Der Tod ist nichts

Wirklich krank. Sie hat Krebs, genaugenommen Leukämie. Aber sie spricht wirklich gut auf die Therapie an, manche Ärzte glauben sogar, dass sie wieder ...
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Carina Mader

Todesschatten Roman

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© 2014 AAVAA Verlag Alle Rechte vorbehalten 1. Auflage 2014 Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag Coverbild: Carina Mader Printed in Germany

AAVAA print+design Taschenbuch: Großdruck: eBook epub: eBook PDF: Sonderdruck:

ISBN 978-3-8459-1307-0 ISBN 978-3-8459-1308-7 ISBN 978-3-8459-1309-4 ISBN 978-3-8459-1310-0 Mini-Buch ohne ISBN

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Lebendig, bis der Tod uns scheidet. Lebendig, bis zum letzten Augenblick.

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Kapitel 1

„Der Tod ist nichts“, sagte sie mir.

Ich schmettere meinen Schulranzen ins Eck, greife nach meiner Jacke und eile die Treppe hinunter. Dann drücke ich meiner Großmutter einen Kuss auf die Stirn, winke und renne aus dem Haus. In der Garage schnappe ich mir das Rad, ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus, denn ich muss meine Schwester besuchen. Den Weg durch die Stadt kenne ich besser als meine eigene Hosentasche, schließlich fahre ich ihn jeden Tag. Denn meine Zwillingsschwester ist krank. Wirklich krank. Sie hat Krebs, genaugenommen Leukämie. Aber sie spricht wirklich gut auf die Therapie an, manche Ärzte glauben sogar, dass sie wieder 5

gesund werden könnte. Ich lächle bei dem Gedanken an meine Schwester, ich liebe sie, sie ist alles, was ich noch habe. Denn unsere Eltern sind beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Damals waren wir zwölf. Heute, drei Jahre später, leben wir bei unserer Großmutter. Ich bin oft traurig und muss jeden Tag Tabletten gegen die Depressionen nehmen. Das hilft mir zwar, die Trauer teilweise zu verdrängen, aber da ist sie trotzdem noch. Nachdem ich am Krankenhaus angekommen bin, schließe ich das Fahrrad ab. Dann nehme ich die Schokolade aus dem Korb, weiße Schokolade mit Smarties, die isst Jo am liebsten. Ich steuere durch die langen, tristen Gänge auf Jos Zimmer zu, auch diesen Weg kenne ich schon auswendig. Bei jedem Schritt schaue ich auf meine Füße, ich will es mir nicht antun, die kahlen, weißen Krankenhauswände anzusehen. Es ist deprimierend. Dann biege ich um die letzte Ecke und hebe den Kopf. 6

Mein Blick fällt auf das kleine Schildchen neben der Tür. Josephine Sannler, Zimmer 894. Meine Schwester ist hier Dauergast. Ich klopfe an und betrete das Zimmer. „Abbey!“, ruft Jo, kaum, dass ich zur Tür herein bin. Ich spüre einen Stich im Herz, als ich meine Schwester sehe. Sie liegt blass in ihrem Bett, aber als sie meinen traurigen Blick sieht, richtet sie sich mühsam auf. „Bleib ruhig liegen“, murmle ich, aber Jo tut so, als würde sie meine Worte gar nicht wahrnehmen. Haare hat sie keine mehr, aber dafür Augenbrauen und dieselben dichten, langen Wimpern wie ich auch. Unter der Bettdecke zeichnet sich ihr schmaler Körper ab, bei uns in der Familie waren sowieso schon alle dünn und klein, aber Jo ist dann doch nochmal eine Stufe magerer. Ich vermisse ihre langen, schwarzen Haare, die meinen so geglichen haben und auch den Glanz in ihren grünen Augen. Ich gehe auf sie zu und umarme sie, dann überreiche ich ihr die Schokolade. 7

„Hast du keine Hausaufgabe?“, fragt sie, denn normalerweise erledige ich diese immer hier, damit Jo nicht allein ist. „Nein“, sage ich und schüttle den Kopf, „Wir haben doch seit heute Sommerferien“ Jo schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Wie konnte ich das vergessen?“ Ich zucke die Achseln und grinse, sie soll nicht merken, dass mir ihre Vergesslichkeit schon seit längerem auffällt. Dann lasse ich mich auf das leere Bett gegenüber fallen. „Wie war dein Zeugnis?“, fragt Jo. Wieder zucke ich die Achseln. Ich habe nachgelassen, seit dem Tod unserer Eltern und Jos Krankheit. Aber schließlich habe ich die Versetzung in die Zehnte ja geschafft… „Hier“, sagt Jo und bricht ein Stück von der Schokolade für mich ab. Ich nehme ihr nur ungern das Essen, sie besteht doch nur noch aus Haut und Knochen. Ich bin ihr dafür dankbar, dass sie keinen Kommentar zu meinen Noten abgibt. 8

Dann schwingt die Türe auf und Schwester Gabby tritt ein. Ihre langen blonden Haare hängen wirr aus ihrem Zopf heraus und das bedeutet, dass sie mal wieder einen anstrengenden Tag hinter sich hat. „Abigail!“, ruft sie aus, als sie mich erblickt, „Wie geht es dir?“ „Gut“, antworte ich und setze ein Lächeln auf. „Und dir?“ „Ach, es ist stressig heute“, seufzt Gabby und wischt sich mit dem Handrücken die losen Haare aus der Stirn. „In der Entbindungsstation ist heute ein Frühchen an einer Infektion gestorben. Jetzt sind natürlich sämtliche Ärzte da, um herauszufinden, ob es sich hier auf der Station angesteckt hat, oder es die Infektion schon sein Leben lang herumgetragen hat…“ Ich schaue sie bestürzt an, mir tun die Eltern des Kindes auch so leid. „Wie geht es der Mutter?“, frage ich sanft. „Ach, kannst du dir ja vorstellen. Völlig fertig, der Vater auch. Die Armen, nicht? Schlimm…“ Gabby wendet sich Jo zu, die 9

dem Gespräch mit düsterer Sorgenfalte zugehört hat. „Ich muss dir wieder Blut abzapfen“, meint Gabby entschuldigend und wechselt damit das Thema, aber ich weiß, dass das Jos kleinstes Problem ist. Ich presse die Augen zusammen, während Gabby ihr das Blut abnimmt und öffne sie erst wieder, als die Schwester den Raum verlassen hat. Jo verdreht die Augen, aber ich ignoriere sie. „Was machst du so in den Ferien?“, will Jo wissen. Ich weiche ihrem Blick aus. „Weiß nicht… eigentlich nichts…“ „Abigail!“, ermahnt mich meine Schwester und schaut mich eindringlich an. „Ich wünsche mir von dir, dass du etwas unternimmst! Geh ins Kino oder mit den anderen ins Schwimmbad! Mit Luke oder so, der wartet doch nur drauf!“ „Aber ich kann doch auch dich besuchen…“ Jetzt wird Jos Blick weich. „Ja, kannst du ja auch. Am Vormittag für eine Stunde oder so. Aber doch nicht den ganzen 10

Tag! Ich kann mich auch selbst beschäftigen. Ich schreibe mit meinen alten Freunden, skype mit Tante Rose in Berlin, schaue irgendeinen Scheiß im Fernsehen, höre Musik, male etwas… Aber du musst auch mal was machen!“ Wieder muss ich verlegen auf meine Schuhe schauen, denn sie hat eigentlich recht. Aber ich will gar nichts anderes tun. „Ich kann Luke ja mal fragen…“, meine ich vage, dabei denke ich gar nicht daran. Dabei habe ich das mit Luke schon seit über einem Jahr geklärt. Ich kann jetzt unmöglich wieder bei ihm antanzen. Aber meine Worte beruhigen Jo ein bisschen und sie wechselt wieder das Thema. Ich verbringe den ganzen Nachmittag bei ihr, wie immer, aber heute verspreche ich ihr nicht, dass ich morgen da bin. Das würd sie nur aufregen. Ich verabschiede mich von Jo und gehe dann. Draußen auf dem Gang ist jetzt um diese Uhrzeit viel los. Ich schiebe mich zwischen Schwestern, Ärzten, Abendbrotwägen und 11

Besuchern hindurch und bin froh, als ich draußen bin. Obwohl es schon nach sieben ist, ist es noch ziemlich schwül. Kein Windchen weht und ich habe keine Lust, Fahrrad zu fahren. Aber weil mir nichts anderes übrig bleibt öffne ich schließlich doch das Schloss und mache mich auf den Weg nach Hause. Ich fahre gerade gedankenverloren über eine Kreuzung, als ich plötzlich einen schnellen Radfahrer von links wahrnehme. Ich bremse heftig ab, aber es ist für uns Beide zu spät. Er fährt voll in mein Vorderrad und wir kippen beide um. Ich habe die Augen fest zusammengepresst, aber der Schmerz durchzuckt mich trotzdem. Das Fahrrad ist voll auf mich draufgeknallt und der Radfahrer von links liegt stöhnend eingeklemmt zwischen unseren Rädern. Er registriert, dass er meinen Fuß platt macht und steht schnell auf. Als er mich so demoliert am Boden sieht rauft er sich niedergeschlagen die Haare, die dunkelblond in alle Richtungen abstehen. Ich mustere ihn schnell, groß, aber nicht riesig, muskulös, aber 12

nicht protzig, stechend blaue Augen, gerade, schmale Nase, schmale Lippen. Ich schätze ihn auf sechzehn oder siebzehn. Er sieht gut aus, vor allem jetzt, als er mich so entschuldigend anlächelt. Und jetzt erkenne ich ihn auch, er ist aus der Klasse über mir. Mittlerweile haben ein paar andere Autos angehalten, eine Frau ist zu uns herüber gekommen. „Oh Gott, was ist passiert?“, fragt sie hysterisch und hilft dem Jungen schnell, das Fahrrad von meinem Körper zu ziehen. Ich schaue an mir herunter, meine Beine haben viel abbekommen, weil ich nur abgeschnittene kurze Hosen trage und auch meine Arme sind ziemlich verkratzt, ich trage nur ein dünnes Top. An beiden Knien habe ich eine Schürfwunde, die aber nicht so schlimm ist. Meine Schienbeine sind blutig und aufgeschürft, an meinem linken Oberschenkel prangt ein hübscher Bluterguss. Auch meine Ellenbogen sind wund und schmerzen. Aber alles sind Gott sei Dank nur oberflächliche Wunden. 13

Unsere Familie scheint das Unglück förmlich anzuziehen, stelle ich in Gedanken fest. Der Junge nimmt jetzt meine Hand und zieht mich vorsichtig hoch, er hat nur einen Kratzer je an Ellenboden und Knie abbekommen. Ich bedanke mich und erkläre der Frau vier Mal, dass alles in Ordnung sei, ehe sie wieder zurück zu ihrem Auto geht. „Oh man, tut mir echt leid!“, sagt der Junge zum x-ten Mal. „Schon gut“, winke ich ab, obwohl mein Knie höllisch schmerzt. „Ich bin übrigens Finn“, stellt er sich dann mir vor und kramt in seinem Fahrradkorb nach Pflastern. „Abigail“, antworte ich trocken. Finn holt eine kleine Dose heraus, die vollgestopft ist mit Pflastern. Er öffnet sie und besteht darauf, sich persönlich um mich zu kümmern. „Das Unglück hat es auf mich abgesehen“, erklärt Finn mit einem Blick auf die vielen Pflaster. Ich muss grinsen, denn er passt wohl zu mir. 14

„Da bist du wohl nicht der einzige“, erwidere ich deshalb. „Wieso?“, will Finn wissen und bedeutet mir mit einer Bewegung, dass ich ihm den Arm entgegen strecken soll. Ich zögere kurz, doch dann antworte ich ihm. „Meine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, vor drei Jahren. Meine Schwester und ich sind zu meiner Oma gezogen, aber ein halbes Jahr nach dem Unfall wurde bei Jo Leukämie diagnostiziert“ Ich weiß nicht, warum ich das alles erzähle, denn normalerweise erfahren nicht mal meine Freunde davon. Naja, seit dem Unfall habe ich ja auch nicht mehr viele, schließlich habe ich mich völlig zurückgezogen. Ich schüttle verwundert über meine Antwort den Kopf, denn irgendetwas an Finn lässt mich ihm vertrauen, er fasziniert mich auf seltsame Art, aber irgendwie macht mir das auch Angst. „Oh, das, äh, tut mir wirklich leid. Sorry“, meint Finn leise mit gesenktem Blick, bevor er

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