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des „hybriden Subjektes“ zum Ausdruck. Er sieht in der genannten Doppel- struktur des Subjekts nicht die zwei gegenläufigen Kräfte der Unterwerfung und der ...
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Polina Serkova studierte Kulturwissenschaft in Moskau und promovierte an der Universität Duisburg-Essen im Fach Germanistik.

Spielräume der Subjektivität

Polina Serkova

Spielräume der Subjektivität Studien zur Erbauungsliteratur von Heinrich Müller und Christian Scriver

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Heinrich Müller und Christian Scriver beschäftigen sich in ihren Werken hauptsächlich mit den Aspekten des menschlichen Daseins; sie versuchen, das Wesen des Menschen zu erörtern und vermitteln die sich daraus kristallisierenden Vorstellungen an den Leser. Dabei gehen sie weit über die Grenzen der Konfession oder gar Religion hinaus: Mit ihrer reichen Sprache und Bildlichkeit eröffnen sie dem Leser breite Spielräume, die es ihm ermöglichen, sich mit unterschiedlichen Menschenbildern zu identifizieren. Diese unterschiedlichen Menschenbilder arbeitet die Autorin heraus; sie zeigt ihre inhaltlichen Widersprüche auf und verfolgt ihre kulturellen Kontinuitäten und Brüche.

Essener Schriften zur Sprach-, Kultur- und Literaturwissenschaft

Polina Serkova

Die Subjektivitätsfrage, die im Mittelpunkt dieser Studie steht, ist die Frage nach dem historisch wandelbaren und kulturell bedingten Selbstverständnis des Menschen. Welche Züge trägt dieses Selbstverständnis im 17. Jahrhundert und wie wird es modelliert? Welche Rolle spielen dabei religiöse Texte? Welche Möglichkeiten eröffnen sie ihren Lesern und welche Grenzen stellen sie ihnen? Polina Serkova geht diesen Fragen anhand ausgewählter Texte der Erbauungsliteratur des 17. Jahrhunderts nach.

ISBN 978-3-942158-74-9

9 783942 158749

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Universitätsverlag Rhein-Ruhr UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr

S S E

Essener Schriften zur Sprach-, Kultur- und Literaturwissenschaft Band 7 Herausgegeben von Heinz Eickmans, Werner Jung, Ulrich Schmitz & Jörg Wesche

Polina Serkova

Spielräume der Subjektivität

Polina Serkova

Spielräume der Subjektivität Studien zur Erbauungsliteratur von Heinrich Müller und Christian Scriver

ESS-KuLtur. Band 7

Universitätsverlag Rhein-Ruhr

Die vorliegende Studie wurde als Dissertation von Polina Serkova, geboren in Leningrad (jetzt St. Petersburg), zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.) von der Fakultät für Geisteswissenschaften (Institut für Germanistik/Literaturwissenschaft) an der Universität Duisburg-Essen angenommen. Die Disputation fand am 30. Januar 2013 statt. Gutachter waren Prof. Dr. Werner Jung und Prof. Dr. Jörg Wesche.

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.



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Mike Luthardt

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.ddb.de abrufbar.

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ISBN

978-3-942158-74-9 (Printausgabe)



ISBN

978-3-942158-75-6 (E-Book)



Satz

UVRR



Druck und Bindung



Format Publishing, Jena Printed in Germany

Danksagung An dieser Stelle möchte ich allen Personen und Institutionen danken, die zum Entstehen der vorliegenden Arbeit beigetragen haben. Zuerst gilt mein Dank Herrn Prof. Dr. Werner Jung. Er begleitete meine Arbeit mit großem Interesse und Engagement und hatte immer ein offenes Ohr für Fragen und Probleme. Ebenso danke ich Herrn Prof. Dr. Jörg Wesche, der das Zweitgutachten übernahm. Seine Aufmerksamkeit zum Detail und nützliche Hinweise waren für mich sehr wertvoll. Beide Gutachter haben im richtigen Moment für die nötige Motivation gesorgt – und dafür gilt ihnen mein besonderer Dank. Ich danke auch Herrn Prof. Dr. Marcel Nieden für seinen Vorsitz im Promotionsausschuss und für das Interesse an meiner Arbeit. Zu großem Dank verpflichtet bin ich Dr. Kora Baumbach und Cordula Greinert. Mit ihrer Geduld und dem Fingerspitzengefühl bei den Korrekturen, mit den wichtigen Hinweisen und Anmerkungen, aber auch mit Ermutigung und moralischer Unterstützung haben sie mich auf diesem langen Weg intensiv begleitet. Ich danke der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die Unterstützung durch ein Promotionsstipendium sowie für die Gewährung eines Druckkostenzuschusses. Dem Universitätsverlag Rhein-Ruhr bin ich für die Aufnahme in die Reihe ESS-KuLtur sehr verbunden. Den Herausgebern der Reihe sowie dem Team des Verlags, besonders Dr. Sabine Walther, sei herzlich gedankt. Und abschließend gilt mein größter und herzlichster Dank meiner Familie, die mir stets zur Seite stand und besonders meinem Mann Alexander für seine bedingungslose Unterstützung. Ihm sei dieses Buch gewidmet. Frankfurt am Main, im Juni 2013

Polina Serkova

Inhalt Einleitung...................................................................................................... 9 1.

Der deutsche Protestantismus im 17. Jahrhundert. Reformation des Lebens zwischen Sozialdisziplinierung und Verinnerlichung....................................................................... 17

1.1.

Von der Lehre zum Leben. Krisen des 17. Jahrhunderts und die reformatio vitae............................................................................ 18 1.1.1. „Krise des 17. Jahrhunderts“ und apokalyptische Erwartungen.................. 18 1.1.2. „Frömmigkeitskrise“ im deutschen Protestantismus................................... 20 Reformation des Lebens – Erneuerung des Menschen. Reformvorschläge in der protestantischen Theologie des 17. Jahrhunderts............................................................................... 25

1.2.

1.3. Pietistische cultura animi: Zucht durch Verinnerlichung................... 32 1.3.1. Die Religion des Herzens. Die Konstitution der religiösen Subjektivität im Pietismus.......................................................................... 34 1.3.2. Strenge (Selbst-)Kontrolle als pietistische Subjektivierungstechnik............ 35

2.

Erbauungsliteratur des deutschen Protestantismus im 17. und 18. Jahrhundert............................................................ 41

2.1.

Der Begriff „Erbauung“ und die Funktionen der Erbauungsliteratur............................................................................ 41

2.2.

Die Bedeutung der Erbauungsliteratur für die private Religiosität........................................................................................ 44

2.3.

Erbauungsliteratur des deutschen Protestantismus der „klassischen Epoche“. Von Johann Arndt zu Heinrich Müller und Christian Scriver........................................................................ 48

2.4.

Werke von Heinrich Müller und Christian Scriver: Makrostruktur der Texte................................................................... 51

2.5.

Die Sprache der Erbauungsliteratur................................................... 63

3.

Kind, Patient, Schüler. Techniken der Unterwerfung in der Erbauungsliteratur............................................................... 75

3.1.

Unsicher sein und geleitet werden: zur passiven Stellung des Menschen................................................................................... 75

3.2.

3.3.

Kinder Gottes und das Erbauungsbuch als Schule. Paternalistische Metaphorik und pädagogische Intention der Erbauungsliteratur............................................................................ 84 3.2.1. Kind vs. Erwachsener. Die Erziehung......................................................... 85 3.2.2. Gotteskinder vs. Weltkinder. Die Vaterliebe............................................... 91 „Christum allein mit uns handeln lassen, und ihm stille halten.“ Der Mensch als Patient..................................................................... 95

4.

„Der Grund ist tief.“ Diskurs der Innerlichkeit in der Erbauungsliteratur........................................................................ 103

4.1.

Selbstliebe, Selbsthass, Selbsterkenntnis: Thematisierung des „Selbst“ und Forderung der Sorge um sich in der Erbauungsliteratur.......................................................................... 103

4.2.

Zwischen Schuldgefühl und Urteilsvermögen: die Frage des Gewissens................................................................................. 121

4.3.

„Augen, Herz und Sinn“. Emotionale Anthropologie in der Erbauungsliteratur.......................................................................... 138

5.

Vorbilder und Personifikationen: Leitbilder in der Erbauungsliteratur........................................................................ 161

5.1.

Imitatio Christi und neuer Mensch: die idealen Leitbilder in der Erbauungsliteratur................................................................ 162

5.2.

Die „geistliche Braut“ und die „bußfertige Sünderin“: die weibliche Bildfigur der Seele...................................................... 171

5.3.

„Freudiger Mut des Christen“: Der miles christianus als Frömmigkeitstyp............................................................................. 182

5.4.

Gotthold: zwischen einer „Pilgramschaft des betrübten Lebens“ und dem bürgerlichen Frömmigkeitsideal....................................... 196

Schluss ....................................................................................................... 207 Quellen- und Literaturverzeichnis............................................................ 221 Abbildungsverzeichnis............................................................................... 239 Abkürzungsverzeichnis.............................................................................. 241

Einleitung „Der Mensch ist nicht das älteste und auch nicht das konstanteste Problem, das sich dem menschlichen Wissen gestellt hat.“1 Diese provokative Formulierung Michel Foucaults, mit der er sich gegen die essentialistische Vorstellung, die den Menschen als gegebenes und sinnstiftendes Subjekt betrachtet, wendet und dessen Tod prophezeit, kann man als Höhepunkt der Diskussion um das Subjekt im 20. Jahrhundert betrachten. Die Entwicklung schlug allerdings eher ins Gegenteil um: Das Subjekt ist nicht nur keineswegs aus den Geisteswissenschaften verschwunden, vielmehr verlagerte sich die Diskussion auf eine andere Ebene und erhielt neue Energie. Die theoretische Subjektforschung distanziert sich seitdem allmählich von einer linearen Vorstellung der Entstehung des neuzeitlichen Subjektes, die als ein „grand récit“ (Lyotard), als eine große Erzählung der Moderne, kritisiert wird. Angesichts der Unmöglichkeit einer umfassenden „Geschichte des Subjekts“ erscheint es als der einzig sinnvolle Weg, sich stattdessen auf verschiedene „Geschichten des Subjekts“ zu konzentrieren. In der Subjektforschung distanziert man sich neuerdings auch von der Vorstellung, dass eindeutige Zuschreibungen, die dem Subjekt entweder völlige Autonomie oder völlige Abhängigkeit bescheinigen, möglich wären. Ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Subjekt“ (ὑποκείμενον), das man als „Zugrundeliegendes“, aber auch als „Unterworfenes“ betrachten kann2, wird in den Arbeiten zur Subjekttheorie Anfang des 21. Jahrhunderts versucht, das Thema des neuzeitlichen Subjekts in seiner ganzen Komplexität zu betrachten. Peter V. Zima entwickelt in Anlehnung an die Arbeiten Michail Bachtins eine Theorie der „dialogischen Subjektivität“, die sich im offenen Gespräch und somit in kritischer Distanz zum Anderem, aber auch zu sich selbst, befindet3 und die „Am1

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„Der Mensch ist nicht das älteste und auch nicht das konstanteste Problem, das sich dem menschlichen Wissen gestellt hat. […] Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende. […] Wenn diese Dispositionen verschwänden, so wie sie erschienen sind […], dann kann man sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt a. M. 1974, S. 464. Vgl.: Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Tübingen 20072. S. XI: „Das Subjekt oder subjectum erscheint bald als Zugrundeliegendes, bald als Unterworfenes, als Grundlage der Erkenntnis oder als manipulierte, verdinglichte Einheit.“; Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist 2006. S. 9: „Subjectum, das Subjekt hat eine doppelte Bedeutung: es ist das in die Höhe Erhobene und das Unterworfene.“ Zima, Theorie des Subjekts, S. 366.

10 Einleitung

bivalenz, Dialog, Alterität als Instrumente der Identitätskonstruktion“ in sich vereint.4 Somit wird die Subjektivität nicht als feste Einheit, sondern vielmehr als ein immerwährender dialektischer Prozess verstanden. Andreas Reckwitz bringt die Idee der komplexen Subjektivität im Begriff des „hybriden Subjektes“ zum Ausdruck. Er sieht in der genannten Doppelstruktur des Subjekts nicht die zwei gegenläufigen Kräfte der Unterwerfung und der Unterworfenheit, sondern betrachtet sie als zwei Seiten des gleichen Prozesses: „Dieser Interpretation folgend, ist es kennzeichnend für die Moderne – verstanden als jener heterogene Komplex von sozialen Praktiken und Diskursen, die sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Westeuropa und Nordamerika heranbilden –, dass sie spezifische kulturelle Formen produziert, denen entsprechend sich der Einzelne als „Subjekt“, das heißt als rationale, reflexive, sozial orientierte, moralische, expressive, grenzüberschreitende, begehrende etc. Instanz zu modellieren hat und modellieren will.“5

Diese „Selbstmodellierung“ vollzieht sich, indem bestimmte kulturell produzierte Kriterien der Subjekthaftigkeit vom Einzelnen verinnerlicht werden und so zur Entstehung des Subjekts im Sinne der „liberalen Emanzipationsgeschichte“ beitragen.6 In dieser Hinsicht ist die Frage nach dem Subjekt „nicht eine nach den „Individuen“, nach dem „subjektiven Faktor“, nach der „Eigensinnigkeit“ der Menschen im Verhältnis zur Gesellschaft, sondern jene nach den kulturellen Kriterienkatalogen der Subjekthaftigkeit, nach den Kulturen des Subjekts, in denen sich jeder Einzelne trainiert.“ 7

In der vorliegenden Arbeit wird somit das, was Reckwitz „Kriterien der Subjekthaftigkeit“ nennt und das, was Foucault als „verschiedene Verfahren […], 4

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Ebd., S. 369: „Schon deshalb sind die hier entwickelten Vorstellungen von einer ambivalenten, dialogischen und reflexiven Subjektivität mit dem zugrundeliegenden Transzendentalsubjekt der idealistischen Philosophie unvereinbar. Descartes cogito strebte ebenso nach Autarkie wie Kants ich denke, und Fichtes Ich unterdrückte alles Andersartige. Im Gegensatz dazu ist dialogische Subjektivität auf Alterität ausgerichtet: Sie lebt trotz aller Verwerfungen, die der Dialog mit sich bringt, von ihrem Anderen, auch von ihrem Gegenteil.“ Ebd., S. 10. „Damit dieser [der Einzelne P.S.] zu einer handlungsfähigen, vernünftigen, eigeninteressierten oder sich selbst entfaltenden Instanz, mithin zum Subjekt im Sinne der liberalen Emanzipationsgeschichte wird, verinnerlicht er spezifische kulturelle Kriterien einer als handlungsfähig, vernünftig, eigeninteressiert, sich selbst entfaltend anerkannten Subjekthaftigkeit.“ Ebd. Ebd., S. 11.

Einleitung 11

durch die in unserer Kultur Menschen zu Subjekten gemacht werden“8, bezeichnet, untersucht. An dieser Stelle werden kurze Erläuterungen zu den in der Arbeit verwendeten Begriffen notwendig. Anstelle des „Subjekt“-Begriffes, der immer noch ontologisierende Konnotationen in sich trägt, wird in der vorliegenden Arbeit bevorzugt von „Subjektivität“ gesprochen. Dieser Begriff verweist auf das „sich wandelnde Selbstverständnis des Menschen“,9 das dementsprechend „erst im historischen Wandel überhaupt faßbar [...]“ wird.10 Diese Perspektive bestimmt auch die Betrachtungsweise des Verhältnisses zwischen dem Text und der Subjektivität. Subjektivität ist demnach nicht etwas Sinnstiftendes, was einem Text zugrunde liegt, sondern vielmehr das, was in der Vermittlung von bestimmten kulturellen Formen der Subjekthaftigkeit, die man hier durchaus als „Menschenbilder“ betrachten und bezeichnen kann, sowie der Möglichkeit von deren Aneignung erst entsteht. Um den Prozesscharakter eines solch dynamischen Verhältnisses zwischen Subjektivität und Text zu unterstreichen, wird der Begriff der „Subjektivierung“ verwendet, der in dieser Arbeit in konkretem Bezug auf die untersuchten Texte als ein Prozess definiert wird, der in der Produktion von Menschenbildern einerseits und der Übertragung dieser Bilder auf den Leser andererseits besteht. Entsprechend dieser Grundannahme und damit different zur Mehrheit der literaturwissenschaftlichen Arbeiten zur Subjektforschung, die sich entweder auf sogenannte „Egodokumente“11, das „Lyrische Ich“ oder auf die „lyrische Subjektivität“ konzentrieren12 – also vor allem auf die Stimme des Schreiben8

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Foucault, Michel: Warum ich die Macht untersuche. Die Frage des Subjekts. In: Michel Foucault. Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader. Diskurs und Medien. Hrsg. v. Jan Engelmann. Stuttgart 1999. S. 161-171, hier: S. 161. Hagenbüchle, Roland: Subjektivität: Eine historisch-systematische Hinführung. In: Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität. Hrsg. v. Retro Luzius Fetz, Roland Hagenbüchle und Peter Schulz. Berlin, New York 1998, S. 1-88, hier: S. 9. Ebd., S. 5. Vgl. z. B. Kormann, Eva: Ich, Welt und Gott: Autobiographik im 17. Jahrhundert. Köln 2004; Ulbricht, Otto: Ich-Erfahrung. Individualität in Autobiographien. In: Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Richard van Dülmen. Köln u. a. 2001; Schönborn, Sybille: Das Buch der Seele. Tagebuchliteratur zwischen Aufklärung und Kunstperiode. Tübingen 1999; Bohn, Cornelia/ Hahn, Alois: Selbstbeschreibung und Selbstthematisierung: Facetten der Identität in der modernen Gesellschaft. In: Identität und Moderne. Hrsg. v. Herbert Willems und Alois Hahn. Frankfurt a. M. 1999; Bernheiden, Inge: Individualität im 17. Jahrhundert. Studien zum autobiographischen Schrifttum. Frankfurt a. M., Bern u. a. 1988 u. a. Heyde, David: Subjektkonstitution in der Lyrik Simon Dachs. Berlin, New York 2010; Bauer, Barbara: Naturverständnis und Subjektkonstitution aus der Perspektive der frühneuzeitlichen Rhetorik und Poetik. In: Künste und Natur in Diskursen der Frühen Neu-

12 Einleitung

den im Text –, werden in der vorliegenden Arbeit diejenigen Texte analysiert, die nicht der Selbstdarstellung des realen oder fiktiven Schreibenden dienen, sondern ganz explizit und ausdrücklich auf die Normsetzung für den Lesenden abzielen und im Zuge dessen unter anderem zur Subjektivierung beitragen. Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit, die Erbauungsliteratur des deutschen Protestantismus, war im 17. Jahrhundert, dem Zeitraum der Untersuchung, keineswegs eine Randerscheinung, sondern stand als ein wichtiger Teil der religiösen und literarischen Entwicklungen, und nicht zuletzt des alltäglichen Lebens, im Mittelpunkt der in der Frühen Neuzeit stattfindenden Prozesse. Trotz dieses wichtigen Stellenwerts, den sie im 17. Jahrhundert besaß, wurde die Erbauungsliteratur von der literaturwissenschaftlichen Forschung mit wenigen, aber umso wichtigeren Ausnahmen13 – die sich vor allem auf ihre sprachlichen und stilistischen Merkmale konzentrieren – fast unberücksichtigt gelassen. Speziell das Thema der Subjektivität in der Erbauungsliteratur erweist sich somit als ein deutliches Forschungsdesiderat, denn obwohl deren „epochale Bedeutung in der Formierung des von inneren Normen geleiteten Subjekts, in der Vorbereitung jener Selbstwahrnehmung, die in der literarischen Entwicklung des 18. Jahrhunderts zum Tragen kommen wird“,14 eindeutig fest-

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zeit. Hrsg. v. Hartmut Laufhütte. Bd. 1. Wiesbaden 2000. S. 69-132; Jaegle, Dietmar: Das Subjekt im und als Gedicht. Eine Theorie des lyrischen Text-Subjekts am Beispiel deutscher und englischer Gedichte des 17. Jahrhunderts. Stuttgart 1995. Pfefferkorn, Oliver: Übung der Gottseligkeit: die Textsorten Predigt, Andacht und Gebet im deutschen Protestantismus des späten 16. und 17. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 2005; Moore, Cornelia Niekus: Ein Spiegel rein und tugendklar. Die Biographie als Erbauung in der lutherischen Leichenpredigt, in: Aedificatio. Erbauung im interkulturellen Kontext in der Frühen Neuzeit. Hrsg. v. Andreas Solbach. Tübingen 2005. S. 193-206; Ingen, Ferdinand van: Form- und Stilfragen der Gebetsliteratur in der Frühen Neuzeit. Am Beispiel von Philipp von Zesens „Frauenzimmers Gebeth-Buch“ (1657). In: Gebetsliteratur der Frühen Neuzeit als Hausfrömmigkeit. Funktionen und Formen in Deutschland und den Niederlanden. Hrsg. v. Ferdinand van Ingen und Cornelia Niekus Moore. Wiesbaden 2001; Krummacher, Hans-Henrik: Georg Philipp Harsdörffer. Studien zur Textdifferenzierung unter besonderer Berücksichtigung seines Erbauungsschrifttums. Stuttgart 1991; Ders.: Überlegungen zur literarischen Eigenart und Bedeutung der protestantischen Erbauungsliteratur im frühen 17. Jahrhundert. In: Rhetorik, Internationales Jahrbuch 5, 1986. S. 97-114; Ders.: Der junge Gryphius und die Tradition. München 1976; Brückner, Wolfgang: Thesen zur literarischen Struktur des sogenannt Erbaulichen. In: Literatur und Volk im 17. Jahrhundert: Probleme populärer Kultur in Deutschland. Wiesbaden, 1982 S. 499-507; Tarot, Rolf. Formen erbaulicher Literatur bei Grimmelshausen. In: Daphnis 8 (1979). S. 95-121. Eybl, Franz: Predigt / Erbauungsliteratur. In: Die Literatur des 17. Jahrhunderts. Hrsg. v. Albert Meier. München, Wien 1999, S. 401-419, hier: S. 419. Zur Bedeutung der protestantischen religiösen Literatur in der Geschichte der deutschen Literatur vgl. auch: Schlaffer, Heinz: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur. München 20072.

Einleitung 13

gestellt wird, fehlen die konkreten literaturwissenschaftlichen Untersuchungen auf diesem Gebiet. Dies ist zum Teil damit zu erklären, dass die Erbauungsliteratur als grenzüberschreitendes Phänomen nur am Rande den Begriff des Literarischen berührt15, denn sie verfolgt keine primär ästhetischen Anliegen, sondern zielt in erster Linie auf praktische Religiosität und ist in gewissem Sinne selbst religiöse Praxis. Als solche kam ihr von Seiten der theologischen und historischen Forschung mehr Aufmerksamkeit zu.16 Mit diesem Blick auf die Forschungssituation wird deutlich, dass die Erbauungsliteratur und besonders das Thema der Subjektivität in der Erbauungsliteratur einen interdisziplinären Zugang verlangt, der das kulturelle Umfeld und die Umstände ihrer Entstehung berücksichtigt und gleichzeitig die Techniken der Subjektivierung in den Texten zu ermitteln versucht. Deswegen setzt diese Arbeit für den Zugang zu den Texten gleichermaßen auf die Situierung der Erbauungsliteratur in einem breiten kulturgeschichtlichen und theologischen Zusammenhang, also auf ihre Kontextualisierung, sowie auf das Verfahren des close reading in der konkreten empirischen Analyse der Texte, mit dem Ziel, die Möglichkeiten der Subjektivierung, die in den untersuchten Texten angeboten werden, sichtbar zu machen. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: Welches spezifische Menschenbild – oder sogar welche verschiedenen Menschenbilder – werden in den untersuchten Texten dem Leser zur Identifikation angeboten? Mit welchen Mitteln werden diese Menschenbilder konturiert und welche Strategien werden genutzt, sie dem Leser nahezubringen und diesen sogar zur Identifikation einzuladen? Nicht zuletzt stellt sich die Frage, welchen Stellenwert die in der Erbauungsliteratur sich herauskristallisierte Subjektivität im historischen Kontext hat, welche Brüche und Kontinuitäten sich verzeichnen lassen? Aus der breiten Palette der deutschen protestantischen Erbauungsliteratur des 17. Jahrhunderts wird in der vorliegenden Arbeit jenen Werken besondere Aufmerksamkeit geschenkt, die in der bisherigen Forschung nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Sie stehen damit im Gegensatz zu beispielsweise Werken von Johann Arndt und Johann Gerhard, obwohl ihre Beliebtheit bei den Zeitgenossen von keineswegs geringerem Maße war und sie bis heute als

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Zur Notwendigkeit der Erweiterung des Literaturbegriffes in Bezug auf frühneuzeitliche Texte und somit eines interdisziplinären Zuganges vgl. Harms, Wolfgang: Zur Kulturwissenschaft auf dem Gebiet der Frühen Neuzeit und zur Identität der germanistischen Literaturwissenschaft. In: Kulturwissenschaftliche Frühneuzeitforschung. Beiträge zur Identität der Germanistik. Hrsg. v. Katrin Stegbauer u. a., Berlin 2004, S. 169-184, bes.: S. 174. Vor allem sind hier die Arbeiten von Johann Anselm Steiger, Wolfgang Sommer, Rudolf Schenda, und Cornelia Niekus Moore zu nennen.