Tote forderte die nahe A 5 fast jeden Monat. Es ging darum, dass sich niemand einen derartigen terroristischen Anschlag hatte vorstellen können, und wenn doch, dann in Berlin, in Ramstein oder am Frankfurter Flughafen. Vielleicht noch in Mannheim. 9

Aber nicht in Heidelberg, nicht an einem milden Herbstabend, im Herzen der Kurpfalz, auf heiligem deutschem Boden, wo einst Luther und Goethe, Eichendorff und Schumann und wie sie alle hießen … »Diese Schüsse galten dem ganzen Land«, orakelte der Bundespräsident in jedes Mikro, das ihm vor die Nase gehalten wurde. Er war neben dem Generalbundesanwalt der meistinterviewte Mensch in diesen Tagen und sein Satz der meistzitierte der kommenden Wochen. Diese Schüsse. Dem ganzen Land. Je öfter ich sein Mantra vernahm, desto mehr ärgerte ich mich darüber. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Schüsse jemandem wie mir gegolten haben sollten. Falls doch, gehörte ich zu den 80 Millionen Davongekommenen, und die vier, die es erwischt hatte, waren einfach Pechvögel. Pechvögel unterschiedlicher Herkunft übrigens. Eines der Opfer stammte aus Italien, ein anderes war mit einem Amerikaner verheiratet. Insofern hätte der Bundespräsident ebenso gut behaupten können, das Attentat habe der ganzen Welt gegolten. Was Attentate ja irgendwie immer tun. Der Anschlag ereignete sich am Samstagabend um Viertel nach acht. Ich selbst genoss das Privileg der Unwissenheit noch bis zum nächsten Morgen, dann informierte mich mein Freund Fatty. Natürlich stellte ich sofort den Fernseher an und zappte durch die Sondersendungen auf allen Kanälen, um die Kommentare von Experten, Politikern und dem Mann auf der Straße in mich aufzusaugen. So verständlich die allgemeine Hilflosigkeit war, so erschreckend war das Geschwätz. Keiner wusste Genaueres, aber alle hatten etwas zu sagen. Der eine verurteilte das Attentat, der andere warnte vor Amokläufern, für den Dritten waren es islamische Terroristen, der Vierte hatte Angst vor einem Weltkrieg. Gesicherte Fakten, Hintergrundinformationen? Fehlanzeige. 10

Wer sie besaß, hielt sich bedeckt; Polizei, Geheimdienste und Justiz bildeten eine große Koalition des Schweigens. Mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen, wie es hieß. Nun, das war sicher vernünftig; hilfreich war es nicht. Nicht für einen Zuschauer, der sich durch das Geschehen in irgendeiner Form getroffen fühlte – und wer tat das nicht? –, den angesichts von vier Toten die eine Frage umtrieb: warum? Warum dieses sinnlose Sterben von Menschen, die keinem etwas Böses getan hatten, die kein Land überfallen, keine Minderheit unterdrückt hatten? Als ich vormittags zum Bäcker ging, um ein paar Laugenbrötchen zu kaufen, stand den Leuten genau diese Frage ins Gesicht geschrieben. Ihre Mimik sprach Bände. All der Fassungslosigkeit, des Kopfschüttelns und der betretenen Floskeln hätte es gar nicht bedurft. Die Leute wollten wissen, was passiert war. Und vor allem, warum. Die Bild-Zeitung hatte jede Menge Antworten parat, man musste sich nur eine aussuchen. Ich blätterte sie kurz durch, ohne sie vom Stapel zu nehmen. Anschließend überkam mich das dringende Bedürfnis, mir die Finger zu waschen. Warum? Diese Frage stellten sie sich in Bagdad seit Jahren. Und würden nie eine Erklärung bekommen. Nicht einmal auf Englisch. Zurück im Haus, schaltete ich den Fernseher wieder ein und ließ mich vom Geschwätz der Nichtwisser einnebeln. Wenn die Informationen im Informationszeitalter aus Nichtinformationen bestehen, implodiert das System irgendwann. Ich merkte, wie Wut auf all die mikrobewaffneten Wichtigtuer in mir aufstieg. Als ich vier von ihnen zusammenhatte, die ich am liebsten umgelegt hätte, drückte ich den AusKnopf und stürmte aus der Wohnung. Mein Rennrad trug mich hoch hinaus in den Odenwald. 300 Meter über dem Niveau des Uniplatzes war die Luft 11

frisch und klar. Niemand sprach, niemand belästigte einen mit Einschätzungen, Mutmaßungen, Spekulationen. Der Wald war wie immer, leer und groß und doch wunderschön. Ich fuhr einsame Wege, ohne Ziel, einfach kreuz und quer unter den Wipfeln hindurch. Laut keckernd warnten Eichelhäher vor mir und meiner Spezies. Wie recht sie hatten! Ich war nicht froh, nicht traurig, einfach nur Hülle für Gedanken und Erinnerungen und bescheidene Zukunftspläne. Heute Abend ein paar Bierchen, eisgekühlt. Schachspielen im Englischen Jäger. Mit Christine ins Kino, sobald sie aus Rom zurück war. Ja, sogar das. Wann meine Exfrau von der Schießerei wohl erfahren würde? Hinter Heiligkreuzsteinach fuhr ich eine Gruppe von Wanderern fast über den Haufen. Wir entschuldigten uns gegenseitig, ohne uns in die Augen zu sehen. Die Sonne schien kräftig. Bergab summten meine Reifen gut gelaunt. So verging der Sonntag. Ab und zu das Radio eingeschaltet, durch die TV-Kanäle mäandert. Die islamistische Gefahr. Kampf der Kulturen auf dem Heidelberger Uniplatz. Ein Einzeltäter, geistesgestört. Linksterror, Rechtsterror. Die vielen Gewaltvideos und der Fernsehkonsum. Hollywood hatte Schuld und die Wiedervereinigung und der Verlust der Werte. Das Ganze von vorn. Um neun brachte das dritte Programm endlich eine akzeptable Sendung. Mit dem Vierfachmord vom Uniplatz hatte sie nur indirekt zu tun. Wenn man, so hatten sich die Redakteure gedacht, ratlos vor den gegenwärtigen Ereignissen stand, lohnte vielleicht ein Blick in die Vergangenheit: auf all die Attentate, die Heidelberg bereits hinter sich hatte. Und das waren nicht wenige. 1972 der Anschlag auf die USKasernen in der Südstadt. Drei Soldaten tot, fünf verletzt. 1981 der Beschuss von General Kroesen und seiner Frau, als ihre Limousine aus dem Königstuhltunnel kam. Außerdem 12

Aktionen der Revolutionären Zellen, Farbbeutelattentate randalierender Studenten, Tomaten- und Eierwürfe. Ja, in Heidelberg war einiges los gewesen früher. Nur zu einem Attentat auf Hitler oder einen seiner Nazibonzen hatte es nie gereicht. Erschlagen von all den Aufarbeitungen und dem Palaver, fiel ich um elf ins Bett. Ich hatte ein Bier getrunken, ohne darauf zu achten. Die Flasche war plötzlich leer gewesen, einfach so. Ob der nächste Tag wieder so ein Scheißtag werden würde? In jedem Fall wurde er anders. Ich stand ungewöhnlich früh auf, hörte beim Kaffeekochen die Acht-Uhr-Nachrichten, und die allererste Meldung ließ mich auf die Straße eilen und im Kiosk an der Ecke ein Exemplar der NeckarNachrichten erstehen. Tatsächlich, da stand es, so breit es das Zeitungsformat erlaubte: ›Neonazis laufen Amok‹. Neonazis? Ich schaute mich um, ob das noch meine Stadt war, mein Land, meine Straße, in der ich wohnte. Es sah alles aus wie sonst. Der Himmel war blau, über mir stritt sich ein Elsterpärchen, die Jungs von der Müllabfuhr sammelten gelbe Wertstoffsäcke ein. Aber irgendwo in einer anderen Straße saß angeblich ein Rudel durchgeknallter Rechtsradikaler und heckte einen Anschlag auf den Heidelberger Herbst aus. Glauben wollte ich das nicht. Auch wenn es in der Zeitung stand. Papier ist schließlich geduldig. Nein, ich glaubte nicht, was die Neckar-Nachrichten da in die Welt hinausposaunten. Das Ganze war eine Ente, und nicht einmal eine gelungene. Bis zum späten Vormittag dachte ich so. Dann gab es eine Pressekonferenz, bei der ein Sprecher des Generalbundesanwalts mit versteinerter Miene bestätigte: Es waren Neonazis. Aber ich greife voraus. 13

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Als der Verrückte auf dem Uniplatz um sich ballerte, wurde im Englischen Jäger mal wieder die Welt gerettet. Erst ging es um Außenpolitik, dann um Fußball. Was mitunter dasselbe ist. Wichtige, welterschütternde Themen wurden gewälzt, wie Sisyphos seinen Stein wälzte, immer hoch auf den Heiligenberg und wieder hinunter, und am Ende war jeder von uns ein Philosoph, der steile Theorien aus seinen kleinen grauen Zellen destillierte, bevor sie sich der Alkohol griff. Die Bedeutung Heidelbergs für den Rest der Welt: geklärt. Der 11. September: abgehakt. Ballacks Wade, die Wirtschaftskrise und das neue Stadion in Sinsheim: alle Fragen beantwortet, sämtliche Probleme beseitigt. »Angriff ist die beste Verteidigung!«, rief einer. »Auch am Hindukusch!« »Unsinn!«, ein anderer. »Die Null muss stehen. Haste hinten nix, biste vorne nix.« »Keine Experimente!« »Elf Freunde müsst ihr sein!« »Oder zwölf, wenn der Schiedsrichter bestochen ist.« »Ganz egal, auf die Abwehr kommt es an.« Wer wollte da widersprechen? Ohne Abwehr lief gar nichts. Das war das Mantra aller gescheiterten Fußballer, und von denen gab es im Englischen Jäger genug. Rumpelfüßler, Kampfschweine, Knochenbrecher, Grasnarbentorpedos. Sie bevölkerten die Kneipe, brüllten ihre Weisheiten heraus und spülten sie mit Bier hinunter. Ich mitten unter ihnen. Nur 14