Quirkologie - S. Fischer Verlage

Schon seit Langem faszinieren mich die seltsamen Seiten des menschlichen Verhaltens. Als ich anfing, Psychologie zu studieren, stand ich stundenlang.
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Unverkäufliche Leseprobe des Fischer Taschenbuch Verlages

Richard Wiseman

Quirkologie Die wissenschaftliche Erforschung unseres Alltags

Preis € (D) 8,95 SFR 16,80 (UVP) 304 Seiten, Broschur ISBN 978-3-596-17483-6 Fischer Taschenbuch Verlag

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008

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Einleitung Was Quirkologie ist, warum sie eine Bedeutung hat sowie Geheimuntersuchungen über die Wissenschaft der Teezubereitung, die Macht des Gebets, die Persönlichkeit von Früchten und den Ursprung der La-Ola-Wellen. Schon seit Langem faszinieren mich die seltsamen Seiten des menschlichen Verhaltens. Als ich anfing, Psychologie zu studieren, stand ich stundenlang im Londoner Bahnhof King’s Cross und beobachtete Menschen, die ihre Partner gerade vom Zug abgeholt hatten. In dem Augenblick, wenn sie in leidenschaftlicher Umarmung gefangen waren, ging ich zu ihnen, setzte eine in meiner Hosentasche verborgene Stoppuhr in Gang und fragte: »Entschuldigung, würden Sie bei einem psychologischen Experiment mitmachen? Wie viele Sekunden sind vergangen, seit ich ›Entschuldigen Sie . . .‹ gesagt habe?« An den Ergebnissen konnte ich ablesen, dass Menschen die Zeit stark unterschätzen, wenn sie verliebt sind, oder, wie Einstein einmal sagte: »Sitzt man mit einer schönen Frau eine Stunde zusammen, kommt es einem wie eine Minute vor, sitzt man aber eine Minute auf einer heißen Herdplatte, erscheint es einem wie eine Stunde – das ist Relativität.«

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Das Interesse an den eher ungewöhnlichen Aspekten der Psychologie hat mich während meiner gesamten Berufslaufbahn nicht verlassen. Ich bin nicht als erster Wissenschaftler gefesselt von diesem Ansatz der Verhaltensforschung. In jeder Forschergeneration gab es eine geringe Zahl von Menschen, die das Seltsame, Ungewöhnliche untersuchten. Als Begründer der ganzen Richtung kann man Sir Francis Galton bezeichnen, jenen eigenbrötlerischen viktorianischen Wissenschaftler, der einen großen Teil seines Lebens der Beschäftigung mit ausgefallenen Themen widmete.1 Ganz objektiv ermittelte er, wie langweilig die Vorlesungen seiner Kollegen waren: Dazu zählte er immer wieder, wie oft die Zuhörer herumzappelten. Ebenso stellte er eine »Schönheitskarte« Großbritanniens auf, indem er die Hauptstraßen der großen Städte entlangspazierte und mit einem Zählapparat in der Hosentasche heimlich festhielt, ob die Vorübergehenden gut, mittelmäßig oder schlecht aussahen (wobei London am besten und Aberdeen am schlechtesten abschnitt). Umstrittener waren Galtons Untersuchungen zur Wirksamkeit von Gebeten.2 Wenn Gebete wirklich etwas bewirkten, so seine Hypothese, müssten die Angehörigen des Klerus – die sicher mehr und inniger beteten als die meisten anderen – eine besonders hohe Lebenserwartung haben. Als er aber Hunderte von Einträgen in biografischen Lexika analysierte, stellte er fest, dass Geistliche in Wirklichkeit früher starben als Anwälte und Ärzte; nun war der tiefreligiöse Galton gezwungen, die Wirksamkeit von Gebeten infrage zu stellen. Selbst die Teezubereitung erregte Galtons Interesse: Er brachte Monate damit zu, die beste Methode zur Herstellung einer perfekten Tasse Tee auszutüfteln. Dazu konstruierte er unter anderem ein Spezialthermometer, mit dem er die Wassertemperatur in seiner Teekanne ständig überwachen konnte. Nach umfangreichen Versuchen gelangte er schließlich zu dem Schluss:

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Der Tee war körperreich, voller Geschmack und kein bisschen bitter oder fade . . . wenn das Wasser in der Teekanne ständig bei 180 bis 190 Grad Fahrenheit blieb und acht Minuten auf den Blättern gestanden hatte.3 Voller Zufriedenheit über seine gründliche Untersuchung erklärte Galton stolz: »Andere Geheimnisse in der Teekanne gibt es nicht.« Auf den ersten Blick wirken Galtons Untersuchungen zu Langeweile, Schönheit und Teezubereitung sehr unterschiedlich, aber alle sind ausgezeichnete frühe Beispiele für eine Methode zur Erforschung menschlichen Verhaltens, die ich als »Quirkologie« bezeichne. Einfach ausgedrückt, geht es in der Quirkologie darum, die seltsameren Aspekte unseres Alltagslebens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Auf diesem Teilgebiet der Psychologie haben einige wenige Wissenschaftler in den letzten hundert Jahren Pionierarbeit geleistet, aber es wurde nie offiziell als Fachgebiet anerkannt. Die beteiligten Forscher wandelten auf Galtons Spuren und hatten den Mut, in jenes Neuland vorzustoßen, das Mainstream-Akademiker nicht zu betreten wagen. Unter anderem – untersuchten sie, wie viele Menschen nötig sind, um in einem Fußballstadion eine »La Ola«-Welle auszulösen;4 – ermittelten sie die Kapazitätsgrenze des visuellen Gedächtnisses, indem sie Menschen baten, sich 10 000 Fotos genau einzuprägen;5 – erforschten sie, welche Persönlichkeitsmerkmale verschiedenen Obst- und Gemüsesorten zugeschrieben werden (Zitronen gelten beispielsweise als unangenehm, Zwiebeln als dumm und Champignons als soziale Aufsteiger);6 – zählten sie, wie viele Menschen ihre Baseballkappen

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richtig herum oder mit dem Schirm nach hinten tragen;7 – stellten sie sich mit Spendensammelbüchsen auf Supermarkt-Parkplätze und maßen, wie sich die Formulierung der Bitte um Spenden auf die gespendete Summe auswirkte (die Aussage »jeder Pfennig hilft« führte zu einer Verdoppelung der Spenden);8 – entdeckten sie, dass der Weihnachtsmann auf Kinderzeichnungen in der Adventszeit immer größer wird und dann im Januar wieder zusammenschrumpft.9 Ich selbst habe in den letzten zwanzig Jahren viele ähnlich seltsame Forschungsarbeiten zum Verhalten der Menschen durchgeführt. Ich habe untersucht, mit welchen Anzeichen sich ein Lügner verrät, wie unsere Persönlichkeit durch den Geburtsmonat geprägt wird, welche Geheimwissenschaft hinter Speed-Dating und Kontaktanzeigen steht und was der Sinn für Humor bei einem Menschen über die innersten Funktionen seines Geistes aussagt. Im Rahmen meiner Arbeiten beobachtete ich heimlich, wie Menschen ihren Alltagstätigkeiten nachgingen; ich führte in Kunstausstellungen und Konzerten ungewöhnliche Experimente durch, und ich inszenierte sogar Pseudoseancen in angeblichen Spukhäusern. An den Studien beteiligten sich Tausende von Menschen aus der ganzen Welt. Über diese Abenteuer und Experimente berichte ich in dem vorliegenden Buch. Gleichzeitig ist es eine Hommage an die ungewöhnlichen Forschungsarbeiten jener kleinen Gruppe engagierter Wissenschaftler, die während der letzten hundert Jahre die Fahne der Quirkologie hochgehalten haben. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit der geheimen Psychologie hinter einem anderen Aspekt unseres Lebens, von der Täuschung bis zur Entscheidung und vom Egoismus bis zum Aberglauben. Unterwegs werden uns viele meiner Lieblingsbeispiele für seltsame, aber faszinierende Forschungsarbeiten begegnen. In den Experimenten ging es beispielsweise darum, mit dem Auto an

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einer Verkehrsampel stehen zu bleiben und das Ausmaß des nachfolgenden Gehupes zu messen; zu untersuchen, warum eine unverhältnismäßig große Zahl von Meeresbiologen den Namen Dr. Fish trägt; heimlich zu analysieren, was für Leute mehr als zehn Artikel durch die Expresskasse der Supermärkte schleusen; Menschen zu bitten, eine Ratte mit einem Küchenmesser zu enthaupten; festzustellen, ob die Selbstmordquote im Zusammenhang mit der Menge der im Radio gespielten Countrymusik steht; und zweifelsfrei nachzuweisen, dass Freitag, der 13. ein ungesunder Tag ist. Die Forschungsarbeiten, von denen hier die Rede sein wird, waren in ihrer Mehrzahl bisher in abgelegenen Fachzeitschriften begraben. Es handelt sich dabei um ernsthafte Wissenschaft, und manches davon hat wichtige Auswirkungen auf unser Leben und die Struktur unserer Gesellschaft. Aber im Gegensatz zur überwiegenden Mehrzahl der psychologischen Forschungen haben alle diese Studien etwas Kauziges. In manchen dienten allgemein übliche Methoden zur Klärung ungewöhnlicher Fragen. Andere gingen allgemein verbreitete Fragestellungen mit ungewöhnlichen Methoden an. Und alle sind die Folge des ungewöhnlichen Verhaltens von Verhaltensforschern. Los geht’s mit der Quirkologie!

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