neue nachbarn

er alle zwei bis drei Jahre die Wohnung wechselt, da ihm jedes Mal die Mieter in seiner unmittelbaren Umgebung zu laut sind. Seine letzte Wohnung befand sich in einem Haus voller Senioren … Auch soll er sehr auf Reinlichkeit achten. All das erfuhr ich noch bevor er einzog von den anderen. Mietern. Mir sollte es recht ...
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Silke Grünberg

Alles hat auch eine gute Seite ... Such sie doch! Erzählungen

INHALT Neue Nachbarn ................................................................ 4 Der geplante Arztbesuch ................................................ 11 Der Fleck ........................................................................ 15 Osterbrunch ................................................................... 20 Bonbons, hausgemacht................................................... 23 Verschollene Urnen ........................................................ 25 Die Suche nach Oma ...................................................... 29 Autokauf ........................................................................ 33 KFZ-Anmeldung ............................................................. 36 Die Tür ........................................................................... 40 Der Brand....................................................................... 44 Notaufnahme ................................................................. 47 Arbeitsamt Verden ......................................................... 56 Schulweg ....................................................................... 60 Großprojekt Dusche........................................................ 65 Weihnachten – Grüße an meinen Vater .......................... 71 Goldene Hochzeit oder Die Lebenslüge ........................... 74 Zahnarztbesuch und seine Folgen ................................... 77 Krankentransport............................................................ 82 Gewitterschaden ............................................................ 87 Danksagung ................................................................... 90 Impressum ..................................................................... 91 Unsere Leseempfehlung ................................................. 93 Unsere Leseempfehlung ................................................. 95

NEUE NACHBARN

N

ach 15 Jahren fern der Heimat, die ich aus beruflichen Gründen verließ, zog es mich wieder nach Hause. Da dies auch der Wunsch meiner Familie war, nahm sie mich gerne auf. Doch auch wenn man gut miteinander auskommt, konnte das nur eine Zwischenlösung sein. Jeder, der dringend eine angemessene Wohnung sucht, weiß, wie schwer es ist, eine zu finden. Mir ging es nicht anders. Doch dank einer engagierten Mitarbeiterin einer Wohnungsbaugesellschaft bekam ich schon nach kurzer Zeit drei Wohnungen zur Besichtigung angeboten. Entschieden habe ich mich letztlich für eine Zwei-EinhalbZimmerwohnung; Sie war kaum teurer als die ZweiZimmer-Wohnungen, lag in der Nähe meines Arbeitsortes und zudem sehr ruhig – nun ja, im Moment noch nicht, da die Straße erneuert wurde, aber danach wieder … Das Haus ist ein Plattenbau, hat jedoch nur vier Etagen. Saniert war es auch. Meine Wohnung befindet sich in der zweiten Etage. Die Wohnung unter mir wurde noch behindertengerecht umgebaut. Bei diesen Arbeiten konnte ich – wenn ich es denn darauf anlegte – im Bad den Unterhaltungen der Handwerker folgen. Die Bäder sind ja immer etwas hellhöriger als die anderen Räume. Und in denen wird es sowieso leiser, wenn sich erst einmal Bodenbelag und Möbel darin befinden. 4

Ich nahm den vorübergehenden Baulärm – draußen wie drinnen – also hin, wusste ich doch, dass so eine Straße früher oder später fertig ist und unter mir ein ruhiges älteres Pärchen einziehen würde. Ungefähr eine Woche nach mir bezog der Mieter über mir seine Wohnung. Er ist Mitte vierzig, Rentner aufgrund einer Krankheit und im ganzen Viertel bekannt dafür, dass er alle zwei bis drei Jahre die Wohnung wechselt, da ihm jedes Mal die Mieter in seiner unmittelbaren Umgebung zu laut sind. Seine letzte Wohnung befand sich in einem Haus voller Senioren … Auch soll er sehr auf Reinlichkeit achten. All das erfuhr ich noch bevor er einzog von den anderen Mietern. Mir sollte es recht sein, einen ruhigen Übermieter zu bekommen. Ich selbst halte mich ja auch für nicht besonders laut. Deshalb werden wir uns sicherlich gut vertragen. Dachte ich. Bald sollte ich eines Besseren belehrt werden. Am Morgen nach seinem Einzug erwachte ich um 6:00 Uhr durch eine kleine Melodie mit anschließendem sechsmaligem Gong. Noch im Halbschlaf und etwas irritiert nahm ich es erst einmal hin. Irgendwann später hörte ich ein Klacken, dem ein helles, lautes Surren folgte. Ein Staubsauger. Meine Uhr zeigte 6:30 Uhr. Von nun an begann mein Tag um 6:00 Uhr mit der Spieluhr des Nachbarn, die bis um 21:00 Uhr abends stündlich die gleiche Melodie herunterrasselte. Zwischen 6:30 Uhr und 8:00 Uhr wurde Staub gesaugt, konsequent, angekündigt durch das Klacken, wenn der Stecker in die Steckdose geschoben wird. Dann das beständige Rubbeln 5

auf dem Fußboden … ›Ich werde wohl oder übel mit ihm reden müssen‹, nahm ich mir vor. Einige Tage später klingelte ich an seiner Tür. Nach einem »Guten Tag«, der nicht so gemeint war, brachte ich ihm mein Anliegen höflich vor. Ich erzählte ihm von meiner Arbeitszeit, oft bis spät in die Nacht, und ob er sich nicht dazu durchringen könnte, erst ab 8:00 Uhr Staub zu saugen. Damit war er nun aber gar nicht einverstanden. Er sieht nicht ein, so erklärte er, auf jemand anderen Rücksicht zu nehmen, wenn die über ihm so laut sind. »Hören Sie denn nicht, wie die da oben rumtrampeln?«, fuhr er mich an. Ruhig bleiben, das war das Wichtigste. Ich wollte schließlich was von ihm. Ich schlug ihm vor, mal mit den Mietern oben zu reden. Schließlich tun wir das auch gerade. Und für Fehler anderer kann er mich nicht bluten lassen. So ging es hin und her, fast zehn Minuten, bis er schließlich nachgab. Im Gegenzug versprach ich, meine Türen abzudichten, um das Klappern beim Lüften zu verhindern. Dass ich das bereits auf meinem Plan hatte, teilte ich ihm nicht mit. Die Musik seiner Uhr stellte er aber nicht ab, denn das sei ja gerade das Besondere. (Diese Melodie ist so besonders, dass er sie zur Zeit der Uhrumstellung den ganzen Morgen dudeln ließ. Die Batterie für eine Stunde herauszunehmen, war ihm wohl zu kompliziert.) Beide hielten wir uns an die Vereinbarung. Ich dichtete meine Türen noch am selben Tag ab, um meinen guten Willen zu zeigen. Die Staubsaugerei begann jetzt meistens 8:02 Uhr. Ein kleiner Erfolg. Das Wecken um 6:00 Uhr jedoch blieb. Und: Das dicke Ende kam erst noch. Ich erwähnte bereits seinen Putzfim6

mel. Um in dieser Zeit nicht untätig zu sein, trat an die Stelle des Staubsaugens das Fußbodenscheuern. Dabei wird auch unter der Heizung gründlich gereinigt. Jeden Tag, versteht sich. Ich hasse diesen hellen Klang, wenn man gegen Heizkörper schlägt. Und seine befinden sich natürlich ausgerechnet über meinem Schlafzimmer. Zwei Wochen später klingelte es an meiner Tür. Vor mir stand der Nachbar von gegenüber mit seiner Frau. Sein Gesicht rot vor Aufregung. »Haben Sie schon in ihren Briefkasten geschaut?«, fragte er mich. Ich sah ihn erstaunt an. Das konnte nichts Gutes heißen. Ich wühlte nach meinem Briefkastenschlüssel, doch da konnte er schon nicht mehr an sich halten. »Wir haben alle ein Schreiben erhalten, dass es von nun an verboten sei, kleine Schuhschränke vor die Tür zu stellen. Wir wohnen schon über 15 Jahre hier, und es war noch nie ein Problem. Sie und der Mieter über Ihnen sind neu eingezogen. Es muss sich also einer von Ihnen beschwert haben«, brachte er aufgeregt hervor. Ich versicherte ihm, dass nicht ich es war und ich mir selbst etwas Kleines in den Flur stellen wollte. Er beruhigte sich etwas, das hätte er auch nicht gedacht, dass ich das gewesen sei, sagte er, nahm seine Frau und ging. Damit war die Sache für mich erledigt. Das Schreiben fand ich dann später in meinem Briefkasten. Damit auch niemand sagen konnte, er hätte es nicht bekommen, wurde es zusätzlich ans ›Schwarze Brett‹ genagelt. Später stellte sich heraus, dass dieses Schreiben nur unser Aufgang erhalten hatte.

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Eine Woche später. Es war ein Sonntag. Dieses Wochenende hatte ich frei. Gegen halb neun drang Jahrmarktmusik an mein Ohr. Natürlich war mein erster Reflex, das Fenster aufzusuchen. Der große Platz vor dem Haus wurde als Materialdepot für den Straßenbau missbraucht. Wo also kann hier eine Festlichkeit stattfinden? Das Ganze dauerte bestimmt bis 11:00 Uhr. Nun gut. Wenn die Leute Spaß am Feiern haben, sollen sie es von mir aus. Der nächste Sonntag brachte mir dann die gleiche Musik zur gleichen Zeit. Nur wesentlich lauter. Erst da merkte ich, dass die Musik von meinem oberen Mieter kam. Und so ging das nun jeden Sonntag. Immer dieselbe CD. Immer ein wenig lauter. Es war letztlich noch nicht einmal möglich, ein Telefongespräch zu führen. Die Sonntage mochte ich zwar noch nie besonders, nun aber war ich regelrecht froh, auch öfter mal am Wochenende arbeiten zu dürfen. Als ein Kollege mich einmal bat, seinen Sonntagsdienst zu übernehmen, stimmte ich freudig zu. Und als hätte er’s gerochen, hatte der da oben nichts Besseres zu tun, als seine Jahrmarktmusik schon Samstag durch das Haus dröhnen zu lassen. Endlich waren die Bauarbeiten in der Wohnung unter mir beendet. Einen Monat später fuhr ein Möbelwagen vor. Die Wohnung wurde erwartungsgemäß von einem älteren Pärchen bezogen. Einige Nächte später, ich wartete auf den letzten 9-UhrGong, traute ich meinen Ohren kaum. Ein Kuckuck schrie. Womit habe ich das verdient?

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Im Gegensatz zu der Melodie ist der Kuckuck zwar leiser, schreit dafür aber die ganze Nacht. Jede Nacht reißt mich das Kuckucksgeschrei aus dem Halbschlaf. Dann liege ich wach und stell mir vor, wie ich mit Holzschuhen durch die Wohnung laufe, damit die auch was davon haben. Oder ich schaffe mir eine Uhr an, die stündlich eine Fanfare spielt. Ich liege wach und denke: ›Du musst vor dem nächsten Mal eingeschlafen sein. Du musst vor dem nächsten Mal eingeschlafen sein ...‹ Der Gedanke regt mich dann aber oft so auf, dass es mir nicht möglich ist. Auch habe ich herausgefunden, dass die Uhr pro Nacht fast zwei Minuten nachgeht. Ab einem Unterschied von 20 bis 30 Minuten zur wirklichen Zeit, wird sie fünf Minuten vorgestellt. Wozu haben die denn das Ding? Antwort: Um Nachbarn zu ärgern. Nun fing ich vor lauter Ärger an, auch auf andere Dinge zu achten. Der Mann in der Wohnung unter mir zum Beispiel war Raucher. Um seine eigene Wohnung nicht zu verpesten, nutzte er den Balkon. Zu meinem Leidwesen. Denn natürlich zog der Qualm – der Gestank ähnelte der Zigarettenmarke Karo, kann aber auch ein anderes Kartoffelkraut gewesen sein – nach oben. Wenn ich ihn inhalierte, war es schon zu spät. So musste mein Zimmer später noch einmal vom Lüften gelüftet werden, und es dauerte gute zwei Stunden, bis der Gestank wieder raus war. Das erinnerte mich an die früheren Zugfahrten. Beim Einsteigen drängelten die Raucher, um Plätze in den Nichtraucherabteilen zu erwischen. Sie wollten schließlich die Fahrt nicht in stickiger Luft verbringen. Wir Nichtraucher standen 9