Der Borderline Traveller-1

nate Bademeister und das Arbeitsamt bezahlt den Aufenthalt (Saisonbademeister arbeiten in. Wien von April bis September und leben den. Rest des Jahres ...
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Heli Brasil

Der Borderline Traveller Band 1 Roman

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© 2014 AAVAA Verlag Alle Rechte vorbehalten 1. Auflage 2014 Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag Coverbild: Heli Brasil Printed in Germany

AAVAA print+design Taschenbuch: ISBN 978-3-8459-1191-5 Großdruck: ISBN 978-3-8459-1192-2 eBook epub: ISBN 978-3-8459-1193-9 eBook PDF: ISBN 978-3-8459-1194-6 Sonderdruck:Mini-Buch ohne ISBN AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin www.aavaa-verlag.com eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken! Alle Personen und Namen innerhalb dieses eBooks sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Kapitel 1

Ich sitze in der Küche meiner 42m² Garçonnière und starre auf ein etwa 500 Seiten starkes Buch mit dem klingenden Namen „Bürgerliches Recht, Teil I“. Die letzte Prüfung meines Studiums der Rechte steht an und das bedeutet nur eines: lernen – Tag für Tag, Woche für Woche. Wie so oft fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren und ich bin wie so oft nicht in der Lage, meine Gedanken bei den schuldrechtlichen Problematiken zu halten. Ich fixiere die Wand, die von färbigen Einkerbungen gesäumt ist – Einschlagstellen diverser juristischer Bücher, die ich für Prüfungen auswendig lernen musste und die mir seit Beginn meines Studiums regelmäßig wiederkehrende Wutanfälle beschert haben. 4

Mein Blick wandert zum Fenster. Es ist einer dieser trüb-depressiven Dezembertage. »Robert, du Drecksau«, fluche ich leise vor mich hin. Mein ehemaliger Kollege aus dem Bad verweilt gerade im warmen Indonesien. Drei Monate Bali, drei Monate Brasilien, sechs Monate Bademeister und das Arbeitsamt bezahlt den Aufenthalt (Saisonbademeister arbeiten in Wien von April bis September und leben den Rest des Jahres von der Arbeitslosenunterstützung. Wer dem Amt glaubhaft versichern kann, dass er nächste Saison wieder seinen Dienst antreten wird, kann entspannt, wenn auch nicht legal, das Land verlassen und auf Staatskosten die Sonne genießen). Der Gedanke an Robert macht mich immer aggressiver. Wofür soll ich diesen Scheißdreck eigentlich lernen? Ich, als ehrenwerter Rechtsanwalt in einem steirischen Kaff mit meiner Freundin, die bereits 5

von der Anrede in der Billa-Feinkostabteilung „Grüß Sie, Frau Doktor, wie viel Extrawuascht deafs denn heit sein?“ träumt, einem Kind, einem Hund und einem Familien-Van, die Sonntage bei den Eltern verbringend (mit Gesprächen über Kind, Arbeit und Haus) und maximal zwei Kurzurlaube pro Jahr? Mir wird schlecht bei der Vorstellung, ein solches Leben führen zu müssen, das so viele Menschen vermeintlich glücklich macht. Ich will leben, ich will keine Verantwortung übernehmen, ich will frei sein und raus aus diesem kleinbürgerlichen Land mit einer der weltweit höchsten Lebensqualität – weg von diesen grauen, depressiv wirkenden Gesichtern, diesen hässlichen, stinkenden, chronisch unzufriedenen, hinterrücks lästernden, frustrierten, alten Menschen, die dieses Land bevölkern und ich will vor allem meine Reisen nicht aufschieben, wie das Ehepaar von der Nachbarstiege, das nur noch zu 50 Prozent aktiv ist, da der Mann kurz nach seiner Pensio6

nierung einen Schlaganfall erlitten hat und jetzt von seiner Frau gepflegt wird. Ich bin nicht so wie diese Spießer da draußen. Ich bin anders, immer schon gewesen, auch in negativer Hinsicht.

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Kapitel 2

Ich war in etwa drei Jahre alt, als ich am Bauernhof meiner Großeltern schwere Steine zu einer leeren Wassertränke schleppte. Nach verrichteter Arbeit holte ich sechs kleine Kätzchen, trug sie zur Tränke, warf sie hinein und erschlug sie mit den Felsbrocken. Gibt es ein angeborenes, bösartiges SadismusGen, das die Lust am Quälen manifestiert oder zeigt der „Kätzchenmord“ nur die in mir steckende, ungeheure Wut auf meine Mutter (die Katze als Symbol für die Frau?), die mich aufgrund ihrer Berufstätigkeit bei meinen Großeltern abgestellt hat? Aber kann ein Kind, das seine Zeit bei den Großeltern verbringen muss tatsächlich traumatisiert werden? Kann diese Trennung wirklich der Grund dafür sein, seine Mutter zu hassen? 8

Oder war es in Wirklichkeit meine Großmutter, die für meine spätere Entwicklung verantwortlich gemacht werden muss und mich zu jenem kleinen Monster gemacht hat, das Frauen verachtet? Wer trägt die Schuld? Tatsache ist, dass es zu jener Zeit alle gut mit mir meinten, vor allem was das Essen betraf – so eben auch meine Großmutter. Von Krieg und Hungersnot geprägt, schoppte (vollstopfen; der Ausdruck wird für Mastgänse verwendet) sie mich solange, bis ich mich bei Tisch übergab. Erst nachdem ich alles angekotzt hatte, war ich ihrer Ansicht nach satt. Doch Mutter und Großmutter waren nicht die Einzigen, die als „Schuldige“ in Frage kommen. Was ist etwa mit der Erzieherin im Kindergarten? Trägt nicht auch sie die Verantwortung dafür, dass ich so bin wie ich bin? Tatsache ist, dass frau auch im Kindergarten auf eher eigenartige Weise um meine Erzie9

hung bemüht war. Tante Susanne hieß jene „Pädagogin“, die uns Kinder zum Aufessen des servierten Fraßes zwang und in der Ruhestunde für Zucht und Ordnung sorgte: Wer sich nicht still verhielt, wurde mit zugeklebtem Mund ans Bett gefesselt (bis die Eltern davon Wind bekamen, dauerte es). Da ich des Öfteren unter den Regelbrechern war, kam ich immer wieder in den Genuss, meine Strafe im Bettgefängnis abliegen zu müssen. Meine Mutter (die noch dazu meinen Bruder gebar!), meine Großmutter und Tante Susanne – sind sie dafür verantwortlich, dass ich im Volksschulalter psychisch auffälliges Verhalten gezeigt habe? Tatsache ist, dass mein Eintritt in die Volksschule gleichzeitig mit der Geburt meines Bruders erfolgte. Als ich den kleinen Körper das erste Mal sah, kam sofort ein Gefühl von Neid und Hass in mir auf (Motto: Wie kann SIE mir das antun und einen Konkurrenten gebären?), wo ich es doch gewohnt war, im 10

Mittelpunkt zu stehen und Aufmerksamkeit zu erregen. Damit war es nun jedoch vorbei, da sich mit dem Auftauchen dieses Kontrahenten (und als einen solchen sah ich ihn eben) meine privilegierte Position allmählich in Luft aufzulösen begann, was mich enorm wütend machte. Es muss doch jedem einleuchten, dass man diese ungeheure Wut irgendwie abbauen muss – auch wenn man erst im Volksschulalter ist! »Ihr Sohn ist ein Frauenhasser«, lauteten daher die ernsten Worte meiner Lehrerin zu meiner Mutter, die schon in der ersten Schulwoche, kurz nachdem sie meinen Bruder zur Welt gebracht hatte, zu einem Gespräch bestellt wurde. Frauenhasser? Ich hatte doch nur einen Strich in der Mitte des Tisches gezogen und meiner Schulkollegin, sobald sie diese Grenze überschritt, mit dem Zirkel in den Arm gestochen, bis sie blutete! 11

Doch es waren nicht nur weibliche Schulkolleginnen, die mich mit ihrer Anwesenheit oder ihrem Geruch, den ich oftmals als Gestank empfand (wie kann ein sechsjähriges Mädchen aus dem Mund stinken?), provozierten und mir deshalb sadistische Verhaltensweisen entlockten. Auch Tiere bekamen weiterhin ihr Fett ab. Ziel meiner hinterhältigen Attacken waren nun jedoch nicht mehr kleine Kätzchen, sondern Fische, die ich mit Freunden im Bach fing und mit einem Stück Holz so tief in den Arsch fickte, bis das Stäbchen aus deren Maul ragte. Und mein damals bester Freund? Ja, gelegentlich musste selbst er herhalten und wurde zum Ziel meiner gemeinen Angriffe. Als er mich etwa einmal beim freizeitlichen Spiel langweilte, beschmierte ich ihn über und über mit Hundescheiße, fesselte ihn im Keller und ließ ihn dort über eine Stunde schmoren. Wer trägt also die Schuld an meinem sadistischen Verhalten, das mir offensichtlich seit dem Kindes12

alter anhaftet? Kann man überhaupt jemanden anderen dafür verantwortlich machen? Ist man nicht bis zu einem bestimmten Grad das, was man ist und wird durch Erziehung nur noch innerhalb dieser genetischen Vorgaben geformt? Andererseits kann doch ein drei- beziehungsweise sechsjähriger Bub nicht bewusst quälen – oder vielleicht doch? Eines ist dennoch auffällig. Es sind drei Frauen, die mir in negativer Erinnerung geblieben sind…

Mit neun Jahren fand ich endlich einen Weg, meinem inneren Druck, unter dem ich damals stand, ein Ventil zu verleihen: Ich fühlte meinen ersten Orgasmus. Unwissend hatte ich an meinem Schwanz herumgezupft, bis ich plötzlich von einem überaus angenehmen Gefühl durchströmt wurde, das mir in einem nachfolgenden Trancezustand Wohlbefinden verschaffte und fortan zur Flucht aus der Realität dienen konnte. Zwar hatte ich zu jenem Zeitpunkt noch keinerlei sexuelle Phantasien, al13

lerdings war es dieser herrliche Zustand der Entspannung, der mich relativ rasch zu einem kleinen Suchtonanisten werden ließ. »Wie oft machst du es?«, fragte ich einen bereits entwickelten Schulfreund zwei Jahre später, bis dahin hatte ich meine wunderbare Entdeckung für mich behalten. »Alle zwei bis drei Tage und du?« »Ich auch«, erwiderte ich, nicht ganz die Wahrheit sagend, um mich nicht als Freak zu deklarieren. Tatsächlich befriedigte ich mich nämlich zumeist fünfmal pro Tag und das an den unmöglichsten Orten: Ich wichste während des Fahrrad-fahrens, in der Kirche, im Auto meiner Eltern und einmal sogar während eines Gesprächs mit einer Mitschülerin, stets die Hand in der Hosen-tasche am Schwanz und auf der Hut, nicht erwischt zu werden. Mit der intensiven Praktizierung der erlernten Technik tauchten schleichend auch die 14

ersten sexuellen Phantasien in meinem Kopf auf. Wichsen war nun nicht mehr ausschließlich ein bloßer Akt der Entspannung, sondern entfachte plötzlich auch ein enormes sexuelles Verlangen, das ich durch phantasievolle Einbeziehung meiner weiblichen Umgebung zu stillen versuchte. Lehrerinnen, Tanten, Freundinnen meiner Mutter – sie alle wurden von mir mental gefickt und entlockten mir beim Kommen eine Gänsehaut. Aber auch meine Mutter selbst musste herhalten. Als ich einmal ein Nacktfoto von ihr fand, verdeckte ich mit der Hand ihr Gesicht und spritzte- oder besser gesagt, sonderte mein kleines, feuchtes Tröpfchen ab – für mehr Flüssigkeit war der Körper damals noch nicht reif genug (die körperliche Unreife hatte allerdings auch seine Vorteile. So konnte ich etwa, wenn Entdeckung drohte, jenes Tröpfchen problemlos verspeisen, um die Spuren der Freveltat – Selbstbefriedigung war tatsächlich noch eine Sünde und wurde in der 15