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Paul Guyer

Die Beweisstruktur der Grundlegung und die Rolle des dritten Abschnittes

Erschienen in: Dieter Schönecker (Hrsg.), Kants Begründung von Freiheit und Moral in Grundlegung III ISBN 978-3-89785-078-1 (Print)

mentis MÜNSTER

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Paul Guyer DIE BEWEISSTRUKTUR DER GRUNDLEGUNG UND DIE ROLLE DES DRITTEN ABSCHNITTES 1

1. Einleitung Indem ich mich des Titels von Dieter Henrichs berühmtem Aufsatz über die transzendentale Deduktion der Kritik der reinen Vernunft bediene, 2 schlage ich vor, dass sich das zentrale Argument der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten ebenso in zwei Schritten vollziehen muss. Selbstverständlich wissen wir alle, dass sich dieses Argument in zwei Schritten vollzieht, da Kant dies explizit sagt: zunächst erfolgt ein analytischer Schritt und dann ein synthetischer (4:392, 4). 3 Kant verweist wiederholt darauf, dass die inhaltliche Ableitung des kategorischen Imperativs in den Abschnitten I und II der Grundlegung rein analytisch sei und dass es allein im Abschnitt III, basierend auf der dort vorgenommenen Kritik unseres Vermögens der reinen praktischen Vernunft, einen »synthetischen Gebrauch der reinen praktischen Vernunft« gebe, durch den demonstriert werde, dass »der kategorische Imperativ und mit ihm die Autonomie des Willens wahr und [. . .] ein a priori schlechterdings notwendig[es]« und synthetisches Prinzip sei (4:445, 9). Kant schreibt zudem, dass die »[g]egenwärtige Grundlegung (. . .) nichts mehr, als die Aufsuchung und Festsetzung des obersten Prinzips der Moralität« sei (4:392, 3), und es scheint ganz natürlich, diese Anmerkung im Sinne der analytisch/synthetisch-Unterscheidung zu interpretieren, welche direkt daran anschließt: die Identifikation oder anders formuliert, die inhaltliche Eingrenzung des Prinzips, die in den Abschnitten I und II erfolgt, wird analytisch sein, und die Bestätigung oder Etablierung dieses Prinzips, welche in Abschnitt III erfolgt, wird synthetisch sein. Eines meiner Anliegen in diesem Text ist es, dafür zu argumentieren, dass diese Interpretation von Kants Verwendung der analytisch /synthetisch1 2 3

Der Text von Paul Guyer wurde von Larissa Berger ins Deutsche übersetzt. Siehe Henrich (1968–69, S. 640–659; ders. 1982, S. 66–81). Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten wird nach der von Bernd Kraft und Dieter Schönecker 1999 im Felix Meiner-Verlag (Hamburg) besorgten Ausgabe zitiert. Die Band-, Seitenund Zeilenangaben beziehen sich auf die Akademie-Ausgabe (AA).

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Unterscheidung in der Grundlegung nur ein Teilaspekt ist, und dass es einen anderen Gebrauch der Unterscheidung gibt, welcher vom ersten abgegrenzt werden muss, und aufgrund dessen es sowohl analytische als auch synthetische Momente in den Argumenten der Abschnitte I und II statt nur im Abschnitt III gibt. Ich werde in kurzer und knapper Form auf diesen Punkt zurückkommen, da er nicht meinen Hauptpunkt darstellt. Dieser Punkt ist vielmehr, dass es in der Grundlegung eine weitere Unterscheidung zwischen Argumentationsmethoden gibt, die weniger offensichtlich, aber von entscheidender Wichtigkeit für das Verständnis der Struktur von Abschnitt II ist, sowie für das Verständnis davon, was in Abschnitt III bewiesen werden soll. Es handelt sich dabei um die Unterscheidung zwischen »apagogischen« Argumenten – indirekten Argumenten oder Argumenten durch Ausschluss –, und »ostensiven« Argumenten bzw. direkten oder positiven Argumenten; und mein Argument wird sein, dass Kants Übergang von der Universalisierungsformel zur Menschheitsformel im zweiten Abschnitt der Grundlegung nichts geringeres darstellt, als einen Übergang von einem negativen zu einem positiven Argument bzw. von einem apagogischen zu einem ostensiven Argument und dass der Übergang von der analytischen zur synthetischen Methode, welcher zwischen den Abschnitten II und III vollzogen werden soll, besser verstanden werden kann, wenn wir diese Tatsache über Abschnitt II identifiziert haben. Während Kant das Konzept der Menschheit als einen Zweck an sich selbst in Abschnitt II einführt, schreibt er, dass es, obgleich es den »Grund eines möglichen kategorischen Imperativs« darstelle (4:428, 5), nur ein »Postulat« sei, wobei die »Gründe dazu« nicht vor Abschnitt III dargelegt werden könnten (4:429, Fn.). Mein Argument wird lauten, dass wir die erste von diesen Anmerkungen nur als Markierung von Kants Wende von einem negativen zu einem positiven Argument innerhalb des Abschnitts II verstehen können, und dass wir dann das zentrale Argument von Abschnitt III besser verstehen können, wenn wir es als einen angestrebten Beweis dafür ansehen, dass das Prinzip der Menschheit als ein Zweck an sich selbst nicht nur ein Postulat, sondern – um mit den Worten Kants vom Ende des Abschnitts II zu sprechen – »wahr und als ein Prinzip a priori schlechterdings notwendig ist« (4:445, 10).

2. Zwei Bedeutungen der analytisch-synthetisch Unterscheidung Aber hier nun zunächst mein kurzer Kommentar zu den zwei verschiedenen Bedeutungen der analytisch/synthetisch-Unterscheidung in der Beweisstruktur der Grundlegung. Im Anschluss an seine Anmerkung, dass die

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gegenwärtige Grundlegung auf nichts anderes abzielt als die »Aufsuchung und Festsetzung des obersten Prinzips der Moralität« (4:392, 33), fährt Kant fort: Ich habe meine Methode in dieser Schrift so genommen, wie ich glaube, daß sie die schicklichste sei, wenn man von der gemeinen Erkenntnis zur Bestimmung des obersten Prinzips desselben analytisch und wiederum zurück von der Prüfung dieses Prinzips und den Quellen derselben zur gemeinen Erkenntnis, darin sein Gebrauch angetroffen wird, synthetisch den Weg nehmen will. Die Einteilung ist daher so ausgefallen: 1. Erster Abschnitt: Übergang von der gemeinen sittlichen Vernunfterkenntnis zur philosophischen. 2. Zweiter Abschnitt: Übergang von der populären Moralphilosophie zur Metaphysik der Sitten. 3. Dritter Abschnitt: Letzter Schritt von der Metaphysik der Sitten zur Kritik der reinen praktischen Vernunft. (4:392, 17)

Diese Passage ist verwirrend. Sie kann klarerweise nicht so verstanden werden, als würde sie zuerst einen Übergang von alltäglichen Konzeptionen der Sittlichkeit zu philosophischen beschreiben, dann von dort aus zu einer Metaphysik der Sitten, und schließlich von dort zu einer Kritik der reinen praktischen Vernunft – aus dem einfachen Grund, dass die alltägliche rationale moralische Erkenntnis, die in Abschnitt I beschrieben wird, von Kant als fundamental gültig angesehen wird, obgleich sie leicht »verdorben« (siehe 4:390, 2) oder »verführt« (4:405, 1) würde, und daher zu angemessener philosophischer moralischer Erkenntnis führt, während die populäre Moralphilosophie, die zu Beginn des Abschnitts II diskutiert wird, nicht fundamental gültig ist, sondern vielmehr genau die Verführung der commen-sense Moralität repräsentiert und durch eine korrekte philosophische Erkenntnis der Moral ersetzt werden muss, obgleich nun in der Form einer Metaphysik der Sitten. Vielmehr nehmen die Abschnitte I und II ihren Ausgangspunkt von verschiedenen Data – von einem gültigen allgemeinen Konzept der Moral in Abschnitt I und einer Metaphysik der Sitten, oder einer philosophischen Konzeption eines vernünftigen Handelnden in Abschnitt II 4 – und gelangen zum selben Ergebnis, nämlich einer Identifikation des obersten Prinzips der Sittlichkeit oder der Begrenzung oder Formulierung seines Inhalts – obgleich dies, und das ist entscheidend für meinen Hauptpunkt, vollkommener in Abschnitt II als in Abschnitt I geschieht. Aber nichts davon ist problematisch, da beide Übergänge – von der gemeinen zur philosophisch rationalen Erkenntnis der Moral und von der Ersetzung der populären Moralphilosophie durch eine korrekte Metaphysik der Sitten – methodisch immer noch als vollständig analytisch betrachtet werden können und unsere Annahme, dass 4

Siehe 412.