Bedingungen, Prozesse und Effekte der ... - Buch.de

hätte ich wohl auch einfach nur Dich studieren können, denn letztlich wäre ohne Dich so vieles gar nicht von Bedeutung. Danke für unsere Familie, danke.
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Julia Wrede absolvierte ein Lehramtsstudium der Fächer Deutsch und Englisch. Im Anschluss daran war sie fünf Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Germanistik/Linguistik an der Universität Duisburg-Essen beschäftigt. Schwerpunkte ihrer Forschung und Lehre liegen auf der Kognitiven Linguistik, lexikalischen Semantik, Korpuslinguistik und Diskursanalyse. Sie lebt zurzeit in München.

Wrede • Bedingungen, Prozesse und Effekte der Bedeutungskonstruktion

Die neuere Tradition der Kognitiven Linguistik setzt sprachgebrauchsorientiert an und sieht in Sprache die Basis für den Aufbau mentaler Konzepte. Statt Sprache lediglich als Reflexion konzeptueller Strukturen zu erachten, wird ihr als konstitutivem Faktor für diese Geltungsrecht eingeräumt. Vor diesem Hintergrund verfolgt Wrede mit ihrer Studie das Ziel, am Beispiel des Ausdrucks 11. September zu zeigen, wie sich mentale Konzepte durch den Sprachgebrauch aufbauen und strukturieren. Dabei wird angenommen, dass ein Konzept hinter einem Ausdruck von dessen Kotextualisierung abhängt und dementsprechend variabel ist. Grundlage für Wredes empirische Studie sind die IDSKorpora mit Daten aus Tageszeitungen, vorwiegend aus den Jahren 1998–2009. Diese Daten wurden mithilfe kookkurrenzanalytischer Berechnungsverfahren aufbereitet. Die sich daraus ergebende Datenbasis berücksichtigt die Verknüpfung von individuellem Wissen, gesellschaftlich geteiltem Wissen und Wortgebrauch als individuelle und soziale Perspektive auf sprachliche Bedeutung, die damit nicht mehr unverbunden nebeneinanderstehen.

Julia Wrede

Bedingungen, Prozesse und Effekte der Bedeutungskonstruktion Der sprachliche Ausdruck in der Kotextualisierung

ISBN 978-3-942158-66-4

9 783942 158664

UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr

Julia Wrede

Bedingungen, Prozesse und Effekte der Bedeutungskonstruktion Der sprachliche Ausdruck in der Kotextualisierung – eine korpuslinguistische Untersuchung kognitiver Phänomene und semantischer Konsequenzen

Universitätsverlag Rhein-Ruhr, Duisburg

Die vorliegende Studie wurde als Dissertation von Julia Wrede, geboren in Emmerich, zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.) von der Fakultät für Geisteswissenschaften, Germanistik/Linguistik, an der Universität DuisburgEssen angenommen. Die Disputation fand am 22. Oktober 2012 statt. Gutachter waren Professorin Dr. Ulrike Haß und Professor Dr. Albert Bremerich-Vos.



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UVRR / Mike Luthardt

Titelbild September Eleven © Craig Dingle, 2012 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.ddb.de abrufbar.

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ISBN

978-3-942158-66-4 (Printausgabe)



ISBN

978-3-942158-67-1 (E-Book)



Satz

UVRR



Druck und Bindung



Format Publishing, Jena Printed in Germany

Meiner Mutter und für Juno und Tino: 3.6.7 Ich freue mich, an dieser Stelle meinen Dank den vielen Menschen aussprechen zu können, die auf verschiedene Weise dazu beigetragen haben, dass diese Arbeit Gestalt angenommen hat. Ein besonderer Dank gilt meiner Betreuerin Prof. Dr. Ulrike Haß, die bereits frühere Versionen der Arbeit gelesen und mit hilfreichen Kommentaren und wohlgeübter Kritik Anstöße zu wertvollen neuen Gedanken gegeben hat. Vor allem danke ich ihr jedoch auch dafür, dass ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an ihrem Lehrstuhl während der Promotion mit dem Nachdenken über Sprache und Lehren von sprachrelevanten Themen mein Geld verdienen durfte. Ich wusste diesen Luxus sehr zu schätzen. Auch meinem Zweitgutachter Prof. Dr. Albert Bremerich-Vos danke ich für die ermunternden Worte des Lobes und der Anerkennung der von mir gewählten Themenstellung, darüber hinaus jedoch auch für die Geduld bis zur Fertigstellung der Arbeit. Letzteres gilt auch für das Team des Universitätsverlags Rhein-Ruhr, besonders für Dr. Sabine Walther, die es ebenso geduldig hingenommen hat, dass ich die von mir selbst gesetzten Deadlines so gut wie nie einhalten konnte: danke für dieses große Verständnis einer jungen Mutter gegenüber! Mein Dank gilt außerdem meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern in der Essener Linguistik, die das Abenteuer Doktorarbeit ebenfalls gewagt haben: ohne unseren regen Austausch, der nicht unbedingt von fachlicher Natur sein musste, hätte das Schreiben dieses Buches eine ziemlich einsame Angelegenheit werden können. Größten Rückhalt durfte ich bei meinen Freundinnen Melanie Klünder und Yvonne Wenk finden, die sowohl zu Hochzeiten wie auch Tiefpunkten im Promotionsprozess mit offenen Ohren, heiteren Mienen, starken Nerven und einer gesunden Prise Humor in endlosen Gesprächen mich nicht haben vergessen lassen, dass es sich bei all meinen Gedankenkarussellen letztlich doch „nur“ um eine Doktorarbeit handelte. Auch meiner Familie, besonders der kleinen um meine Eltern, Anne, Pa­ trick, Mieke und Femi, sowie der „long-distance family“ Klaus und Christine, möchte ich für ihre unermüdliche Geduld danken. Gerade meine Mutter stand mir über diese langen Jahre der Promotion hinweg zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite, wie nur eine Mutter es kann und wie ich es in Form des Gut-Zuredens oft brauchte. Ein Dank für all die Unterstützung kann vielleicht sein,

Dir, Ma, diese Arbeit zu widmen – genauso wie Tino. Nun endlich kann ich die drei Worte zu Papier bringen, an die zu denken mir ermöglicht hat, all die anderen Worte dieser Arbeit zu schreiben: Danke, Tino Meißner! Auch wenn ich Dich erst traf, als die Dissertation bereits work in progress war, hat mir niemand dabei so geholfen wie Du. Statt all der Arbeiten zum Bedeutungsaufbau hätte ich wohl auch einfach nur Dich studieren können, denn letztlich wäre ohne Dich so vieles gar nicht von Bedeutung. Danke für unsere Familie, danke für unser Glück!

Inhalt 1 Einleitung................................................................................................ 11 1.1

Theoretisch-methodische Grundlagen................................................... 11

1.2

Zur Einführung des Analysebeispiels..................................................... 14

1.3

Aufbau der Arbeit.................................................................................... 15

Teil I Etablierung der Hypothese und Begründung der Forschungsrichtung und Methodik 2

Bedeutung: In Wörtern oder um Wörter herum?............................. 21

2.1 Wortinhalt................................................................................................ 23 2.1.1 2.1.2

Traditionelle Auffassungen zur Wortbedeutung........................ 24 Von der Inhaltsseite des sprachlichen Zeichens im System zum Inhalt als fester Größe...................................... 28 2.1.2.1 Bedeutungsidentität durch Differenz und Opposition.............. 29 2.1.2.2 Inhalt als Liste semantischer Merkmale.................................... 32 2.1.3 Prototypen und Prototypikalitätseffekte................................... 39 2.1.3.1 Prototypen................................................................................ 39 2.1.3.2 Prototypikalitätseffekte............................................................. 41 2.1.4 Inhalt als variable, erfahrungsabhängige Größe........................ 44 2.1.4.1 Konzeptdynamik....................................................................... 44 2.1.4.2 Inhalt als spracherfahrungsabhängige Größe............................ 46

2.2

Wortbedeutung im Spannungsfeld von Inhalt und Umgebung......... 49

2.3 Wortumgebung........................................................................................ 56 2.3.1 Wörter im Gebrauch................................................................. 58 2.3.2 Über usuelle Kotextualität zur Abstraktion............................... 63 2.3.2.1 Bedeutungsvariabilität.............................................................. 66 2.3.2.2 Bedeutungskerne....................................................................... 69 2.3.3 Wortbedeutung als Bedeutungspotential.................................. 70

3

Wortbedeutung in der Dimension Kotext......................................... 75

3.1

Das Wort in der Korpuslinguistik.......................................................... 75 3.1.1 3.1.2

Firths Contextual Theory of Meaning........................................ 77 Kotextphänomene und -effekte: Semantische Präferenzen und Prosodien................................... 80

3.2 Korpusanalysemethoden......................................................................... 85 3.2.1 Corpus-based vs. corpus-driven linguistics............................... 86 3.2.2 Kookkurrenzanalyse.................................................................. 92

3.2.2.1 3.2.2.2 3.2.3 3.2.4

Vorstellung des Ansatzes nach dem IDS................................... 92 Möglichkeiten und Grenzen des Ansatzes................................. 96 Ausblick: Matrixframeanalyse................................................. 103 Zusammenfassung: Korpuslinguistische Möglichkeiten zur Beschreibung der Außenbeziehungen von Wörtern und ihrer Folgen für den Inhaltsaufbau.................................. 106

Teil II Framesemantik als theoretisches und analytisches Paradigma 4

Frames als spracherfahrungsrepräsentierendes Inhaltsbeschreibungsformat............................................................... 111

4.1

Was sind Frames?................................................................................... 113 4.1.1 4.1.2

4.2

Wortbedeutung im Frame-Paradigma als strukturierte, flexible und doch gebrauchsbasiert relativ stabilisierte Inhaltsseite......119 4.2.1 4.2.2 4.2.3 4.2.4

4.3

Frames als schematisierte Erfahrungen....................................114 „Linguistische Frametheorie“...................................................117

Strukturierte Inhaltsseiten: Frame-Leerstellen als Kotextualisierungspotential............................................... 120 Flexible Inhaltsseiten: Frame-Füllwerte als Gebrauchsbedeutungskonstituenten.................................. 123 Relativ stabilisierte Inhaltsseiten: Frame-Standardwerte als Konstituenten eines gebrauchsbasierten Bedeutungspotentials.............................................................. 124 Gebrauchsbedeutungen und Bedeutungspotentiale................ 126

Diskussion um Gebrauchsbasiertheit der Framestruktur und Prädikationsaussagekraft von Kookkurrenzen............................. 130 4.3.1 4.3.1.1 4.3.1.2 4.3.2

Matrixframes als vorgegebenes Kotextualisierungspotential...... 130 Analyseergebnisse bei Fraas................................................... 133 Analyseergebnisse bei Ziem..................................................... 136 Aussagekraft kookkurrenzbasierter Betrachtungen: Exemplarische Analysen zur Heuschrecken-Metapher im Vergleich.............................................................................141 4.3.2.1 Auf Grundlage des IDS-Gesamtkorpus...................................145 4.3.2.1.1 &Heuschrecke............................................................................145 4.3.2.1.2 Kookkurrenz von &Heuschrecke und Finanzinvestoren.............. 148 4.3.2.1.3 &Finanzinvestor...................................................................... 160 4.3.2.1.4 &Finanzinvestor w/15 &Heuschrecke....................................... 162 4.3.2.2 Auf Grundlage eines eigenen Korpus innerhalb der IDS-Korpora..................................................................... 164 4.3.2.2.1 &Heuschrecke /w5 &Finanzinvestor; &Heuschrecke /w25 &Finanzinvestor....................................... 164

4.3.2.2.2 &Heuschrecke.......................................................................... 169 4.3.2.3 Fazit.........................................................................................174 4.3.3 Induktive Framedimensionen-Ermittlung................................176 4.3.3.1 Überlegungen nach Barsalou.................................................176 4.3.3.2 FrameNet.................................................................................179 4.3.4 Fazit: Frames in Textkorpora als diskursspezifische Herausbildung von Frames.......................................................183

Teil III Kognitionstheoretische Aspekte 5 Kognitionssemantik............................................................................ 187 5.1

Bedeutung im Kopf aus dem Kopf oder aus dem bzw. durch den Körper?................................................................................. 187 5.1.1 Konzeptpriorität einer „Kognitiven Linguistik 1.0“................ 189 5.1.1.1 Chomsky................................................................................ 190 5.1.1.2 Cognitive Linguistics.............................................................. 192 5.1.1.3 Lakoff.....................................................................................193 5.1.1.4 Bedeutungskonstruktion......................................................... 196 5.1.2 Diskussion des methodischen Problems: Der Geist sitzt im schwarzen Kasten....................................... 198

5.2

Sprachgeleitete Kognitionssemantik: Bedeutung in vielen Köpfen aus der gemeinschaftlichen Sprachverwendung als flexible Größe.......202 5.2.1 5.2.1.1 5.2.1.2 5.2.3 5.2.4

Performanz als Ort der Bedeutungserzeugung: Die bedeutungskonstitutive Funktion der Sprache einer „Kognitiven Linguistik 2.0“........................................... 202 Diskursivität von Bedeutung................................................... 206 Sprachgeleitete Konzeptgenese: Die Bildung von Begriffen in Abhängigkeit vom sprachlichen Austausch..........................210 Kognitive Semantik im usage-based-Paradigma.......................216 Kognitive Routinen als Effekte der Bedeutungskonstruktion und -rekonstruktion.................. 228

Teil IV Korpusanalyse 6

Präliminarien zur Analyse.................................................................. 237

6.1

Theoretische Prämissen......................................................................... 237

6.2

Methodisches Vorgehen und Datengrundlage.................................... 238 6.2.1 6.2.2

Warum und wie Korpora einsetzen?....................................... 239 Datenbasis und Vorgehen........................................................ 240

7

Die Ausdrücke 11. September, Anschlag und Ereignis in der Kotextualisierung............................................. 247

7.1

11. September: Etablierung einer diskurssemantischen Grundfigur?.........248 7.1.1 7.1.2 7.1.3

7.2

Diskursspezifische Herausbildung von Frames................................... 263 7.2.1 7.2.1.1 7.2.1.2 7.2.2 7.2.2.1 7.2.2.2 7.2.3 7.2.4

7.3

Leerstellengenese, -profilierung, Standardwertetablierung und Konzeptrekonstruktion am Beispiel 11. September........... 265 Der Ausdruck 11. September im Zeitraum 1998 bis August 2001.............................................................. 266 Der Ausdruck 11. September im IDS-Gesamtkorpus............... 268 Die prototypischen Anschläge sind die vom 11. September........ 285 Das Lexem Anschlag im Zeitraum 1998 bis August 2001........ 286 Das Lexem Anschlag im IDS-Gesamtkorpus........................... 288 Ereignisse des 11. Septembers..................................................... 298 Fazit zur diskursspezifischen Herausbildung von Frames anhand von Kookkurrenzanalysen....................... 306

KWIC-Zeilen-Analysen: Der Ausdruck 11. September in Kookkurrenz zu Terroranschläge, Anschläge und Ereignisse............ 307 7.3.1 7.3.2 7.3.3 7.3.4

7.4

11. September – eine Metonymie..............................................251 Die Metonymie als Ausdruck dessen „that we do not know what we are talking about“ (Derrida)?......................... 259 11. September: Etablierung einer diskurssemantischen Grundfigur im Lichte des Standardwerts ‚Terroranschlag‘ als kognitiv verankertes Bedeutungspotential?........................ 262

11. September in Kookkurrenz zu Terroranschläge.....................311 11. September in Kookkurrenz zu Anschläge..............................318 11. September in Kookkurrenz zu Ereignisse............................. 320 Fazit zur Analyse der größeren Kotextualisierung von 11. September: Auswirkungsfokussierung................................ 322

Wirksam-Werden des Ausdrucks 11. September in anderen Diskursen............................................................................ 323 7.4.1 7.4.2 7.4.3

Die Aschewolke aus dem isländischen Vulkan: Schlimmer als der 11. September............................................... 329 Das Erdbeben in Japan: Wie der 11. September und der Tsunami auf einmal......................................................331 Ein 11. September der Finanzmärkte........................................ 333

7.5 Fazit: 11. September als folgenschweres Ereignis – eine diskurssemantische Grundfigur.................................................... 334 8

Zusammenfassung und Ausblick....................................................... 337

9 Literaturverzeichnis............................................................................. 343

1 Einleitung Was ist die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke1? An dieser Frage arbeitet sich die Linguistik seit jeher ab – mittlerweile in vielen verschiedenen Teildisziplinen. Darauf nun in dieser Arbeit eine definitive Antwort finden zu wollen, wäre wohl mehr als vermessen. Doch vielleicht kann die vorliegende Dissertation zumindest einen Beitrag leisten zur Beantwortung der Frage, wo die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke im Wechselspiel der Inhaltsseite des Sprachzeichens mit der Ausdrucksumgebung anzusiedeln ist. Vorweggenommen sei bereits, dass sich in dieser Arbeit klar für die Umgebung ausgesprochen wird, indem die Ausführungen versuchen, die Variabilität von Wortbedeutung in Abhängigkeit von der sprachlichen Umgebung, also vom Kotext, zu plausibilisieren. Bedeutung wird als Prozess der Konstruktion aus den einen Ausdruck A umgebenden Elementen definiert.

1.1

Theoretisch-methodische Grundlagen

Die kotextuelle Umgebung eines Ausdrucks als konkret vorliegendes Sprachmaterial lässt sich innerhalb korpuslinguistischer Ansätze, gerade bei der Untersuchung großer Textmengen, in ihrer für eine Sprachgemeinschaft geläufigen Form ermitteln. Konzeptuelle Strukturen als im Geist verortete Größen, die jedoch mit sprachlichen – im Bereich der Semantik i. d. R. lexikalischen – Strukturen verknüpft sind, gehören in den Bereich der Kognitiven Linguistik bzw. der amerikanischen Cognitive Linguistics. Diese beschäftigt sich mit der Rolle konzeptueller wie körperlich basierter Prozesse innerhalb der Untersuchung von Sprache und wurde von Forschern wie Gilles Fauconnier, Charles Fillmore, George Lakoff und Ronald Langacker (vgl. Evans 2007: 22) ins Leben gerufen. Somit beinhaltet die Arbeit auch eine Zusammenführung der beiden Forschungsansätze Korpus- und Kognitionslinguistik. Traditionellerweise verstehen Kognitionslinguisten unter der Bedeutung eines Wortes die mit ihm verknüpfte mentale Repräsentation und vertreten häufig eine konzeptprioritäre Sprachauffassung. So konstatiert z. B. Vyvyan Evans in seinem Glossary of Cognitive Linguistics, dass „[c]ognitive linguists assume that language reflects the conceptual system and thus can be employed in order to investigate conceptual organisation; they also assume that linguistic organization which is modified due 1

In dieser Arbeit werden wir synonym zur Bedeutung sprachlicher Ausdrücke an vielen Stellen auch von der Bedeutung von Wörtern sprechen. Dass wir uns nicht von vorneherein auf die Besprechung der Wortsemantik festlegen, ist dem Analysegegenstand geschuldet, der aus einer Mehrworteinheit besteht (s. 1.2).

12

Kapitel 1 to use can influence the nature and make-up of the conceptual system.“ (2007: 38)

Somit nimmt Sprache auch Einfluss auf den Konzeptaufbau? Für Korpuslinguisten wie z. B. Wolfgang Teubert sind konzeptuelle Strukturen wolkige Konstrukte, seiner Meinung nach erhielten natürlichsprachliche Symbole ihre Bedeutung ohnehin einzig dadurch, dass sie im Diskurs gebraucht würden. Er regt dementsprechend an, Konzepte als den gemeinsamen Besitz einer Diskursgemeinschaft zu verstehen, sodass sie nicht notwendigerweise in den Köpfen der Menschen gesucht werden müssten (vgl. Teubert 2006: 291). Ihm zufolge könnten mentale Konzepte nicht mehr, als das zu duplizieren, was sich ohnehin schon im Sprachgebrauch finden ließe (vgl. Teubert 2006: 296; s. dazu Kap. 5.2.1 dieser Arbeit). Bedeutung wird in dieser Arbeit also im Spannungsfeld von individueller Kognition mit konzeptprioritärer Sprachauffassung und – wie in korpuslinguistischen Studien zur Semantik in der Regel untersucht – gesellschaftlichem Sprachgebrauch mit gebrauchsbasierter Bedeutungskonzeption betrachtet. Den Sprachgebrauch wie auch seinen kognitiven Niederschlag erkennt eine modernere Ausrichtung der Kognitiven Linguistik, die sich dem Sprachgebrauch als usage-based-Paradigma verschreibt, an. Sie wird in dieser Arbeit als „Kognitive Linguistik 2.0“ eingeführt, die sprachgebrauchsorientiert ansetzt und in Sprache die Basis für den Konzeptaufbau sieht. Statt Sprache lediglich als Reflexion konzeptueller Strukturen zu earchten, wird ihr als konstitutivem Faktor für diese Geltungsrecht eingeräumt. Um diese Ansicht zu unterstützen, erachten wir als Bedingung des Bedeutungsaufbaus die Einwirkung des Kotextes eines Ausdrucks A als ausschlaggebend. Die konzeptuelle Struktur, die sich hinter ihm steckend für die Sprachbenutzer ergibt, wird durch die diskursive Einbettung des Ausdrucks konstituiert. Die sich in der individuellen wie überindividuellen Kognition etablierende Bedeutung sprachlicher Ausdrücke wird somit in ihrem Ursprung im gemeinschaftlichen Sprachgebrauch verortet. Um dieser These eine empirische Fundierung zu gewähren, wird methodisch eine Korpusuntersuchung herangezogen, die als Basis für Rückschlüsse dient, wie sich die konzeptuelle Struktur zu einem Ausdruck, die sich sprachgebrauchsbasiert etabliert, ausgestalten müsste. Auch in der Analyse vereinen wir somit Anliegen von Korpus- und Kognitionslinguistik, denn in unserer Auffassung der beiden Disziplinen verfolgt die Korpuslinguistik ebenso wie die Kognitive Linguistik – in ihrer gebrauchsbasierten Version „2.0“ – das Ziel, aus wiederkehrenden Mustern und Häufigkeiten von Sprache im Kotext linguistische Kategorien wie z. B. Wortbedeutungen systematisch abzuleiten, statt sie von vorneherein als gesetzt zu postulieren. Es soll gezeigt werden, dass Konzepte von Wörtern aufgrund der

Einleitung 13

Kotextualisierung der Wörter variabel sind. Korpusdaten können uns via Berechnungsverfahren als Darstellung usueller Kotextualisierungen aufbereitet werden, sodass wir hier in Form von überindividuellem Sprachgebrauch als angenommene Grundlage für überindividuell verankerten Konzeptaufbau eine Datenbasis vorliegen haben. Somit ist es nicht nur die anwendungsbezogene Korpuslinguistik, die der Flexibilität und Dynamik von Bedeutung Rechnung trägt. Frames, die auf Charles Fillmore zurückgehen, als semantiktheoretische Größen der strukturellen Form von Bedeutungspotentialen lassen sich mit korpusanalytischer Methodik verknüpfen – wie z. B. in den Arbeiten Fraas‘ (1996) und Ziems (2008) bereits geschehen. Die von Teubert (vgl. 2007: 23) beschriebene Hinzufügung von neuem semantischen Wissen durch neue Diskursbelege erinnert an die framesemantischen Größen der Füllwerte in der Kotextualisierung, die sich zu kognitiv verfestigten Standardwerten aus dem Sprachgebrauch via Usualität entwickeln können, die wiederum in der weiteren Kommunikation über ihre Implikation semantisch fortwirken. Die Füllwerte sind Korpusdaten zu entnehmen, sodass empirische Daten aus Korpora dabei die Grundlage für eine angedachte Theoriemodifikation darstellen, dass die Bedeutung sprachlicher Einheiten von den sie umgebenden Diskurselementen abhängt. Konzepte sind als kollektive Entitäten über ihren Ursprung in der kollektiven Sprachverwendung zu deuten. Die Arbeit knüpft in ihrem Gegenstand auch unmittelbar an jüngere germanistische Dissertationen wie die Tim Loppes aus dem Jahr 2010 an, die sich mit dem Zusammenhang von Bedeutungswissen und Wortgebrauch befasst und eine bedeutungstheoretische Erweiterung Wittgensteinscher Überlegungen anstrebt. Auch und vor allem die Arbeit Alexander Ziems aus dem Jahr 2008 zu Frames und sprachlichem Wissen, genauer zum Nachweis der vom Sprachgebrauch abhängigen Flexibilität einer angenommenen kognitiven Struktur hinter sprachlichen Ausdrücken im Beschreibungsformat des Frames, bietet wichtige Anregungen. Die hier vorliegende Arbeit nimmt sich in Berücksichtigung dieser Beiträge innerhalb der germanistischen Linguistik im Gebiet gebrauchstheoretischer wie kognitionssemantischer Überlegungen eine zusätzliche Fortführung der Kognitiven Linguistik zur Zielsetzung, die viele der in diesen Arbeiten angesprochenen Aspekte zur Ausgangsbasis nimmt, diese jedoch mit den Prinzipien der Korpuslinguistik verbindet. Die im Titel der Arbeit genannte Bedeutungskonstruktion vollzieht sich im Prozess der Auffüllung einer konzeptuellen Struktur eines Ausdrucks als Frame mit Leerstellen, in die sich kotextuelle Elemente als Füllwerte fügen und entsprechend ihrer Variabilität die Variabilität und Dynamik der konzeptuellen Struktur bedingen. Eine sich wiederholende Kotextualisierung eines Aus-