Die Auswirkungen einer Scheidung auf Bindungssicherheit und ...

Forschungsgruppe um Prof. Dr. Elisabeth Sander an der Universität Koblenz das Ziel gesetzt in einer Längsschnittstudie das Erleben, Bewerten und Verar- ...
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Simone Kirst

Geschiedene Eltern – Belastete Kinder? Die Auswirkungen einer Scheidung auf Bindungssicherheit und Erziehungsstil

disserta Verlag

Kirst, Simone: Geschiedene Eltern – Belastete Kinder? Die Auswirkungen einer Scheidung auf Bindungssicherheit und Erziehungsstil, Hamburg, disserta Verlag, 2015 Buch-ISBN: 978-3-95425-628-0 PDF-eBook-ISBN: 978-3-95425-629-7 Druck/Herstellung: disserta Verlag, Hamburg, 2015 Covermotiv: © laurine45 – Fotolia.com

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INHALTSVERZEICHNIS I

EINLEITUNG............................................................................................... 11

II THEORETISCHE GRUNDLAGEN.............................................................. 13 1 Trennung und Scheidung und ihre Folgen für die Kinder ........................ 13 1.1 Ansätze der Scheidungsforschung .................................................... 13 1.2 Scheidungsgründe ............................................................................. 16 1.3 Der Scheidungsprozess..................................................................... 18 1.4 Die Folgen der Trennung und Scheidung für die betroffenen Kinder ................................................................................................ 20 1.4.1 Charakteristika des Kindes ......................................................... 21 1.4.1.1 Alter und Entwicklungsstand ................................................ 21 1.4.1.2 Geschlecht ........................................................................... 22 1.4.1.3 Temperament ...................................................................... 23 1.4.2 Faktoren im familiären System ................................................... 23 1.4.2.1 Familiales Konfliktniveau ..................................................... 23 1.4.2.2 Kompetenz des/r sorgeberechtigten Elternteils/e ................ 24 1.4.2.3 Die Beziehung zum abwesenden Elternteil ......................... 26 1.4.2.4 Sorgerechtsregelung ........................................................... 26 1.4.2.5 Wiederheirat ........................................................................ 27 1.4.2.6 Geschwister ......................................................................... 27 1.4.3 Ökonomische Situation ............................................................... 28 1.4.4 Weitere externe Faktoren ........................................................... 29 1.4.5 Langzeitfolgen ............................................................................ 29 1.5 Scheidung als Chance ....................................................................... 30 2 Bindungstheorie und -forschung .............................................................. 32 2.1 John Bowlby und die Wurzeln der Bindungstheorie .......................... 33 2.2 Die Bindungstheorie .......................................................................... 34 2.2.1 Bindungsverhalten ...................................................................... 34 2.2.2 Elterliche Feinfühligkeit ............................................................... 36 2.2.3 Explorationsverhalten ................................................................. 38 2.2.4 Innere Arbeitsmodelle (internal working models) ........................ 38 2.3 Mary Ainsworth und die Klassifikation der Bindungsqualität .............. 40 2.3.1 Die Fremde Situation (Strange-Situation-Test) ........................... 41 2.3.2 Desorganisation im Bindungsverhalten ...................................... 48

2.4 Die Untersuchung der mentalen Bindungs-repräsentation ................ 49 2.5 Phasen der Bindungsentwicklung ...................................................... 51 2.6 Stabilität der Bindungsmodelle .......................................................... 52 2.7 Langfristige Konsequenzen der Bindungs-unterschiede ................... 56 2.8 Bindung und Trennung ...................................................................... 58 2.9 Kritische Betrachtung der Bindungstheorie........................................ 59 3 Erziehungsstile ........................................................................................ 62 3.1 Begriffsklärung................................................................................... 62 3.2 Der Einfluss elterlicher Erziehung ...................................................... 63 3.3 Erziehungsstilforschung..................................................................... 65 3.3.1 Fragestellungen .......................................................................... 65 3.3.2 Vom Typen- zum Dimensionen- Konzept ................................... 66 3.3.3 Apriori-Modelle ........................................................................... 68 3.3.4 Methoden der Erziehungsstilforschung....................................... 69 3.4 Zentrale Erziehungsstildimensionen und das Erziehungsstilmodell nach Diana Baumrind ........................................................................ 70 3.5 Wirkung der Erziehungsstile .............................................................. 73 3.6 Determinanten elterlicher Erziehung ................................................. 77 3.7 Kritische Betrachtung der Erziehungsstilforschung ........................... 80 4 Zusammenhänge zwischen den Theoriebereichen Scheidung, Bindung und Erziehungsstil ..................................................................... 82 4.1 Die Auswirkungen einer Scheidung auf die Bindung des Kindes(ձ).......................................................................................... 83 4.2 Die Bedeutung des Erziehungsstils ................................................... 86 4.2.1 Der Einfluss einer Scheidung auf den Erziehungsstil (ղ) .......... 86 4.2.2 Der Einfluss des Erziehungsstil auf die Bindungsentwicklung (ճ).............................................................................................. 90 4.3 Das Risiko-Schutz-Modell.................................................................. 93 III EMPIRISCHER TEIL................................................................................... 95 5 Fragestellung ........................................................................................... 95 6 Methode ................................................................................................... 97 6.1 Auswahl und Merkmale der Stichprobe ............................................. 97 6.2 Erhebungsmethoden und ihre Durchführung ..................................... 99 6.3 Auswertung der Daten ..................................................................... 101 7 Ergebnisse ............................................................................................. 103 7.1 Scheidung der Eltern und Bindung der Kinder................................. 103 7.2 Scheidung der Eltern und kindperzipierter Erziehungsstil ............... 107

7.3 Erziehungsstil und Bindungssicherheit ............................................ 109 8 Interpretation der Ergebnisse................................................................. 113 9 Zusammenfassung und Ausblick ........................................................... 116 IV TABELLEN- UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS .................................... 119 V LITERATURVERZEICHNIS ...................................................................... 120

I

EINLEITUNG

Die Scheidungshäufigkeit hat in Deutschland besonders seit Mitte der 60er Jahre erheblich zugenommen. Bleibt die Scheidungsziffer konstant werden ca. 37 % der heute geschlossenen Ehen in Scheidung enden. 2002 betrug die absolute Zahl der Ehescheidungen in Deutschland 204 214. Ca. 50 % der geschiedenen Ehepaare haben noch minderjährige Kinder. Aus deren Perspektive ist damit zu rechnen, dass ca. 20 % der in den 90er Jahren geborenen Kinder von Ehepaaren vor Erreichen der Volljährigkeit mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert werden. Damit steigt zugleich die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland an. Insgesamt betrug sie im Jahr 2000 1,77 Mio., wobei der überwiegende Anteil (63,1 %) geschieden ist oder getrennt lebt. Die übrigen Alleinerziehenden setzen sich aus Ledigen und Verwitweten zusammen. 85,5 % der Alleinerziehenden sind Mütter, nur 14,5 % Väter. Im Jahr 2000 lebte jedes zehnte Kind bei seiner geschiedenen oder getrennt lebenden Mutter, in durch Trennung oder Scheidung verursachten Vaterfamilien lebten dagegen nur weniger als 2% (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2003).

„Was bedeutet dies für die Kinder?“ Das ist die Frage, die im Rahmen dieser Studie an erster Stelle interessiert. Die Scheidung ist der formal-rechtliche, an bestimmte öffentliche Vorschriften gebundene Akt der Eheauflösung. Im Gegensatz zu dieser juristischen Sicht stellt sie sich für die betroffenen Kinder und ihre Familien jedoch nicht als singuläres Ereignis dar, sondern als langwährender, komplexer Veränderungs- und Entwicklungsprozess, der eine Vielfalt von Anpassungsleistungen auf verschiedenen Ebenen erfordert. Er beginnt bereits vor der juristischen Scheidung und geht weit über sie hinaus. Obwohl Scheidungsstudien in Deutschland allmählich zunehmen, konzentriert sich die empirische Forschung auf den angloamerikanischen Raum. Die Ergebnisse dort sind zwar Grundlage für deutsche Forschungsarbeiten, jedoch aufgrund unterschiedlicher kultureller, ethnischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge nur bedingt übertragbar. Aus diesem Grund hat sich eine Forschungsgruppe um Prof. Dr. Elisabeth Sander an der Universität Koblenz das Ziel gesetzt in einer Längsschnittstudie das Erleben, Bewerten und Verar11

beiten des Trennungs- und Scheidungsgeschehens der Eltern durch die Kinder zu erheben. Dazu werden 6-8 jährige Kinder und ihre Mütter nach der Trennung, sowie weitere zweimal im Abstand von jeweils einem Jahr, zu unterschiedlichen Erlebens- und Verhaltensbereichen befragt. Ein Vergleich der Ergebnisse wird durch die parallele Befragung einer Kontrollgruppe gleichaltriger Kinder aus Familien ohne Scheidungserlebnis ermöglicht. Dieses Buch entstand im Rahmen der ersten Erhebungswelle dieser Studie. Es konzentriert sich dabei auf zwei Teilgebiete der umfangreichen Untersuchung. Betrachtet werden die Bindungssicherheit der Scheidungskinder im Vergleich zu den Kindern aus Zweielternfamilien als auch der Erziehungsstil in den beiden Familienformen. Die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen den Aspekten Scheidung, Bindung und Erziehungsstil steht dabei im Vordergrund. Um die Fragestellung in ihren theoretischen Zusammenhang einzubetten wird sich der erste Teil des Buches mit den bisherigen theoretischen Erkenntnissen und empirischen Ergebnissen der drei Themenkomplexe befassen. Nach einer Betrachtung der möglichen Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten schließt sich der empirische Teil der Studie an, in dem die Auswertung der erhobenen Daten erfolgt.

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II THEORETISCHE GRUNDLAGEN 1 Trennung und Scheidung und ihre Folgen für die Kinder 1.1 Ansätze der Scheidungsforschung In den USA wird bereits seit den 20er Jahren rege Scheidungsforschung betrieben, in Deutschland dagegen erst seit den 80ern. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Scheidung bis in die 90er hinein aufgrund gegensätzlicher moralischer, politischer und religiöser Wertvorstellungen ein spannungsgeladenes Thema war (Maier-Aichen, 2001). Noch bis ins 20. Jahrhundert galt sie als zu sanktionierende moralische Verfehlung und später als pathologisches Problem, das therapeutischer Behandlung bedarf (Rottleuthner-Lutter, 1989). Erst heute sieht man die Scheidung als einen möglichen Weg Konflikte zu beenden. Die Lösung einer Ehe wird zunehmend akzeptiert, wenn sie sich als unglücklich herausstellt. Natürlich ist die Scheidung weiterhin als kritisches Lebensereignis im Sinne von Filipp (1990) zu betrachten, doch die veränderte Sichtweise hat in der empirischen Scheidungsforschung zu einem Wandel geführt. Der ursprüngliche Defizitansatz betrachtete Scheidungsfamilien aus einem klinisch-therapeutischen Blickwinkel, im Vergleich zur intakten und oft idealisierten Normalfamilie, als grundsätzlich defizitär. Die Auflösung der Ehe galt als persönliches Scheitern der Eltern, von dem man zwangsläufig katastrophale Folgen für die betroffenen Kinder erwartete1. Geschiedene wurden diskriminiert und die Kinder aus den so genannten „broken homes“ bedauert, so dass es in einer Art self-fulfilling-prophecy tatsächlich zu ungünstigen Entwicklungen der Kinder kam. In früheren Studien wurden zunächst vollständige und unvollständige Familien gegenübergestellt, ohne z.B. zwischen Scheidungsund Witwenfamilien zu differenzieren. Ziel war dabei von vorneherein die negativen Auswirkungen eines Vaterverlustes zu untersuchen. Allmählich fand man heraus, dass die Art des Vaterverlustes aber durchaus eine Rolle spielt und Scheidung wurde in der Folgezeit als besonders negative Form gewertet. Diese monokausalen Ansätze kamen dann auch übereinstimmend zu den erwarteten Ergebnissen. Neben den bereits benannten Mängeln wurde etwa ab 1

z.B. Verhaltensauffälligkeiten, Schulversagen, psychische Störungen, geschlechtsrollenatypische Verhaltensweisen, Bindungsunfähigkeit

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den 70er Jahren allmählich deutlich, dass das Vorgehen einer kritischen Prüfung nicht standhält. So wurden positive Veränderungen über die Zeit nicht beachtet, ebenso wenig wie weitere Einflussgrößen etwa aus dem sozioökonomischen Bereich, es fand eine einseitige Orientierung an quantitativen Aspekten der Beziehung zum Vater statt und die Perspektive der Kinder wurde nicht einbezogen. Hinzu kommt die Dominanz klinischer Stichproben, d.h. es wurden v.a. Kinder aus Scheidungsfamilien betrachtet, die bereits psychologisch-therapeutische Hilfe in Anspruch genommen hatten. Nicht selten wurden die Daten zur Vaterabwesenheit sogar nur als Randprodukt in Studien mit anderer Fragestellung erhoben2. So ließ sich die Liste methodischer Mängel weiter fortsetzen. Aus diesen Erkenntnissen heraus erfolgte ab den 70er Jahren eine Weiterentwicklung des Untersuchungsvorgehens, indem vermehrt längsschnittlich und multikausal angelegte Studien, die ein komplexes Muster an Einflussfaktoren einbeziehen, in Gang gebracht wurden. Man erkannte, dass die begleitenden Umstände einer Scheidung deutlich variieren und setzte die Reaktionen der Kinder nun auch in Beziehung mit der jeweiligen Lebenssituation vor, während und nach der Scheidung und betrachtete sie nicht mehr als rein scheidungsbedingte Phänomene. Die Auswahl der Kontrollgruppen erfolgt zudem sorgfältiger (Sander, 1988). Becker et al. (1993) stellen die ersten komplex angelegten Längsschnittstudien der 70/80er ausführlich vor, dazu gehören Hetherington, Cox und Cox, Kurdek, Blisk und Siesky sowie Wallerstein und Kelly. Aus neuerer Zeit stammt z.B. die Virginia Longitudinal Study of Divorce and Remarriage von Hetherington (vgl. Schneewind, 1999). Im deutschsprachigen Bereich ist aus neuerer Zeit v.a. die Kölner Längsschnittstudie von SchmidtDenter (2000) und Beelmann zu nennen. In der Scheidungsforschung unterscheidet man heute weiterhin zwei Sichtweisen: -

Die ältere wird als Desorganisationsmodell bezeichnet und ist noch stärker am Defizitansatz angelehnt. Die Scheidung gilt hier als Endpunkt der familiären Entwicklung, der zur Auflösung des Familiensystems führt (MaierAichen, 2001). Die Vorstellungen der Mitglieder werden demnach so unvereinbar, dass sie sich nicht mehr unter ein gemeinsames Ziel subsumieren

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In solchen Studien besteht jedoch der Vorteil, dass man auch über Daten aus der Zeit vor der Scheidung verfügt, wogegen explizite Scheidungsstudien i.d.R. erst nach der Trennung der Eltern einsetzen.

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lassen. Was bleibt ist eine „Restfamilie“, i.d.R. die allein erziehende Mutter mit ihrem/n Kind/ern. Nach diesem Ansatz gelten Probleme der Kinder ebenfalls als zwangsläufige Folge. Eine Überwindung der Probleme wird in der Stärkung der Restfamilie gesehen, das dysfunktional wirkende Familienmitglied wird ausgegrenzt. Die Kritikpunkte dieses Ansatzes richten sich •

auf das normative Bild der lebenslang gelebten Kernfamilie, welches der heutigen Vielfalt nicht gerecht wird,



auf das Verständnis von Scheidung als Scheitern, welches den Aspekt des konstruktiven Neuanfangs außer acht lässt,



auf die Verengung der Perspektive auf die Ehepartner, während die Re-Definition der Elternbeziehung unbeachtet bleibt,



auf die Betonung äußerer Merkmale der Familie (z.B. gemeinsames Wohnen) statt psychologischer Faktoren (z.B. Zusammengehörigkeitsgefühl),



und auf die Bestimmung der Sichtweise durch Zustandsbestimmungen (geschieden vs. vollständige Familie) anstelle von Entwicklungen.

-

Das Reorganisationsmodell betrachtet die Scheidung dagegen aus systemtheoretischer Perspektive als eine mögliche Entwicklung von Ehebeziehungen. Man geht unter diesem Blickwinkel von einem Weiterbestehen und einer erforderlichen Neuorganisation der familiären Beziehungen, Rollen und Aufgaben aus. Scheidung wird als komplexes prozesshaftes Geschehen betrachtet, das viele Anforderungen an die Familienmitglieder stellt. Anstelle eines normativen Familienbildes, geht man von vielfältigen aber gleichwertigen Familientypen aus. Aus der Ursprungsfamilie wird nun ein binukleares Familiensystem, man spricht auch von der Zwei-Kern-Familie. Das bedeutet, die beiden getrennten elterlichen Haushalte bilden nun zwei Zentren von Familienbeziehungen mit komplementären Entwicklungsbedingungen und wechselseitiger Beeinflussung. Im Vordergrund stehen die Eltern-Kind-Beziehung und der Grundsatz, weiterhin den Kontakt zu beiden Elternteilen zu ermöglichen. Die geforderte Reorganisation betrifft sowohl die Rollen der Einzelnen, als auch die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sowie die Aufgabenteilung, Freizeitgestaltung, Beziehungen zum sozialen Netz etc. Die neueren systemischen Ansätze lenken den Fo15

kus außerdem auf die Zeit vor der Scheidung und die dort bereits vorhandenen Konflikte und versuchen darüber hinaus auch positive Aspekte der Scheidung herauszustellen. Eine noch neuere Perspektive ist der Family-Transition-Ansatz, der Scheidung und Wiederheirat als mögliche Übergänge im Familienzyklus sieht, die anderen Übergängen (z.B. dem Beginn der Elternschaft) qualitativ entsprechen. Sie werden als Normalereignisse betrachtet und nicht als nicht-normative kritische Lebensereignisse (vgl. Textor, 1991). Hier besteht jedoch die Gefahr einer Verleugnung der Scheidungsrealität. Fthenakis (1995) gibt einen Überblick über zusammenfassende Darstellungen des Forschungsstandes sowohl internationaler als auch deutschsprachiger Forschung.

1.2 Scheidungsgründe Zur Erforschung der Scheidungsgründe gibt es drei Zugangswege. Erstens untersuchen sozialdemographische Studien den Einfluss bestimmter Merkmale der Ehepartner auf die Stabilität der Ehe (Rottleuthner-Lutter, 1989). So sind beispielsweise Frühehen besonders stark gefährdet in Scheidung zu enden, mit zunehmender Ehedauer sinkt dagegen das Risiko, da die Hindernisse zunehmen (z.B. Haus, Kinder, schlechte Alternativen). In Städten ist die Scheidungsrate weiterhin höher als auf dem Land. Zweitehen und Ehen von Personen, die bereits eine Scheidung in der Herkunftsfamilie erlebt haben (intergenerationale Transmission), gelten ebenfalls als gefährdeter. Die Kinderzahl wirkt sich differenziert aus: Ein gestiegenes Risiko stellte man bei Ehen ohne Kinder und bei besonders vielen Kindern fest, ebenso zum Zeitpunkt, wo die Kinder älter sind. Das Gewicht von Einkommen und Bildung wird in verschiedenen Studien unterschiedlich beurteilt, besonders riskant scheinen jedoch Ehen von gegenüber ihrem Mann höher qualifizierten Frauen zu sein. Der zweite, eher seltene Zugang untersucht die subjektiven Gründe der Scheidung aus Sicht der Betroffenen (Rottleuthner-Lutter, 1989). Anstelle mangelnder Unterstützung und finanzieller Probleme stehen heute sexuelle Schwierigkeiten und/oder Untreue sowie Blockierung der eigenen Entwicklung und Kommunikationsprobleme an erster Stelle. Frauen bewerten die eigene Ehe i.d.R. negativer, für sie spielen auch Alkohol und physische oder psychische Gewalt sowie wenig unterstützen16