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funkelnde, silberne Spiegel. Typisches Londoner Wetter also. Zugegeben ... Ihre Mutter Sarah dagegen hatte eine eher be- drückte Miene aufgesetzt. Sie hasste ...
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Christina Irmisch

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ADAMANTIT Roman

© 2011 AAVAA Verlag Alle Rechte vorbehalten 1. Auflage 2011 Umschlaggestaltung: Christina Irmisch Printed in Germany ISBN 978-3-86254-748-7 AAVAA Verlag www.aavaa-verlag.com eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken! Alle Personen und Namen innerhalb dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Für Sabine

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Prolog Nicht bis in alle Ewigkeit

Der Morgen war grau und verregnet. Die Wolken hingen so tief, dass sie um ein Haar die Dachgiebel der Häuser zu berühren schienen und der Wind blies kräftig und kalt. Hinter dem brusthohen Zaun am Ende der Straße hatte das Wasser bereits tiefe Pfützen in die Wiese gegraben und spiegelte die Farbe des Himmels wie funkelnde, silberne Spiegel. Typisches Londoner Wetter also. Zugegeben, es war nicht gerade das ideale Wetter für den Beginn einer Reise quer durchs Land, aber Kate schien sich ihre Laune an diesem Tag durch nichts verderben zu können. Sie hatte vor einigen Monaten ihr Anglistikstudium an der Uni abgeschlossen, und bevor sie sich endgültig ins Berufsleben stürzte, wollte sie endlich noch einmal raus aus der Stadt – etwas tun, wofür sie 4

später vielleicht kaum noch Gelegenheit haben würde, wenn sie erst mal Arbeit gefunden hatte. Sie schmiss ihre Tasche in den Kofferraum des alten Astras, schloss die Klappe und lief noch einmal zurück ins Haus, um ihre Jacke zu holen. Der Weg durch den Vorgarten war nass und rutschig und Kate musste höllisch aufpassen, um nicht auf den glatten Steinen auszurutschen. In den Beeten zu beiden Seiten grub der Regen schmale Rinnsäle in die lockere Erde und sammelte sich an den tieferen Stellen zu schlammigen, braunen Löchern. In dem kleinen Flur dagegen war es herrlich warm. Ein eisiger Windhauch wirbelte Kate hinterher, aber er wurde schon kurz darauf von der warmen Heizungsluft vertrieben. »Hast du alles?« Kates Mutter wartete, bis ihre Tochter eingetreten war, und lehnte rasch die Tür an, damit der Raum nicht allzu sehr auskühlte. Kate runzelte die Stirn. »Ich denke schon«, erwiderte sie, nachdem sie im Kopf noch einmal den Inhalt ihres Gepäcks durchgegangen war. »Und wenn nicht, bin ich ja nicht ganz ab von 5

der Welt.« Mit diesen Worten trat sie an die Garderobe und nahm ihren Mantel vom Haken. Während sie ihn sich über den Arm legte und in den Taschen rasch nach ihrem Autoschlüssel tastete, kam ihr Vater aus dem Wohnzimmer und setzte ein leichtes Schmunzeln auf. Hinter ihm drang der leise Klang des Radios in den Flur, und auch wenn Kate es in diesem Augenblick nicht wissen konnte, es nicht einmal wahrnahm, würde es doch jenes Lied sein, was sie für immer an diese bedeutungsvolle Abreise erinnern würde. Hinter ihrem Rücken ertönte ein leises Räuspern. »Irgendwann vergisst du noch mal deinen Kopf«, hörte sie Henrys Stimme. Als sich die junge Frau umdrehte, hielt er die Schlüssel mit einem unschuldigen Lächeln in die Höhe und schlenkerte sie ein paar Mal bedeutungsvoll hin und her. »Keine Sorge, Dad, hab ich schon probiert«, sagte Kate trocken und zog die Nase kraus. »Funktioniert nicht.« 6

Daraufhin versetzte er ihr einen kleinen Knuff in die Hüfte. »Noch mal Glück gehabt, was?«, zwinkerte er ihr zu und ließ die Schlüssel in Kates geöffnete Hand fallen. Ihre Mutter Sarah dagegen hatte eine eher bedrückte Miene aufgesetzt. Sie hasste Abschiede, auch wenn sie nur kurz waren. »Fahr bitte vorsichtig«, meinte sie und neigte den Kopf, während sich auf ihrer Stirn kleine Falten bildeten. »Vor allem die Straßen in den Yorkshire Dales sollen ganz schön tückisch sein. Pass auf, dass du dich nicht noch verfährst!« Kate schüttelte den Kopf. »Keine Sorge! Ich habe mindestens ein halbes Dutzend Karten eingepackt.« Sie machte eine Geste Richtung Haustür und Wagen. »Mach dir nicht so viele Gedanken.« Ihre Mutter verzog das Gesicht. »Ich weiß, ich bin schlimm. Sei trotzdem vorsichtig«. Damit drückte sie ihre Tochter fest an sich, und es dauerte eine Weile, bis sie Kate wieder losließ. »Und bestell Anna und Sue einen schönen Gruß!« Henry hob die Augenbrauen. »Und sag deiner Tante bloß, dass wir sie besuchen kommen, so7

bald ich nächsten März Urlaub habe! Sonst denkt sie wieder, wir hätten sie vergessen.« »Keine Angst!«, versprach Kate und warf sich den Mantel über. »Das steht ganz oben auf meiner Liste.« Sie musste lachen und schloss auch ihren Vater ein letztes Mal in die Arme. Er war ein herzlicher Mensch und machte keinen Hehl daraus, dass er seine Tochter vermissen würde, solange sie unterwegs war. »Und melde dich«, erinnerte er sie noch einmal, als sie bereits auf dem Weg zur Tür war. Auf der Schwelle blieb sie stehen und wandte sich zu den beiden um. »Das mach ich – aber ich werde ja nicht bis in alle Ewigkeit dort bleiben!« Mit diesen Worten trat sie nach draußen in den kalten Nieselregen, wo der Wind noch immer so unnachgiebig blies, dass er ihr die braunen Haare ins Gesicht wirbelte und ihr die Tränen in die Augen trieb. Eilig warf sie ihre Handtasche auf den Beifahrersitz und beeilte sich, hinters Steuer zu kommen. Henry war ihr etwas langsamer gefolgt und stieß die Luft aus. »Na, dann«, sagte er, wie Kate 8

den Motor aufheulen ließ. »Viel Spaß. Und genieß die Zeit!« Kate lachte strahlend. »Das werde ich!« Sie wartete, bis ihr Vater die Autotür geschlossen hatte und ein paar Meter zurückgetreten war, dann winkte sie ein letztes Mal aus dem Fenster hinüber zum Hauseingang, in dem ihre Mutter lehnte und die Geste lachend erwiderte. Dann trat sie aufs Gas. Als sie sich noch einmal flüchtig umsah, standen ihre Eltern zusammen vor der Tür und winkten noch immer hinter dem blauen Wagen her. Und schon kurz darauf hatte sie die Straßenbiegung verschluckt.

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Willkommen in Settle Es war ungemütlich kühl im Auto, und die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren. Unnachgiebig prasselte der kalte Regen gegen die Windschutzscheibe und hüllte die Straße in einen farblosen, grauen Schleier. Kate wandte den Blick von der eintönigen Fahrbahn ab und unternahm einen letzten Versuch, die Heizung wieder in Gang zu bekommen, obwohl sie ganz genau wusste, wie vergeblich es war. Als sie den Knopf hinunterdrückte, leuchtete die kleine grüne Lampe am Armaturenbrett nur kurz auf, dann war sie wieder erloschen. Unter stummem Fluchen wandte Kate ihren Blick zurück nach vorne auf die einsame Landstraße, deren Verlauf sie durch den dicken Regenschleier sowieso nur erahnen konnte. Links und rechts von ihr erstreckten sich in verhaltener Pracht die endlosen Wiesen der Yorkshire Dales – diesem wunderschönen, wenn auch recht kargen Landstrich im Norden Eng10

lands –, stiegen in einiger Entfernung zu sanften Hügeln an und verloren sich dann in der Weite der Landschaft und hinter dem düsteren Horizont. Eigentlich hatte sich Kate vorgenommen, die kleine Stadt Settle noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen, um sich in Ruhe nach einer Übernachtungsmöglichkeit umzusehen, aber die hereinbrechende Dämmerung bestätigte einmal mehr ihr katastrophal schlechtes Zeitgefühl. Es wurde viel schneller dunkel, als sie geglaubt hatte. Mit jeder Minute wurde die Sicht schlechter, und die Scheinwerfer des Wagens konnten den Regenschleier nur noch mit Mühe durchdringen. Schließlich hielt Kate am Straßenrand an und griff nach der Landkarte, die neben ihr auf dem Beifahrersitz lag. Bis zum Rande der Dales hatte sie der jungen Frau wirklich gute Dienste geleistet und Kate wusste sehr wohl damit umzugehen, doch solch kleine Straßen wie die, auf der sie sich im Augenblick befand, suchte sie vergeblich. 11

Sie seufzte, legte die Karte zurück und fuhr weiter. Sie wusste immerhin die grobe Richtung, um nach Settle zu gelangen, und zumindest hatte es den Anschein, als führte diese Straße genau Richtung Süden. Kate fuhr einige Minuten unbeirrt weiter, dann blieb sie an einer kleinen Gabelung stehen, an der sich die Straße teilte und sich beide Strecken in der Dunkelheit verloren. Die junge Frau zögerte und sah sich nach beiden Seiten um, aber es war unmöglich zu erkennen, welcher der beiden Wege nach Settle führte. Warum mussten hier nur alle Straßen gleich aussehen!? Nicht mal ein Straßenschild oder sonst irgendein Hinweis war in der Dunkelheit zu erkennen, geschweige denn etwas, was man als Leitplanke hätte bezeichnen können. Sie überlegte noch einen Moment, warf einen letzten, verzweifelten – und ebenso überflüssigen – Blick auf die Karte, dann verließ sie sich einfach auf ihr Gefühl und bog nach rechts. Die Straße führte eine ganze Weile geradeaus, vorbei an knorrigen Gestrüppen, mannshohen Sträuchern und vereinzelten, kahlen Bäumen, die 12

im Scheinwerferlicht des alten Astras unheimliche, schwarze Schatten warfen. Eine Windböe fegte über das Tal und brachte die verworrenen Baumkronen zum Zittern. Kate lief unwillkürlich ein leichter Schauer über den Rücken. Willkommen bei den Baskervilles, dachte sie grimmig. Sie wollte es sich eigentlich nicht eingestehen, aber wenn es dunkel wurde, war diese Gegend wirklich unheimlich. Zur Ablenkung schaltete sie das Radio ein und drehte es etwas lauter, als es eigentlich nötig gewesen wäre, aber es funktionierte; es vertrieb Kates Unbehagen ein wenig. Leise summte sie Pinks zweite Stimme, während sie ihren Vauxhall über den unebenen Belag der Straße dirigierte. Mit jedem Meter wurde diese ein ganzes Stück schmaler, bis sie am Ende nur noch ein aus Erde und Kies bestehender Pfad war, der sich kaum noch von den Wiesen links und rechts unterschied. Von einer Stadt war definitiv nichts zu sehen. Kate runzelte die Stirn und ließ ihren Blick durch die Dunkelheit gleiten. Weit und breit war kein anderes Licht in Sicht und die Fahrbahn, 13

jetzt kaum noch breiter als eineinhalb Meter, machte es ihr unmöglich zu wenden. Selbst wenn sie es sich nun doch noch anders überlegt hätte, blieb ihr nichts anderes übrig, als weiter stur geradeaus zu fahren, bis sich ihr irgendwann eine Möglichkeit zur Umkehr bot. Die Begrünung am Straßenrand wurde schließlich noch karger, Kies und Erde gingen nun direkt in die weitläufigen Wiesen über und verloren sich unter den struppigen Grashalmen. Zäune und Begrenzungen gab es keine, nur niedrige, graue Steinmauern, gefährlich nah an der Fahrbahn. Kate sah aus dem Seitenfenster nach rechts. In einiger Entfernung wurde das letzte Bisschen Licht der Nacht von einem großen, schwarzen Loch verschluckt, bei dem es sich nur um ein größeres Waldstück handeln konnte, doch genau erkennen konnte man es nicht. Nicht auch noch ein Wald! stöhnte Kate innerlich, dann richtete sie ihren Blick wieder auf die Fahrbahn. Plötzlich trat sie mit voller Wucht auf die Bremse. 14

»Oh mein Gott!«, schrie sie erschrocken auf, und der Wagen kam mit einem heftigen Ruck zum Stehen. Mit klopfendem Herzen sah Kate nach draußen, Angst und Überraschung mischten sich in ihrem Blick. Vor ihr, im gelben Scheinwerferlicht, stand ein rabenschwarzer Hund. Nein, es war nicht nur ein Hund, es war ein Riese von einem Hund, und das grelle Licht spiegelte sich unheimlich in seinen verengten Augen. Hätte ihr Verstand nicht augenblicklich rebelliert, Kate hätte ihn glatt für einen Wolf gehalten. Mit gespanntem Körper und gesenktem Kopf stand er vor ihrem Auto, die Ohren angelegt und die Zähne gefletscht, dass sie im Licht bedrohlich glänzten. Mit seinen spiegelnden Augen starrte er Kate an und sie war sich sicher, dass er knurrte, auch wenn sie es wegen der geschlossenen Scheiben und der Musik nicht hören konnte. Entsetzt blickte sie den Hund an, und etwas in der Miene des Tieres machte sie unfähig, sich zu bewegen. Das Einzige, was sich regte, waren ihre 15