2014 Jahresbericht - Diakonie Hessen

geben Impulse zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Werkstatt gibt somit Anstöße für die Gestal- tung vieler Lebensbereiche. Mit unterschiedlichen Maßnahmen ...
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Jahresbericht

2014

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Jahresbericht 2014

Inhalt

05 Vorwort Diakonie Hessen

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07 Aktives Altern und die Solidarität der Generationen Dr. Wolfgang Gern

10 Die Diakonie Hessen lernt laufen Horst Rühl

12 Aufbruchstimmung? Aufbruchstimmung! Wilfried Knapp

15 „Mit sechsundsechzig Jahren …“ Älter werden in der Arbeitswelt Dr. Harald Clausen

18 Wir werden jeden Tag neu Astrid Ludwig

20 „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ Das neue Sozialwort der Kirchen Dr. Alexander Dietz

Kirche und Diakonie

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22 Kreisdiakonieausschuss Dietrich Hering

23 Bereichernd für alle: Die Arbeit im Dekanats-Diakonie-Ausschuss Heike Deuchert

25 Die Rente ist … Uwe Seibel

26 Helle Räume mitten in der Landeshauptstadt Gregor Ziorkewicz

Arbeitsgebiete

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29 Psychisch kranke ältere Menschen in der Eingliederungshilfe Wolfgang Clotz

30 Von der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in die Altersrente Silke Dammann-Bethge

32 Die diakonischen Beratungsstellen der Müttergenesung Heidrun Klinger-Meske

35 Jugendmigrationsdienste (JMD) Inge Müller

37 Zwei Porträts zum BFD 27plus: Ein Jahr freiwillig Brigitte Stürzel

39 Alt, arm, wohnungslos: Wohnungslosenhilfe der Diakonie Hessen Stefan Gillich

40 „Älter werden“ Barbara Heuerding

43 Neue Kampagne bietet mit Momentaufnahmen erzählerische Einblicke in den Alltag der Diakonie Kathleen Niepmann

45 Qualität unter neuen Vorzeichen sichern Bereich Tageseinrichtungen für Kinder Regine Haber-Seyfarth

Inhalt

Jahresbericht 2014

47 Studierende mit Migrationsvorsprung Eckehard Zühlke

49 Kein Ort. Nirgends Hildegund Niebch

50 www.diakoniespen.de Bernd Kreh

Diakonie persönlich

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52 Fragen an die Mitarbeitenden an der Pforte in Kassel und Frankfurt am Main

Mitglieder

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55 Rockmusik in der Pflege Melanie Schmitt

57 Die Litfaßsäule weckt Erinnerungen an die Kindheit Eckhard Lieberknecht

59 Suchthilfe EVIM Angelika Angerer

60 Frauenrecht ist Menschenrecht Angelika Angerer

Diakonie präsent

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62 Über 300 Gäste beim Jahresempfang 2014 Eckhard Lieberknecht

63 Sternendom der evangelischen Kirche und Diakonie „Hoffnungsvolles Zeichen des Miteinanders“ Gregor Ziorkewicz

65 Social Me Contest Gregor Ziorkewicz

Regionale Diakonische Werke 66

67 Regionales Diakonisches Werk Bergstraße Angelika Angerer

68 FÄN – Die Fachkoordination Älterwerden in Niederzwehren Christof Dahl

69 Gekommen, um zu bleiben Lucian Lazar

70 Es tut gut, Kinder lachen zu sehen Bernd-Christoph Matern

Anhang

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Jahresabschluss 2013 Statistik der Mitglieder und Einrichtungen Adressen Organigramm Impressum

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Vorwort

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„So spricht der Herr Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.“ Sacharja 8, 4-5

Liebe Leserin, lieber Leser, das Zitat aus Sacharja 8 ist ein schönes Bild. Spiegelt sich hier doch der Wunsch nach einer Gesellschaft wider, in der die Generationen gemeinsam die Plätze der Stadt bevölkern. Die Straßen gehören den Menschen jeden Alters, um dort zu tun und zu lassen, was ihnen Freude macht, oder aber um nach ihren Möglichkeiten beieinander zu bleiben, da, wo sie gelebt haben. Jung und Alt begegnen sich ganz selbstverständlich, sie können voneinander lernen. Dies ist ein Ort, wo man gut älter werden kann – in jedem Lebensalter.

KARL PETER BRUCH

Leider ist das in unserer Gesellschaft nicht selten anders. Statt fröhlich und zuversichtlich blicken viele Menschen ängstlich und sorgenvoll in ihre Zukunft. Die Gründe dafür sind vielfältig: Armut, Krankheit, Behinderung oder auch Jugend. Gemeinsam ist diesen Menschen: Sie sehen für sich keinen solchen lebenswerten Ort und vermögen es auch nicht, sich diesen zu schaffen oder zu erhalten. Unter das Thema „Älterwerden“ haben wir den Jahresbericht gestellt. Wir alle werden älter. Und wir sehnen uns nach solchen Orten, wo wir das gut können und die lebenswert sind. Ziel der gemeinsamen Arbeit in der Diakonie ist es, solche Orte zu erhalten oder zu schaffen. Gerade da, wo die Bedingungen schwierig sind. Sei es durch sozialpolitische Aktivität oder durch konkrete Angebote.

JOACHIM BERTELMANN

Wir haben viele unterschiedliche und überzeugende Beispiele gesammelt, die hoffnungsvolle Lebensperspektiven schaffen – mit jeder und für jede Altersgruppe. Dieser Überblick zeigt das breite Spektrum der Diakonie und mag Sie persönlich anregen in Ihrem eigenen Engagement. Von ganzem Herzen möchten wir an dieser Stelle Ihnen allen danken, die Sie die Diakonie Hessen auch im vergangenen Jahr begleitet und ihr zur Seite gestanden haben: durch Ermunterung, durch konstruktiv-kritische Zusammenarbeit auf vielen Ebenen, durch unermüdliches Engagement und finanzielle Unterstützung, durch kompetente haupt- und ehrenamtliche Mitarbeit. In diesem Sinne und vor allem mit Ihnen zusammen kann die Diakonie Hessen ihre Arbeit im Sinne der Menschen in unserer Gesellschaft tun. Dieser Jahresbericht gibt ein vielfältiges Zeugnis davon. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Blättern und Lesen und grüßen Sie herzlich

Karl Peter Bruch

Joachim Bertelmann

Dr. Wolfgang Gern

Staatsminister a.D. Vorsitzender der Mitgliederversammlung der Diakonie Hessen

Pfarrer Vorsitzender des Aufsichtsrates der Diakonie Hessen

Pfarrer Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen

DR. WOLFGANG GERN

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AKTIVES ALTERN UND DIE SOLIDARITÄT DER GENERATIONEN

Wenn ich 65 Jahre alt sein werde, wird man mir sagen: Hey, du wirst alt. Das sagte mir unser Sohn schon, als ich Anfang Vierzig war. Da habe ich noch gelacht. Mitte Fünfzig dachte ich: Langsam wird es ernst. Jetzt mit 63 denke ich: Du kannst es nicht ändern, höchstens Dich selbst kannst Du ändern. Die Allmachtssehnsüchte nehmen ab. Man wird langsam erwachsen. Die Gelassenheit nimmt zu — und ich denke auch: Man muss keine falschen Rücksichten mehr nehmen. Auch die Offenheit wächst, vielleicht auch die Barmherzigkeit mit sich selbst und anderen gegenüber. Vor allem fragt man deutlicher: Wie geht es denen, die älter werden? Und ich erfahre: Schon heute sind weit über 20 Prozent der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt. Im Jahre 2030 werden es 36 Prozent sein, zu denen im Erlebensfall auch ich gehören werde. Daher meine erste These: Die Lebenserwartung der Menschen in unserem Land steigt. Das ist eine Folge von me-

dizinischem Fortschritt, auch eine Folge von Wohlstand. Während der Anteil der Alten in unserer Gesellschaft steigt, geht der Prozentsatz des „Mittelalters“ zurück. Der Anteil der 20- bis 59-Jährigen beträgt heute 47 Prozent, im Jahre 2050 spätestens werden sie nur noch 33 Prozent ausmachen. Das bedeutet: Die Belastung der mittleren Generation für die finanzielle Sicherung des Alters wird steigen. Dramatisch dabei ist nicht die höhere Lebenserwartung, sondern die geringe Geburtenrate. Dramatisch ist nicht die Zahl der Älteren, sondern die wachsende Altersarmut. Der Anteil der Armen in Hessen liegt laut Hessischem Sozialbericht bei insgesamt 14,6 Prozent, bei Men-

schen über 65 Jahren sind es 14,1 Prozent. Aber aufgrund der demografischen Entwicklung und der daraus entstandenen Folgen für das umlagefinanzierte Rentensystem wird die Altersarmut bis 2020 auf 20 Prozent steigen. In Ostdeutschland ist die Zahl sehr viel höher. Woran das liegt, ist vor aller Augen: Die Reallöhne haben sich schwach entwickelt. Die Rentenreformen haben die Ansprüche reduziert. Der Niedriglohnsektor ist gewachsen. Frauen sind stärker betroffen – durch eine durchweg niedrigere Beschäftigungsquote. Deswegen sage ich aus Überzeugung – und dies ist meine zweite These: Wer ein Leben lang erzieht, arbeitet und pflegt, darf im Alter nicht auf Tafeln angewiesen sein. Und wer sich für eine Mindestrente ein-

setzt, muss auch den armutsfesten Mindestlohn fordern. Prekäre Beschäftigung vervielfacht das Risiko der Altersarmut. Dennoch: Alter ist etwas Relatives. Alter muss nicht altern bedeuten. Faktoren, wie Gesundheit, soziale Lebenslage, Lebensgeschichte und Gene, spielen eine Rolle. Sie beeinflussen das Alter. Durchweg kann man sagen: Die Älteren von heute sind kreativer, aktiver und selbstbewusster, als es die Generationen meiner Eltern und Großeltern waren. Viele Alte wollen nicht betreut werden, sondern ihre Kräfte einsetzen für andere. So lautet meine dritte These: Das Altwerden ist Geschenk und nicht Bedrohung. Keine Verabschiedung in den Ruhestand, wo nicht offen oder versteckt auf das winkende Ehrenamt hingewiesen wird. Hausaufgabenhilfe, Besuchsdienste, Besorgungen für Nachbarn, Internet für Ältere, Arbeit für Barrierefreiheit im

PFARRER DR. WOLFGANG GERN

Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen

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„ WÜRDEVOLLES LEBEN UND SELBSTBESTIMMUNG MÜSSEN GERADE IM ALTER GEFÖRDERT WERDEN.“ Dorf oder in der Stadt. Und wer Alt-68er ist, der oder die kann auch moderner Alter oder moderne Alte sein, oder? Ich kann doch dankbar sein, dass ich älter werden darf. Und ich kann den Dank andere spüren lassen. Was bedeutet Altwerden auf den ländlichen Raum bezogen? Alle reden von der Stadt, vom Sog in die Stadt. Vom ländlichen Raum reden nur wenige. Auch das ist eine Form von Ausgrenzung. Als ich Gemeindepfarrer im Odenwald war, wusste ich im Übrigen: Ich muss zwei bis drei Generationen hier leben, um „Odenwälder“ zu werden. Ja, der ländliche Raum ist, wenn es gut geht, ein Ort der Kontinuität und der Tradition, ein Ort der Verlässlichkeit und der guten Nachbarschaft, ein Ort der Familien und der familiären Verantwortung für alle Generationen. Aber die Brüche des ländliches Raumes dürfen nicht verschwiegen werden: Der ländliche Raum ist tendenziell strukturschwach und vom demografischen Wandel besonders betroffen. Ältere bleiben häufig allein zurück, Versorgungsangebote schwinden, lange Fahrtwege sind ein Problem, die öffentliche Verkehrsanbindung wird immer prekärer. Unterstüt-

zungsangebote fehlen oder kosten zusätzlich. Die soziale Infrastruktur ist ein großes Thema. Über das, was ich glaube und was ich mir erhoffe, will ich nicht schweigen. Daher lautet meine vierte These: Die Geschichten der Bibel machen Mut zum Älterwerden. Sie rechnen damit, dass man im Alter

noch einmal neu aufbrechen kann. Abraham und Sara, Isaak und Jakob, ja das waren lebenshungrige und sehnsüchtige Zeitgenossen. Sie haben wie wir alle von Gott die Zusage: „Ich will euch tragen, bis ihr grau werdet." (Jesaja 46, 4) . In anderen Kulturen wird das Alter noch mehr beachtet als in Europa. Häufig sieht man die Älteren näher bei Gott – das muss nicht durchweg stimmen. Auch im vierten Gebot wird mitgegeben, dass Mutter und Vater zu ehren sind – mit der Zusage, „auf dass du selbst lange lebest auf Erden“. Aber die Alten sollen selbst beweglich bleiben, dass ihr Leben soweit möglich aus eigener Kraft gelingt. Liebevolle Weisheit ist besser als griesgrämige Besserwisserei. Denen, die nachkommen, nicht im Wege stehen – das ist allemal besser als nicht loslassen können.

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Vielleicht geht es am besten, wenn ich mir sage: Ich muss im Alter das Ganze nicht mehr tragen. Die Welt geht nicht unter ohne mich. Da ist einer, der hält die Wacht. Ich trage das bei, worauf ich Lust habe, wozu ich noch in der Lage bin. Vor allem: Ich finde inneren Frieden — Frieden auch mit allem, was ich gerne anders gehabt oder anders gemacht hätte. Ja, ich schaue mit viel Hoffnung auf das Alter. Insgeheim möchte ich jung und knackig bleiben, gesund und leistungsstark. Was aber ist, wenn die Kräfte schwinden, wenn ich nicht mehr so kann, wie ich will? Ich kenne auch die andere Seite des Alters — wenn es schwer wird. Vor Jahren rief mich meine alte Mutter an. Sie hatte gerade ihr neues Domizil in einem Seniorenheim bezogen — und ich fragte nach ihrem Wohlergehen. Meine Mutter antwortete: „Ja, hier ist es schön. Aber eine Frage quält mich: Warum ruft denn Wolfram nicht an? Er meldet sich gar nicht!“ Ich erinnerte sie daran: „Du, Wolfram (mein Vater) ist doch bereits 1988 gestorben“. Dann sagte sie vorwurfsvoll: „Das weiß ich doch. Aber anrufen hätte er doch können“. Das war der Beginn der Demenz unserer Mutter. Wer weiß, wie es bei mir sein wird? Vielleicht werde ich Hilfe brauchen oder gar pflegebedürftig werden. Dann möchte ich meine Autonomie nicht verlieren, nicht meine Würde und hoffentlich auch nicht mein Selbstbewusstsein. Ich möchte selber entscheiden können, was ich brauche und wie ich mich wohlfühle. So lautet meine fünfte These: Würdevolles Leben und Selbstbestimmung müssen gerade im Alter gefördert werden. Wie gut, dass es engagierte Pflegerinnen

und Pfleger gibt, die darum wissen, die Fantasie und Einfühlungsvermögen haben. Ich denke auch an die Diakonie- und Sozialstationen mit ihrem großen Einsatz. Ich denke an die Mehrgenerationenhäuser, wo Alt und Jung einander stützen. Ich denke an die Gemeindehäuser, wo demenzerkrankte Menschen betreut werden von Hauptund Ehrenamtlichen — wie etwa in Beerfelden. Wir brauchen mehr Unterstützung für pflegende

Angehörige, denn 75 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Dazu kann und will ich nicht schweigen: Gute Pflege hat ihren Preis. Die Kostenträger, das heißt die Pflegekassen — sie müssen für eine gute und auskömmliche Pflegefinanzierung einstehen. Die Kosten auf die Pflegeeinrichtungen und die Pflegebedürftigen abzudrücken, fährt auf die Dauer die menschenwürdige Pflege an die Wand. Wer von Würde im Alter redet, muss auch für den Ernstfall einstehen. Die Pflegekassen sind gefordert. So lautet meine sechste und abschließende These: Wir brauchen eine neue Kultur des Helfens in unserer Gesellschaft. Darüber brauchen wir Konsens.

Wenn Pflege eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, muss sie auch von der Solidargemeinschaft getragen werden. Was uns etwas wert ist, hat auch seinen Preis. Eine Zwei-Klassen-Pflege dient nicht der Solidarität. Wir kommen — zumal in der Reformationsdekade — von Martin Luther her, der gesagt hat: Der Glaube ist der Täter, die Liebe ist die Tat. Das Lieben und das Lastentragen gehören zusammen. Und das Lastentragen hat immer zu tun mit dem Ausgleich zwischen Starken und Schwachen, zwischen Alt und Jung. Auch am Ende zählt die Liebe. Die rechnet sich. Und noch einmal: Was uns etwas wert ist, hat auch seinen Preis. Zum Abschluss etwas Humorvolles des Gießener Philosophen Odo Marquard. Odo Marquard sagt in seinem Vortrag mit dem bezeichnenden Titel: „Zum Lebensabschnitt der Zukunftsminderung“ aus dem Jahre 2006: „Meine Leidenschaft ist das Schlafen in all seinen Formen: als Mitternachtsschlaf, als möglichst früher Abendschlaf, als lang andauernder Morgenschlaf, und dann vor allem ausgedehnt als Mittagsschlaf. Ich hoffe und vertraue auf einen Gott, der mich nach meinem Tode nicht auferweckt, sondern schlafen lässt. Meine Frau ist für etwas mehr Auferstehung, und meistens setzt sie sich  ja durch.“

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Diakonie Hessen

DIE DIAKONIE HESSEN

lernt LauFen

L A N D E S K I R C H E N R AT H O R S T R Ü H L

Theologischer Vorstand der Diakonie Hessen

Ich erinnere mich noch gut daran, als unsere Tochter laufen lernte. Sie war gerade ein Jahr alt. Die ersten eigenen Schritte machte sie, als sie sich in einem auf den Boden gestellten Spiegel selbst entdecken konnte. Von sich selbst angezogen, ging sie auf ihr Spiegelbild zu und konnte die Hände loslassen, die sie bisher tragen, halten und lenken mussten. Dazu gehörte manches Stolpern und Fallen. Aber die neue Kunst, auf eigenen Füßen stehen zu können, motivierte immer wieder neu zum Aufstehen. Die Erinnerung an diese Kindheitsphase kann gut als Bild für die Diakonie Hessen dienen. Gehen wir vom Fusionsfest am 30. August 2013 aus, ist sie nun ein gutes Jahr alt. Dabei steht sie

auf den zwei starken Beinen der beiden Vorgängerorganisationen und kann so als Diakonie Hessen nun das Laufen als neues Werk lernen. Ganz bewusst haben wir uns als Vorstand und Mitarbeiterschaft den Spiegel vorgehalten. Wir haben uns gemeinsam in den Blick genommen und unser Selbstverständnis formuliert. Das waren manchmal noch wackelige Schritte auf unser eigenes Bild zu, doch diese Schritte helfen jedem und jeder Einzelnen und allen miteinander zu erkennen, wie wir uns verstehen und auf welcher Grundlage wir uns auch miteinander verstehen können. In diesem Spiegel unseres Selbst lässt sich die große Kontinuität entdecken. Das Fundament

Diakonie Hessen

unserer Unternehmenskultur als Diakonie Hessen unterscheidet sich gar nicht von dem der beiden Vorläufer, denn es ist das Evangelium. Dieses spricht von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen und der Gnade Gottes, die aus fehlerhaften Menschen gerechte – eben gerechtfertigte – werden lässt. Ganz profan können wir das als Fehlerfreundlichkeit übersetzen. Und der erste Artikel unseres Grundgesetzes beschreibt mit der unantastbaren Menschenwürde das, was durch die Gottesebenbildlichkeit gesetzt ist. Wir können auch von Wertschätzung des einzelnen Menschen unabhängig von seiner Herkunft, Prägung und Religion sprechen. Der Entwurf des neuen Selbstverständnisses spiegelt diese Sicht wider. Die erkennbare Kontinuität zu den bisherigen kulturellen Grundannahmen kann jetzt dazu befreien, die nötigen neuen Wege zu gehen. Beide bisher bestehenden Kulturen haben sich schon verändert, verändern sich gerade und wachsen zu einer neuen Kultur zusammen. Die Schritte sind dabei nicht immer bequem, weil zum Laufenlernen das Fallen, das Fehlen, das Beharren und die Erwartung, dass sich doch jetzt einmal das Gegenüber bewegen solle, gehören. Aber es gibt inzwischen auch die Erfahrung, dass das Loslaufen lohnt, und auch, dass wir beieinander und miteinander ankommen. Das zieht sich von einzelnen fachlichen Bereichen über die Konferenz der Bereichsleitungen, den Vorstand bis hin zum Aufsichtsrat. Der Abstand zwischen den beiden Standorten scheint manchmal weit, aber es lohnt sich, die anderen abzuholen, ihnen nachzugehen. Dabei muss ich daran denken, dass das Zimmer zum Laufenlernen viel Platz bot und wir Eltern alle Stolperfallen weggeräumt hatten. So geht es nun auch nach der erfolgten Fusion darum, dass alle Verantwortlichen die Stolperfallen aus dem Weg räumen. Verantwortlich sind in der Diakonie Hessen nicht nur die beiden Kirchen, sondern alle am Prozess Beteiligten. Die Kirchen achten darauf, keine neuen Unebenheiten aufzubauen. Die Mitglieder begleiten den weiteren Prozess zugewandt, aufmerksam

und kritisch. Aufsichtsrat und Vorstand stellen sich der Herausforderung, den sich entwickelnden großen Raum zu sehen, einzelne Interessen zurückzustellen und den Freiraum nutzbar zu gestalten. Alle Mitarbeitenden können in ihrer hohen Professionalität diesen Raum nutzen und die nächsten Schritte wagen. Dabei kann es eine Befreiung sein, dass das Fallen und Fehlen immer möglich ist. Beim Laufenlernen kann das jeden und jede treffen. Ist man sich dieser Tatsache bewusst, gelingt die Akzeptanz von gemachten Fehlern den anderen Menschen und dem eigenen Leben gegenüber besser. Es könnte sein, dass sogar der eine oder die andere im Fallen Halt am Gegenüber sucht. Das könnte wie eine Vereinnahmung wirken und wäre doch nur ein Hilferuf. Die Erkenntnisse aus dem Selbstverständnisprozess, wie wir uns selbst verstehen und miteinander verstehen können, bilden eine gute Grundlage. Nach den Schritten aufeinander zu steht es jetzt an, die nächsten Schritte gemeinsam nach vorn zu tun. Dazu hat der Vorstand einen Strategieprozess angestoßen, der das gemeinsame Handeln an den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft ausrichten soll. Hier werden die Mitglieder mit ihren berechtigten Interessen und Erwartungen wieder deutlicher in den Fokus rücken. Das stärkere politische und gesellschaftliche Gewicht will jetzt klar ausgestaltet werden. Die Diakonie Hessen lernt laufen! Auf diese Weise ist die Fusion ein massiver Anstoß, die nötige Diskontinuität des ständigen Wandels einer lernenden Organisation zu üben und zugleich die bewusste Orientierung an der Kontinuität der gemeinsamen kulturellen Basis. Gerade diese Sicherheit, auf dem gemeinsamen Fundament des Evangeliums zu stehen, ermöglicht im Laufen und im Lernen zu bleiben. Das bedeutet, die ständige Bewegung und Veränderung nicht nur zuzulassen, sondern bewusst zu wollen. Dieser Prozess will in einem ständigen Austausch zwischen Mitgliedern und Verband, Gremien und Mitarbeitenden ausgestaltet werden. So folgt auf das Laufenlernen das Laufen als Selbstver ständlichkeit.

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AUFBRUCHSTIMMUNG?

AUFBRUCHSTIMMUNG!

Es gibt sie noch: Die Aufbruchstimmung in unserer fusionierten Diakonie Hessen!

WILFRIED KNAPP

Kaufmännischer Vorstand der Diakonie Hessen

Im kaufmännischen Bereich war das erste Jahr nach der formalen Fusion durch vier wesentliche Geschehnisse bestimmt: Die Umsetzung der inneren Fusion, die Bündelung der Kräfte in der wirtschaftlichen Beratung, die Entwicklung neuer Werkzeuge und das Reflektieren über diakonieinterne Strukturen. Die Umsetzung der inneren Fusion ist weit gediehen: Die inneren kaufmännischen Funktionsbereiche, wie Finanzen, Controlling, Administration oder das Fundraising, haben sich gemeinsam gut entwickelt, in den meisten Bereichen sind die Aufgaben an einem Standort harmonisiert, die Verantwortung ist klar an die neuen Bereiche delegiert und wird dort zusammengefasst für die gesamte Diakonie Hessen wahrgenommen. Einzelne Aufgaben müssen noch nachjustiert werden: Die Buchhaltungen konnten noch nicht alle Prozesse und Systeme vereinheitlichen, die wirtschaftliche Beratung für

die ambulante Pflege sowie die Verantwortung im Fundraising für Nordhessen sind aus Ressourcengründen noch nicht sichergestellt. Auf dem Weg zu einer Diakonie in Hessen haben unsere Mitarbeitenden im Jahr eins nach der Fusion sehr viel geleistet, die Tagesarbeit sichergestellt, zusätzlich vieles neu organisiert und mutig umgesetzt. Für viele war es eine große Herausforderung, aber zurückblickend können wir stolz sein auf das Geleistete – und dankbar. Schön wahrzunehmen ist auch, dass vermeintlich alte Vorurteile zwischen dem sogenannten „Süd- und Nordhessen“ mehr und mehr aufbrechen, durch gegenseitigen Respekt und kollegiales Verständnis und durch ein Aufeinanderzugehen abgelöst werden. Auch die Bereitschaft, liebgewordene Vorgehensweisen zurückzustellen, Neues anzunehmen, ist in Frankfurt und Kassel grundlegend anders als noch vor Jahresfrist. Es ist schön und macht hoffnungsvoll: Ein gutes und effizientes Miteinander, ja teilweise auch schon ein „WirGefühl“ in der neuen Diakonie Hessen ist entstanden!

Diakonie Hessen

Die Bündelung der Kräfte trägt in den wirtschaftlichen Beratungsbereichen bereits Früchte: Durch die Einführung einer Spartenorganisation, welche die Konzentration auf bestimmte Arbeitsgebiete – auf die Vertretung der Behinderten-, der Kinder- und Jugendhilfe in Kassel, der Altenhilfe, Pflege und Wohnungslosenhilfe in Frankfurt –, ermöglicht, können sich unsere Mitarbeitende über beide Kirchengebiete hinweg vertieft für die verbandspolitische Vertretung und die betriebswirtschaftliche Beratung der Mitgliedseinrichtungen einsetzen. Und dies ist dringend geboten, in nahezu allen Bereichen wird ein höheres Maß an Beratung von Seiten der Mitglieder erwartet und nachgefragt. Aktuell beschäftigen uns weitreichende zukunftsbestimmende Themen: Die landesweite Einführung der personenzentrierten Steuerung der Eingliederungshilfe in Hessen (PerSEH), die äußerst schwierigen Verhandlungen zu einer hessischen Rahmenvereinbarung in der Kinderund Jugendhilfe, die trotz reduzierter Tarifsteigerungen immer unerträglicher werdende ökonomische Situation vieler Altenhilfeeinrichtungen oder die sich zuspitzende Knappheit an qualifiziertem Pflegepersonal, zeigen einen treffenden Themenüberblick auf. Trotz konträrer Sichtweisen in der politischen Diskussion auf der Ebene der Liga der Freien Wohlfahrtspflege oder mit den Landes- und Kommunalpolitikern, sehen wir uns gegenüber den Herausforderungen der Zukunft gut gewachsen. Die interdisziplinäre enge Zusammenarbeit im Hinblick auf inhaltliche, juristische und ökonomische Funktionen in der Diakonie Hessen sowie die enge Zusammenarbeit mit den Facharbeitsgemeinschaften zahlt sich dabei oftmals aus. Seit der Fusion sind Abstimmprozesse einfacher geworden, Positionen fundiert und schneller formuliert – unser Gewicht in der verbandspolitischen Vertretung nach außen nimmt zu. Beispielsweise können wir mit Stolz darauf zurückblicken, dass es uns gelungen ist, ein Positionspapier der Diakonie Hessen zu PerSEH zu erstellen oder dass wir in vielen Regionen Hessens die Jugendhilfetarife federführend verhandelt und abgeschlossen haben.

Durch die aufgezeigten Entwicklungen in den sozialen Bereichen, und zwar nicht nur in der Behindertenhilfe und Kinder- und Jugendhilfe, sondern insbesondere auch in der Altenpflege, werden zunehmend individuelle Beratungen einzelner Mitglieder erforderlich. Die Vorbereitung und Begleitung der Mitglieder bei Entgeltverhandlungen – hier stieg der Bedarf vor allem in der ambulanten Pflege immens – kann gegenwärtig nicht mehr in vollem Umfang sichergestellt werden. Weiter vorangekommen sind wir beim Aufbau verbandsinterner Beratungs- und Unterstützungswerkzeuge. Unsere Konzeption zur Weiterentwicklung des früheren DWHN-Risikomanagements wurde mittlerweile im Aufsichtsrat beschlossen und wir bereiten uns darauf vor, das von den DWs Württemberg und Baden entwickelte und von der Evangelischen Bank vertriebene Risikomanagement erstmals verbandsweit in der ersten Hälfte 2015 einzusetzen. Außerdem wollen wir eine Entwicklungspartnerschaft mit mehreren diakonischen Landesverbänden begründen, um ein effizientes Betriebsvergleichssystem, zuerst für die stationäre und ambulante Altenhilfe, danach aber auch für die Behinderten- und Jugendhilfe aufbauen zu können. Verbandliches Risikomanagement und ein Betriebsvergleichssystem werden uns zukünftig helfen, Mitgliedseinrichtungen zu unterstützen und zu beraten, strukturiert und qualifiziert Entwicklungen in den einzelnen Arbeitsbereichen einschätzen zu können und last, but not least, gute verbandliche Argumentationen für die (tarif-) politischen und arbeitsrechtlichen Verhandlungen entwickeln zu können. Darüber hinaus wünschen sich viele unserer Mitglieder eine professionelle, interdisziplinäre Begleitung von qualifizierten Verhandlern und sind auch bereit, diese individuellen Leistungen, die über das Maß des im Verband zu Leistenden hinausgehen, getrennt zu vergüten. Wir haben uns deshalb in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Ansätzen aus anderen diakonischen Landesverbänden beschäftigt und dort wichtige Impulse gewonnen. Gleichzeitig wurde

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eine zukunftsfähige Konzeption für den Erhalt und die Weiterentwicklung der bisherigen Treuhandstelle - dem neuen Bereich Prüfung und Beratung – in Kassel entworfen. Hier stehen wir noch am Anfang, aber die Vision ist, in den nächsten Jahren attraktive und umfassende Angebote in den Themengebieten Jahresabschlussprüfungen, Innenrevisionsaufgaben, für Compliance-Prüfungen, für Entgeltverhandlungen, Outsourcing von Dienstleistungen, u.a. für interessierte Mitglieder entwickeln und anbieten zu können. Wir können uns gut vorstellen, dass die beiden Bereiche der wirtschaftlichen Beratung (Kassel und Frankfurt) mit dem Risikomanagement, den Betriebsvergleichen, dem Team Institutionelle Förderung, ergänzt um den neuen Bereich (entgeltliche) Prüfung und Beratung, gemeinsam ein attraktives Angebot verbandlicher Leistungen für alle Mitglieder und ein spezielles Prüfungs-/Beratungs- und Unterstützungspaket gegen Entgelt für einzelne Mitglieder anbieten können. Neben neuen Konzeptionen von Leistungen für Mitglieder haben uns diakonieinterne Strukturfragen beschäftigt. Erfolgreich hat eine Projektgruppe „Diakoniestationen 2.0“ mit Vertretern aus Kirche und Diakonie den Vorschlag zur Gründung einer EKHN-weiten GmbH für die ambulante Pflege entwickelt. Dazu hat die Kirchenleitung bereits im März einen maßgeblich von uns mitentworfenen Grundsatzbeschluss gefasst: Bis Anfang 2015 soll eine ambulante Gesellschaft gegründet sein, die dann diejenigen der 50 kirchlichen Diakoniestationen aufnehmen soll, die in diese sicherere Gesellschaftsform wechseln und von der Unterstützung in größeren Trägerstrukturen profitieren möchten. Die neue Struktur soll in der Gesellschaft für diakonische Einrichtungen (GfdE), die 11 stationäre Pflegeheime betreibt und in der die EKHN Mehrheitsgesellschafter ist, geschaffen werden. Wir sind sehr dankbar für diesen zukunftsweisenden Beschluss der Kirchenleitung in Darmstadt. Vielleicht ist es ja auch ein Modell für Nordhessen?

In der Strukturfrage der Ausgliederung der regionalen Diakonischen Werke (rdws) haben wir das einjährige Moratorium zu vertieften Gesprächen mit den Kirchen und innerhalb des Vorstandes genutzt. Ein konkreter Vorschlag für die zukünftige Struktur der rdws ist für das Frühjahr 2015 zu erwarten, zur Erfüllung der Satzungspflicht ist die Umsetzung in der zweiten Jahreshälfte 2015 vorgesehen. Die ökonomische Situation der rdws wird immer mehr zu einer großen Herausforderung: Instrumentenreform, Schuldenbremsen in den Landesverfassungen und Schutzschirme für mehr als 100 Kommunen in Hessen und RheinlandPfalz üben einen immer stärker werdenden wirtschaftlichen Druck auf die 19 regionalen Diakonischen Werke auf dem Gebiet der EKHN aus. Zwei rdws haben bereits keine Rücklagen mehr und nahezu die Hälfte der Werke haben operativ negative Ergebnisse. Für sie wurden bereits Perspektivplanungen mit dem Ziel, ausgeglichene Haushalte zu erzielen, erstellt. Angesichts der prekären Haushaltssituation in vielen rdws – die Werke haben im Durchschnitt nur Rücklagen für ca. zwei Monate – muss über eine bessere Kapitalausstattung und noch engere Unterstützung der Leitungen der rdws beraten werden. Bereits jetzt erfordert die betriebswirtschaftliche und personalpolitische Unterstützung der rdws einen immer größeren Zeitaufwand. Die gegenwärtig zur Verfügung stehenden Ressourcen reichen sicherlich dauerhaft nicht aus. Und dann noch dieser sehr notwendige und aufwändige Strategiefindungsprozess der Diakonie Hessen: Das Thema meines Berichtes aus dem letzten Jahr bleibt: „Vorhang auf – zum nächsten spannenden Akt …!“

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„ MIT SECHSUNDSECHZIG JAHREN …“ ÄLTER WERDEN IN DER ARBEITSWELT Als der Schlager „Mit sechsundsechzig Jahren …“ entstanden ist, bestand kein Zweifel, dass es sich bei dem 66-Jährigen um einen Pensionär handelt. In Zukunft wird dies nicht mehr selbstverständlich, sondern die Ausnahme sein: die Angehörigen des Geburtsjahrgangs von 1958 werden in zehn Jahren die Ersten sein, die erst mit 66 Jahren in Rente gehen können; ab dem Jahr 2031 wird die Regelaltersgrenze erst mit 67 Jahren erreicht. Auch in der Diakonie werden wir in Zukunft länger im Berufsleben bleiben und der Anteil der Mitarbeitenden, die sechzig Jahre und älter sind, wird weiter steigen. Unser Umgang mit dem demografischen Wandel in den diakonischen Einrichtungen und Unternehmen wird mit darüber entscheiden, wie und in welcher Qualität wir zukünftig den Menschen in Gemeinden und Kommunen unsere sozialen Dienstleistungen anbieten können. Altersbilder: weise oder greise?

Der im Jahr 2010 veröffentlichte sechste Altenbericht der Bundesregierung hat sich ausführlich mit den Altersbildern in unserer Gesellschaft befasst. Die Autoren des Kapitels zur Arbeitswelt beschreiben für die Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Abfolge unterschiedlicher Altersbilder, die sich auf die Arbeitswelt ausgewirkt haben. Ausgehend von dem Bild der schutzbedürftigen Alten (50er und 60er Jahre) wurde über die Vorstellung einer „automatischen“ altersbedingten Leistungsminderung (70er Jahre) in den 80er Jahren die Idee der Frühverrentung auf Gesetzesebene und in den Betrieben umgesetzt. Seit den 90er Jahren hat sich die Sichtweise auf ältere Menschen im Arbeitsleben verändert: Unter dem Eindruck des einsetzenden

demografischen Wandels und den sich daraus ergebenden Verschiebungen in den Sozialversicherungssystemen wurde nun die Verlängerung der Lebensarbeitszeit diskutiert. Dieser Paradigmenwechsel wurde von einer Veränderung des Altersbildes begleitet. Ältere Menschen wurden nun als Mitarbeitende gesehen, die sich einen großen Schatz an fachlichen Kompetenzen, Fachkenntnissen und Erfahrungen erarbeitet haben. Dies führt vor allem bei komplexen Aufgabenstellungen dazu, dass Ältere die besten Leistungen erbringen können. Demografischer Wandel – wie schön, dass wir alle immer älter werden können!

Die Menschen in unserem Land erreichen im Durchschnitt ein immer höheres Lebensalter. Gepaart mit der Tatsache, dass die Geburtenzahlen zurückgehen, führt dies zu einem demografischen Wandel, bei dem der Anteil älterer Menschen in der Gesamtbevölkerung zunimmt. Diese Fakten sind überhaupt nicht neu: Seit Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts war dieser Trend bereits zu erkennen. Zunächst wurde er nur in wissenschaftlichen Fachkreisen diskutiert, spätestens mit Erscheinen von Frank Schirrmachers Buch „Das MethusalemKomplott“ wurde der demografische Wandel ein Thema für die breite Öffentlichkeit. Wurden zunächst vor allem Schreckensbilder beschworen („Vergreisung“), so entwickelte sich in Laufe der Zeit ein entspannterer Umgang mit der Thematik, wohl nicht zuletzt, weil mit den „Golden Agers“ eine neue Zielgruppe für Dienstleistungen und Produkte erkannt wurde.

DR. HARALD CLAUSEN

Juristischer Vorstand der Diakonie Hessen

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Für den Arbeitsmarkt bedeutet dies zunächst einen Rückgang von potenziellen neuen Mitarbeitenden, was bereits jetzt in einzelnen Branchen zu einer Umkehr von einem Anbieterzu einem Nachfragemarkt aus Sicht der Unternehmen führt. Was bedeutet die Zunahme von älteren Mitarbeitenden für die Arbeitswelt?

Arbeitswissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das kalendarische Alter eines

Menschen nur einer von einer Vielzahl von Faktoren ist, welche die Arbeitsfähigkeit beeinflussen. Daraus folgt, dass es kein einheitliches Konzept für gesundes Altern am Arbeitsplatz geben kann, sondern dass die Ansätze sich immer auf konkrete Menschen an konkreten Arbeitsplätzen beziehen müssen. Im Folgenden werden zwei Ansätze skizziert, die von einer grundsätzlich positiven, kompetenzorientierten Sichtweise auf ältere Mitarbeitende ausgehen und die beide mit einem umfassenden Blick auf arbeitende Menschen schauen.

Diakonie Hessen

Der finnische Wissenschaftler Juhani Ilmarinen hat das Bild vom „Haus der Arbeitsfähigkeit“ geprägt. Jedes Stockwerk dieses Hauses enthält beeinflussende Faktoren: Gesundheit, Kompetenzen, Werte, Arbeitsumgebung, Familie und Freunde und gesellschaftliche Faktoren beeinflussen demnach die Arbeitsfähigkeit. Um die Arbeitsfähigkeit eines Menschen zu erhalten, sollten alle Faktoren in den Blick genommen werden: die individuellen Ressourcen genauso wie das konkrete Arbeitsumfeld. Ilmarinen hat dazu passend ein Fragebogeninstrument entwickelt, mit dem der Arbeitsbewältigungsindex erhoben werden kann. Die dabei gewonnenen Informationen können dann genutzt werden, um Maßnahmen zu planen, welche die Arbeitsfähigkeit erhalten oder gezielt verbessern.1 Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat mit seiner wissenschaftlichen Arbeit deutlich gemacht, dass Gesundheit nicht einfach vorhanden ist, sondern dass ihre Entstehung aktiv unterstützt werden kann. In seinem Konzept der Salutogenese werden drei Prinzipien benannt, die dazu führen, dass Gesundheit, auch am Arbeitsplatz, vorherrschen kann: die Arbeit und ihre konkreten Inhalte müssen von den Mitarbeitenden als sinnvoll, handhabbar und verstehbar empfunden werden. In einem von der Diakonie Württemberg durchgeführten Projekt wurden diese Prinzipien als Ausgangspunkt für die Gesundheitsförderung in diakonischen Einrichtungen genommen.2 Im Rahmen des Projektes wurden auf den jeweiligen Betrieb zugeschnittene Maßnahmen entwickelt, die Unternehmensleitung, Vorgesetzte, Arbeitsteams und individuelle Mitarbeitende darin unterstützten, die Arbeit nach den genannten Prinzipien zu gestalten. Etwa: Die Unternehmensleitungen setzten sich damit auseinander, wie sie dazu beitragen können, dass Strategie und Positionierung der jeweiligen Einrichtung allen Mitarbeitenden bekannt und nachvollziehbar sind („Verstehbarkeit“ und damit Förderung auch des Verständnisses der „Sinnhaftigkeit“ des eigenen Beitrags). Führungskräfte überlegten, wie sie ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen können, dass die Arbeit handhabbar und zu bewältigen ist („Handhabbarkeit“).

Ein Vorteil der beiden hier nur kurz umrissenen Konzepte ist, dass deren Anwendung nicht nur Ältere unterstützt, sondern Mitarbeitende jeden Alters davon profitieren können. Dies ist insbesondere im Hinblick darauf wichtig, dass in den Betrieben und Einrichtungen zunehmend verschieden geprägte Generationen miteinander arbeiten: von den Anfang der fünfziger Jahre geborenen Kindern der Wirtschaftswunderzeit bis zu den „Digital Natives“, die jetzt als Auszubildende und junge Berufstätige ihre Arbeit aufnehmen. Jede dieser Generationen ist mit anderen prägenden Werten aufgewachsen. Deshalb ist es wichtig, dass ein gemeinsames Verständnis von Arbeit und Gesundheit entwickelt werden kann. Es erscheinen daher insbesondere solche Ansätze weiterführend, die Gesundheitsvorsorge in einem umfassenden Sinn verstehen und den Erhalt der körperlichen und geistigen Gesundheit auch in einem Zusammenhang mit einer positiven Haltung der Mitarbeitenden zu ihrer Arbeit und dem Betrieb sehen. Dies bedeutet auch, dass Arbeit alternsgerecht gestaltet werden sollte: junge Menschen zu Beginn ihrer Karriere haben andere Anforderungen als Mitarbeitende, die gerade dabei sind, eine Familie zu gründen oder die sich damit befassen, wie sie die letzten fünf Jahre bis zum Erreichen der Altersgrenze arbeiten wollen. Damit wir als Diakonie auch zukünftig gute Arbeit für die Menschen leisten können, die unsere diakonischen Dienste in Anspruch nehmen, greifen wir als Landesverband das Thema Gesundheitsvorsorge in dem dargestellten umfassenden Sinn auf und bieten für die Personalverantwortlichen in der Diakonie Hessen im März 2015 einen entsprechenden Fachtag an. Wir müssen heute die Weichen stellen, um auch morgen genügend und gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für unsere Arbeit zu gewinnen.

1

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2013): Why WAI? Der Work Ability Index im Einsatz für Arbeitsfähigkeit und Prävention. Dortmund – baua.

2

Knapp, K. (2013): Gesundes Arbeiten in der Sozialwirtschaft gestalten. Stuttgart – Kohlhammer

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WIR WERDEN JEDEN TAG NEU

Stiftung Diakonie Hessen stellt erfolgreich ihr neues Medienprojekt zum Thema Humor trotz(t) Demenz vor — 130 Besucher bei der Premiere am Mittwoch, 2. April, im Hessischen Landtag

ASTRID LUDWIG

freie Journalistin für die Stiftung Diakonie Hessen

Annemarie Hartwig ist begeistert. Sie arbeitet als Kultur- und Musikpädagogin in Wiesbaden viel mit alten Menschen und auch Alzheimer-Patienten. „Solche Veranstaltungen sind ganz wichtig“, findet sie. „Sie nehmen die Angst vor Demenz und zeigen den Menschen mal von einer ganz anderen Seite.“ Annemarie Hartwig steht an einem der Tische in der Lobby des Hessischen Landtags. Gerade hat die Stiftung Diakonie Hessen im Saal nebenan ihr neues Medienprojekt „Humor trotz(t) Demenz“ vorgestellt. Rund 130 Besucher sind gekommen. Die Hochheimerin bespricht ihre Eindrücke der eineinhalbstündigen Lesung mit einem Paar, das sich zufällig nach der Veranstaltung zu ihr gesellt hat. Nobert und Gusti Bauer stammen aus Wiesbaden. Eine Diskussion entspinnt sich. „Sehr informativ. Der Abend nimmt einem die Scheu. Man weiß ja nicht immer so recht, wie man sich Demenzkranken gegenüber verhalten soll“, sagt Nobert Bauer. Er und seine Frau gehen jedes zweite Wochenende zu einem Tanznachmittag mit alten und dementen Menschen. Einen neuen Blickwinkel aufzeigen, Mut machen, Interessierte und Betroffene zusammen-

bringen, Diskussionen anstoßen — all das will das neue Medienprojekt „Wir werden jeden Tag neu. Humor trotz(t) Demenz“ der Stiftung Diakonie Hessen, das am Mittwochabend, 2. April, im Hessischen Landtag Premiere hatte. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, sagt Bernhard Meyer. Der Griesheimer Professor, der drei Jahrzehnte am Fachbereich Soziale Arbeit/Sozialpädagogik der Evangelischen Hochschule Darmstadt gelehrt hat und sich seit 2005 für die Stiftung engagiert, ist der Initiator des Projektes. Über ein Jahr lang hat er Literatur, Dokumentationen, Erfahrungsberichte und Filme zum Thema Demenz gesichtet. Entstanden ist daraus eine literarisch-mediale Reise, eine Collage aus szenischen Lesungen, Filmausschnitten und Musik. Eine Materialsammlung, bestehend aus DVD, Textbuch und Broschüren, die Beratungsstellen, Kirchengemeinden oder Initiativen bestellen können, um eigene Veranstaltungen zu bestreiten, deren Erlös wiederum in Projekte der Stiftung für Demenzkranke fließen soll. Auch die Autoren und Filmverleihe engagieren sich: Die Stiftung muss für die Verwendung keine Tantiemen zahlen.

Diakonie Hessen

An diesem Abend im Hessischen Landtag sind es prominente Mitstreiter, die dem neuen Medienprojekt der Stiftung ihre Stimme leihen: Susanne Conrad, Moderatorin des ZDF-Mittagsmagazins, Andrea Herdt, Unternehmerin und Mediatorin, sowie Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, und Arno Goßmann, Bürgermeister der Stadt Wiesbaden, lesen eindrucksvoll in verteilten Rollen. Sie erwecken Szenen etwa aus dem Buch „Der König im Exil“ von Arno Geiger zum Leben, in denen der Autor und Sohn ganz neue Talente an seinem dementen Vater entdeckt. Seine neue „Privatlogik“ nennt er das. Beispielsweise, wenn der Vater sein Haus nicht mehr erkennt und daraufhin behauptet, jemand habe einfach seine alte, richtige Hausnummer ans falsche, fremde Haus geschraubt. Oder wenn der Vater mit einem Apfel auf den Rücksitz des Autos gelockt werden muss, in das er partout nicht mehr einsteigen will. Anrührend auch die Filmausschnitte, darunter aus „Small World“, in dem Gerard Depardieu den an Alzheimer erkrankten Konrad spielt, der sich in der Stadt nicht mehr zurechtfindet und deshalb einen Stadtplan mitnimmt, um sich notfalls als Tourist ausgeben zu können. Von blauen und grauen Tagen berichtet das Buch „Oma Lenas langer Abschied“. Großmutter Lena fordert ihre Enkelin auf, für sie Tagebuch zu führen über die guten, blauen Tage und die schlechten, grauen. Dabei entdecken beide, dass es dunkelblaue Tage gibt, hellblaue, saphir- oder auch sommerblaue. Die Vielfalt und Differenziertheit darzustellen, Leben, Humor und Leid, nicht nur die Eindimensionalität der Krankheit, darum geht es in dem Medienprojekt der Stiftung Diakonie Hessen.

Bei Rudolf Herfurth, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Diakonie Hessen, hat der Abend einen „tiefen Eindruck hinterlassen“. Sein Stellvertreter, Dr. Eberhard Schwarz, berichtet, dass es im Vorfeld Debatten darüber gab, ob das Thema Humor der richtige Ansatz ist. Doch jetzt sind sie überzeugt: „Das Konzept ist gelungen.“ Dieser Ansicht sind auch die Landtagsabgeordneten Michael Siebel (SPD) und Janine Wissler (Die Linke). „Die Idee ist toll. Das Projekt hilft Angehörigen. Ich habe viele Situationen wiedererkannt“, sagt Siebel, der sich um seine demente Tante gekümmert hat. Janine Wissler findet die Veranstaltung „sehr bewegend, warm und vielschichtig“. Auf diese Weise könnten Betroffene aus ihrer Vereinzelung geholt werden. Ihr ist es wichtig, anschließend auch mit anderen Besuchern darüber sprechen zu können. 

Weitere Informationen über das Projekt unter www.humor-trotzt-demenz.de Zum Medienpaket gehören Broschüren, Werbeplakate, Postkarten sowie zehn Textbücher und eine DVD für die Gestaltung des Abends. Mit dem Material können eigene Veranstaltungen organisiert werden, deren Erlös den Demenzprojekten der Stiftung zugutekommen sollen. Kontakt, Infos und Bestellung: Stiftung Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt, Carolin Ohlig [email protected] oder www.sinn-stiften.de

Norbert Kartmann (CDU), Präsident des

Hessischen Landtags, lobt die Initiative als „großartige Idee“. „Über das Thema Humor erschließt sich eine neue Kommunikationsebene“, sagt er. Kartmann selbst engagiert sich im Beirat der Stiftung. Er hofft, dass Projekte, wie diese, Hemmschwellen gegenüber Demenzkranken abbauen „und wir auf diesem Weg Betroffenen helfen“. Dr. Gern, Frau Conrad, Frau Herdt, Herr Goßmann, Prof. Meyer, Herr Kartmann (v. l.)

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Stiftung Diakonie Hessen Die Stiftung Diakonie Hessen wurde im Oktober 2005 vom Diakonischen Werk in Hessen und Nassau gegründet, 2013 auf den gesamten Einzugsbereich der Diakonie Hessen erweitert, die nun ein Gebiet von Hofgeismar bis Bensheim und von Alzey bis Fulda umfasst. Das Stiftungskapital wurde 2013 um 1,5 Millionen auf insgesamt 6,6 Millionen Euro erhöht. In den Jahren seit der Gründung unterstützte die Stiftung rund 150 Projekte und schüttete eine Fördersumme von 1,4 Millionen Euro aus. Die Schwerpunkte der Stiftungsarbeit liegen auf der Kinder- und Familienhilfe sowie der Unterstützung Demenzkranker. So kommt etwa der Stiftungsfonds DiaDem demenzkranken Menschen und ihren Familien zugute. Neben konkreten Hilfen will die Stiftung auch kreative Impulse geben für eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz Im September 2009 wurde im Hessischen Landtag bereits die Wanderausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ gezeigt, die auf Tour durch ganz Deutschland ist und unterdessen über 100.000 Besucher gesehen haben.

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„GEMEINSAME VERANTWORTUNG FÜR EINE GERECHTE GESELLSCHAFT“ DAS NEUE SOZIALWORT DER KIRCHEN

PFARRER DR. ALEXANDER DIETZ

Stabsstelle Diakonische Kultur und Referent für Armutspolitik

Der demografische Wandel, die Globalisierung sowie weitere aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen waren für den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz Anlass genug, sich im vergangenen Februar nach 17 Jahren wieder in einem gemeinsamen Sozialwort zu äußern. Und in der Tat war ein solches Wort angesichts der drängenden sozialen Probleme in Deutschland überfällig. Angesichts von Sozialabbau, Vorurteilen und zunehmender gesellschaftlicher Spaltung erwarten viele von den Kirchen ein klares Zeichen. Die Freude über die Entscheidung der Kirchen, eine Diskussion über die „gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ anzustoßen und dies gemeinsam zu tun, wich jedoch nach dem Erscheinen des Textes schnell der Enttäuschung. Ganz anders als das wegweisende Sozialwort von 1997 wirkt der neue Text leidenschaftslos und indifferent. Viele Aussagen sind zwar richtig (Forderung nach Solidarität, Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft usw.), aber sie könnten in ihrer Allgemeinheit in jedem beliebigen Parteiprogramm stehen und fallen im Blick sowohl auf ihre Differenziertheit als auch auf ihre Pointiertheit deutlich hinter das alte Wort zurück. An mehreren Stellen folgt das Papier offensichtlich zu unkritisch dem politischen Mainstream. So ist es fragwürdig, wenn die Kirchen Hartz IV und den Niedriglohnsektor verteidigen und Bildungspolitik als einzige Antwort auf die wachsende Armut hinstellen. Dies wird den Erfahrungen, die wir als Diakonie täglich mit den betroffenen Menschen machen, nicht gerecht. Bedauerlicherweise waren keine Diakoniker an

der Entstehung des Textes beteiligt und das Wort „Diakonie“ kommt auch kein einziges Mal vor. Ein Kapitel des Sozialworts widmet sich der Frage, wie „die mit dem demografischen Wandel einhergehenden sozialen Belastungen gerecht verteilt“ werden könnten. Eine wichtige Frage, insbesondere auch angesichts der (im Gegensatz zur Einschätzung des Textes) bereits jetzt hohen Altersarmut. Die wenig kreativen Antworten der Schrift lauten Senkung des Rentenniveaus, Erhöhung des Renteneintrittsalters und private Vorsorge. Wer bessere Antworten sucht, mag das Positionspapier der Diakonie Deutschland „Prävention und Bekämpfung von Altersarmut“ aus dem letzten Jahr zur Hand nehmen. Darin werden unterschiedliche Lebenslagen älterer Menschen differenziert wahrgenommen und unter anderem sozial-, familien- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen sowie eine Mindestrente gefordert. Die Diakonie Hessen war der erste Verband in Deutschland, der sich in einer differenzierten Stellungnahme zum neuen Sozialwort geäußert und problematische Aspekte offen angesprochen hat. Das sind wir unserem sozialanwaltschaftlichen Anspruch und vor allem den Menschen, mit denen und für die wir uns engagieren, schuldig. In diesem Sinne würden wir uns freuen, wenn das Sozialwort doch noch eine breite positive Wirkung erzielte, indem es möglichst viele Menschen zur kritischen Auseinandersetzung mit der drängenden Frage nach unserer „gemeinsamen Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“  anregt.

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KREISDIAKONIEAUSSCHUSS Seit diesem Jahr hat mich die Stadtsynode des Stadtkirchenkreises Kassel zum Vorsitzenden ihres Diakonieausschusses gewählt. Ich sehe dieser Aufgabe mit Interesse und Freude entgegen. Aus manchen Gründen, drei seien genannt: 1. PFARRER DIETRICH HERING

Vorsitzender des Kreisdiakonieausschusses Kassel

2.

Unser Ausschuss besteht aus 14 Personen aus verschiedenen Bereichen und Formen der Diakonie: Gemeinde, Kirchenkreis, privatrechtlich organisierte Diakonie. Die Ausschussmitglieder bringen ihre Erfahrungen, Überzeugungen und Interessen aus ihren Bereichen und auch aus ihren biografischen und beruflichen Horizonten ein und stimmen sie aufeinander ab. So entsteht ein vernetztes und integrierendes Arbeiten, das die Komplexität und Vielfalt diakonischer Thematik aufnimmt und zu einem gemeinsamen Ziel führt. In so einer Runde Gleichgesinnter mitzudenken und mitzuarbeiten macht Freude. Kirchenkreisdiakonie ist nahe am Leben der Menschen dran. Zunächst geht es uns um Barmherzigkeit: Für die Diakonie Beauftragte und Engagierte nehmen Leid und Not in der Nachbarschaft, in der Gemeinde, in Stadt und Landkreis mit den Augen und mit dem Herzen wahr. Das ist ein sehr wichtiges Amt. Nicht minder wichtig ist das Gestalten, Helfen und Handeln, also die Gerechtigkeit: Die wahrgenommene Realität ist nach fachlicher, theologischer und auch ökonomischer Reflexion – nachhaltig - zu verändern hin zu guten und gerechten Lebensbedingungen. Ich hoffe, wir können in diesem permanent ablaufenden diakonischen Prozess etwas zum Wohl der Menschen vor Ort und in Kassel bewegen. Zurzeit befassen wir und zum Beispiel intensiv mit der Flüchtlingssituation in Kassel und den Möglichkeiten, hier zu helfen und gesellschaftlich und politisch einzuwirken.

3.

Ich glaube, dieser Prozess der Diakonie wird vom Heiligen Geist bewegt. Der Geist Jesu Christi bewegt Kirche in die Welt und macht auf Menschen aufmerksam, die leiden, ratlos, arm und unerlöst sind. Diesen Weg nach „draußen“ muss Kirche mitgehen, dort muss Kirche sich profilieren und engagieren als Kirche für andere und mit anderen. Dort schenkt kirchlicher Dienst Freude und Zufriedenheit.

Diakonie als dieser „Außendienst“ der Kirche wird in unserer Volkskirche als wesentlich und wichtig wahrgenommen. So zeigt es jedenfalls die neue EKD-Umfrage zur Kirchenmitgliedschaft. Fatal aber ist, dass die hohe Bedeutung der Diakonie wenig mit verfasster Kirche in Verbindung gebracht wird. Hier sehe ich eine große Herausforderung, auch in unserer Arbeit in der Kirchenkreisdiakonie. Denn es ist meine Erfahrung und auch die Erfahrung vieler Menschen, die sich in Kirche und Gemeinde als Diakoniebeauftragte, ehren- und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Pfarrer engagieren, dass Diakonie innerhalb der Kirche oft wenig im Bewusstsein und in den Gremien auf der Tagesordnung steht. Wird Diakonie als „Wesens- und Lebensäußerung von Kirche“ (Grundordnung der EKD, Art. 15) in verfasster Kirche ernstgenommen und tatsächlich gelebt? Diese Frage bedarf einer Klärung und einer Debatte. Sie ist eine Haltungsfrage, aber auch eine strategische und organisatorische Frage. Für die Arbeit in den Diakonieausschüssen habe ich daher diesbezüglich einige konkrete Wünsche: Ich wünsche mir eine Reform der Vorgaben für die Erstellung des Rahmenplans Diakonie. Der Rahmenplan als Orientierung für die diakonische Arbeit im Kirchenkreis muss die Komplexität und Schnelllebigkeit diakonischer Arbeit aufnehmen können, schneller und flexibler zu handhaben sein und vor allem zielorientiert aufgestellt werden.

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Ich wünsche mir eine Zurüstung der Diakonieausschüsse und Diakonie-Beauftragten in den Gemeinden. Hilfreich als diakonische Wahrnehmungshilfe („Brille“) und als Diskussionsgrundlage in den Kirchenvorständen könnte hier ein „Qualitätsleitfaden Diakonie“ für die Kirchengemeinden sein. Ich wünsche mir mehr Initiative, in den Gemeinden Diakonieausschüsse zu bilden, die der Sache der Diakonie auf Gemeindebene mehr Gewicht und Handlungsfähigkeit verleihen können. Vielleicht kann die Einrichtung von Kooperationsräumen dazu in Zukunft beitragen. Ich wünsche mir mehr Knowhow privatrechtlich organisierter Diakonie für die Arbeit der

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Kirchenkreisdiakonie und mehr Initiative von beiden Seiten für eine Zusammenarbeit. Ich wünsche mir mehr Kommunikation über Diakonie in kirchlichen Gremien: In den Kirchenvorständen, in der Synode, auf Pfarrkonferenzen. Ich bin gespannt, wie die Arbeit im Diakonieausschuss in den nächsten sechs Jahren verlaufen wird. Die Kirche in Kassel hat aus meiner Sicht in den letzten Jahren eine stärkere diakonische Ausrichtung gewonnen – durch engagierte diakonische Persönlichkeiten, durch ein gut aufgestelltes Diakonisches Werk, auch durch neue Entwicklungen auf Gemeindeebene, z.B. durch die Ausweitung von Gemeinwesenarbeit. Das ist zukunftsweisend – in Richtung Reich Gottes. Daran wollen wir im Diakonieausschuss mit Freude weiterarbeiten. 

BEREICHERND FÜR ALLE: DIE ARBEIT IM DEKANATS-DIAKONIE-AUSSCHUSS Seit 2009 ist Heike Deuchert Kirchenvorstandsmitglied in der Kirchengemeide Altenschlirf, zu der die Orte Altenschlirf, Nösberts-Weidmoos und Steinfurt gehören. Als Grund dafür benennt sie: „Kirche, Gemeinschaft und das Wohlergehen aller Menschen ist und sind ein ganz wichtiger Punkt in meinem Leben“. Sie berichtet aus der Arbeit im Dekanats-Diakonie-Ausschuss: Im Sommer 2009 trat Pfarrvikar Herr Jürgen Pithan seinen Dienst in der Gemeinde an. Heute arbeitet er hier als Pfarrer gemeinsam mit seiner Ehefrau und Pastorin Frau Heidi Kuhfus-Pithan. Und das ist schön so, weil somit viel Neues, Gutes und Schönes in der Gemeinde wachsen, gedeihen, gestaltet , verändert und aufgebaut werden konnte. So begann im November 2009 meine Tätigkeit im Kirchenvorstand in Altenschlirf mit

den Worten: „Ich gelobe vor Gott und dieser Gemeinde, den mir anvertrauten Dienst sorgfältig und treu zu tun in der Bindung an Gottes Wort, gemäß dem Bekenntnis und den Ordnungen unserer Kirche und Gemeinde.“ Und diesen Dienst tue ich gerne, nehme ihn ernst und kann mich für Andere und in der Gemeinde einbringen. Da sind die Fragen im Kirchenvorstand zu beantworten, wie:  Schaffen wir eine neue Sprechanlage in der Kirche an, damit alle den/die Pfarrer/-in richtig hören können?  Muss für die Jugend- und Kinderarbeit noch mehr getan werden?  Bieten wir einen Früh-Konfi-Kurs an?  Wann steht eine Reparatur der Kirchenglocke oder -orgel an?

HEIKE DEUCHERT

Dekanats-Diakonie-Ausschuss Vogelsberg

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Das sind nur einige von vielen Beispielen, die in der Kirchengemeinde irgendwann einmal anfallen. Kirche, Gemeinde und Gemeinschaft funktionieren nicht von alleine. Da muss auch einiges geplant und organisiert werden. Wir als Kirchenvorstand finden uns zusammen, um zu überlegen und zu entscheiden, was für die Entwicklung und das Leben in unserer Gemeinde unter den jeweiligen Bedingungen am besten ist. Tätigkeit im Dekanats-DiakonieAusschuss (DDA) und Einsatz für Diakonie und Kirche

Innerhalb des Kirchenvorstandes sind die Mitglieder in die verschiedenen Ausschüsse zu berufen, bzw. zu wählen, wie: Jugendausschuss, Diakonieausschuss, Dekanats-Diakonie-Ausschuss (DDA), und andere mehr. Angesprochen fühlte ich mich, im DDA tätig zu sein, um mehr über die Arbeit, Tätigkeit und Angebote – die das Diakonische Werk Vogelsberg – unter der Leitung von Martina Heide-Ermel und ihren Mitarbeitenden zu erfahren und dies an bzw. in unsere Kirchengemeinde weiterzugeben, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Diakonische Werk Vogelsberg:  Anlaufstelle ist für alle Ratsuchenden  verschiedene Angebote qualifizierter Beratung und Unterstützung anbietet, wie:  Allgemeine Lebensberatung  Familienberatung, Ehe- und Paarberatung  Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung  Kurberatung des Müttergenesungswerks  Altenberatung  Männerberatung  Beratung bei Häuslicher Gewalt  Wohnungsnotfallhilfe mit Fachberatungsstelle, Tagesaufenthalt, Übernachtung und Betreutem Wohnen  Betreuungsverein Vogelsberg  Freiwilliges Engagement, Begleitung und Qualifizierung … um nur einiges zu nennen.

Viermal im Jahr treffen wir uns – die gewählten Mitglieder des Diakonieausschusses – zu Sitzungen mit der Leiterin Frau Martina HeideErmel. Die Sitzungen und Zusammenkünfte in den DDA-Sitzungen bieten somit ein gutes Netzwerk auf Dekanatsebene, um sich von der einen „Ecke“ des Vogelsbergkreises in die andere „Ecke“, z.B. auch mit dem Schlitzerland, auszutauschen, und bestimmte Berichte und Erfahrungen für die eigene Gemeinde zu überdenken und weiterzuentwickeln. Der Austausch in den DDA-Sitzungen ist für uns ALLE wichtig und bereichernd. Auch die Gespräche, welche wir im Anschluss an die Sitzungen noch auf den Fahrten zurück nach Hause – innerhalb unserer Fahrgemeinschaften – oder bei den Infofahrten führen, sind bereichernd für uns ALLE. Ohne dieses Ehrenamt in unserer Kirchengemeinde und die Teilnahme an den Veranstaltungen und Sitzungen des Dekanats-Diakonie-Ausschusses, würde mir etwas fehlen. Ich habe in dieser Zeit des Ehrenamtes viele verschiedene Menschen, Ratschläge, Anregungen und unterschiedliche Lebensgeschichten gehört und bin dankbar für diese Menschen und diese Gespräche – für Menschen – den Dienst am Nächsten – geführt zu haben und möchte mich gerne weiterhin in den Dienst – an den Schwachen – in unserer Gesellschaft einbringen, mich beteiligen und Gutes tun. In dieser heutigen sehr schnelllebigen und oft hektischen Zeit sollten wir uns alle wieder auf unsere wirklichen Werte besinnen und der „Ellenbogen-Gesellschaft“ den Rücken kehren. Da ist es gut, wenn wir wissen, wo es Anlaufstellen und Möglichkeiten zur Hilfe gibt, die wir alle in Anspruch nehmen können und dürfen. Vielleicht benötigen wir selbst diese Hilfe schon morgen, weil Trauer, Tod, Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes usw. uns aus der Bahn werfen können. 

Kirche und Diakonie

Wütend und verzweifelt sitzt Frau S. der Beraterin in der Kirchlichen allgemeinen Sozial- und Lebensberatung gegenüber. Frau S. konnte sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Der Vermieter ließ das Haus dämmen und neue Fenster einbauen. Er versprach geringere Nebenkosten. Die Sache hatte für Frau S. nur einen Haken: Die Miete wurde angehoben. Frau S. konnte sich die schöne, moderne und sparsame Wohnung nicht mehr leisten, weil sie durch einen Unfall hundert Prozent erwerbsgemindert ist und von der Grundsicherung lebt. Sie ist erst Ende fünfzig und lebt allein. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal ein Sozialfall würde“, beschreibt sie ihre Lage im Gespräch mit der Beraterin. Im Lauf des Gesprächs kommt die ganze Tragik zum Vorschein: Ihr Hausarzt musste ihr die traurige Nachricht mitteilen, dass ihre Schmerzen durch eine Krebserkrankung verursacht werden. Frau S. ist eine Kämpferin. „Da habe ich mir halt eine kleinere Wohnung gesucht. Luftveränderung tut auch mal gut!“ Ein weiteres Problem tauchte auf: Die Kaution für die neue Wohnung war höher als die bisherige, die sie von der zuvor bewohnten Wohnung zurückbekam. Da verließ sie fast ihr Mut. Sie stellte beim Sozialamt einen Antrag. … sicher nie für alle gedacht gewesen

Das Sozialamt übernahm die zusätzlichen Kosten der Kaution auf Darlehensbasis, möchte nun aber die Rückzahlung in Höhe von 50 Euro monatlich erwirken. „Das ist viel Geld. Ich muss doch jetzt einige Medikamente selbst bezahlen. Und bei der Ernährung habe ich auch höhere Kosten, weil ich spezielle Lebensmittel brauche.“ Sie bat das Sozialamt, die monatliche Rate für

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das Darlehen zu verringern. Ihre mündliche Anfrage wurde von der Mitarbeiterin des Sozialamts abgewiesen. Das ist ein Beispiel aus der Beratungspraxis. Altersarmut wird immer mehr Realität in den Beratungen. Fast ein Viertel der Menschen in den Beratungsstellen von Diakonie und Kirche sind über 55 Jahre. Oft sind die Renten so gering, dass Hilfen beantragt werden müssen, wie der Fall von Frau S. zeigt. Die Gründe sind vielfältig: Oft unterstützen ältere Menschen ihre erwachsenen Kinder oder auch Enkelkinder. Nicht selten haben sich Frauen bei der Familiengründung ihre erworbenen Rentenansprüche auszahlen lassen und das Geld in die Familie investiert. Jetzt fehlt es. Hier kann die Mütterrente etwas Linderung verschaffen. Wer allerdings bereits Grundsicherung bezieht, geht leer aus, weil die Mütterrente auf die Grundsicherung angerechnet wird. Absurd, aber wahr. Hinzu kommt die Scham älterer Menschen, auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein. Wie viele Menschen Ansprüche hätten, sich aber nicht wagen, diese geltend zu machen, ist schwer in Zahlen zu fassen. Jeder dritte Rentenberechtigte wird in 2030 nach Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes von Altersarmut bedroht sein. Im Gespräch mit Frau S. hat die Beraterin mittlerweile ein Schreiben an das Sozialamt aufgesetzt, in dem eine Reduzierung der Rückzahlungsrate auf fünf Prozent des Regelsatzes empfohlen wird. Frau S. erhält auch noch den Hinweis, mit ihrem Hausarzt zu sprechen, ob er einen Mehrbedarf für kostenaufwändige Ernährung unterstützen kann. Am Schluss wird ein  weiterer Gesprächstermin vereinbart.

PFARRER UWE SEIBEL

Bereich Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie Referent für KASL/ALB, Gemeinwesenarbeit, Teilhabeprojekte

Hintergrund In Kirche und Diakonie gibt es Beratungsstellen, die in Fragen des Sozialrechts weiterhelfen. In der Beratungspraxis geht es dabei häufig um Existenzsicherungsfragen, Kontakte zu Behörden, z. B. Jobcenter oder Versorgungsamt, um Bescheide, z. B. in Grundsicherung, SGB II, V oder XII, um Erkrankungen und die Folgen oder um nicht ausreichende medizinische Versorgung. Die Beratung ist kostenfrei und an keine Voraussetzungen geknüpft. Sie steht allen Menschen offen und wird ausschließlich aus Kirchensteuermitteln finanziert.

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HELLE RÄUME MITTEN IN DER LANDESHAUPTSTADT

Seit Juni 2012 gibt es eine Landesvertretung der evangelischen Kirchen und der Diakonischen Werke in Rheinland-Pfalz. An der Mainzer Großen Bleiche mitten im Regierungsviertel der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt stehen leistungsfähige Büro- und Sitzungsräume zur Verfügung. Ganz bewusst hatten sich die Kirchen und die Diakonie in Rheinland-Pfalz dafür entschieden, zusammen Räume anzumieten und damit ein Zeichen der Gemeinsamkeit zu setzen.

Kirche und Diakonie

„Seitdem wir hier im Büro in der Großen Bleiche sind, hat sich der Kontakt zwischen Kirche und Diakonie intensiviert – und natürlich auch zum Land. Mit dem Helmut-Simon-Raum haben wir nun auch eine herrliche Gelegenheit, Vertreter der Landesregierung in unseren Räumen zu empfangen und zu bewirten. Das schafft eine ganz andere Gesprächskultur", freut sich Landespfarrer Albrecht Bähr, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Diakonie in Rheinland Pfalz, über die neuen Räume. Die Landesvertretung hat die Aufgabe, die gemeinsamen Interessen der evangelischen Kirchen und der Diakonischen Werke in RheinlandPfalz zu koordinieren sowie gemeinsame politische Ziele abzustimmen und diese insbesondere gegenüber dem Land und in der Öffentlichkeit zu vertreten. Gemeinsam mit dem Beauftragten der Evangelischen Kirchen am Sitz der Landesregierung in Rheinland-Pfalz, Kirchenrat Dr. Thomas Posern, ist Landespfarrer Albrecht Bähr seitens der Diakonie für die Landesregierung Ansprechpartner bei Themen, die insbesondere die Sozialpolitik des Landes betreffen. Die Geschäftsführung der Arbeitsgemeinschaft der Diakonischen Werke in Rheinland-Pfalz stellt die gute und direkte Beziehung der Diakonischen Werke untereinander, zu den Kirchen, zur Landesregierung, den Ministerien, zum Landtag und den anderen öffentlichen Einrichtungen in Rheinland-Pfalz sicher. Außerdem fördert und koordiniert die Geschäftsführung die interne Kommunikation und Zusammenarbeit der diakonischen Träger und ihrer Mitarbeitenden und stimmt den Einsatz aller der Arbeitsgemeinschaft zugeordneten landesweiten sowie koordinierenden Referentinnen und Referenten ab.

Neben den Büros der Beauftragten steht im Dachgeschoss ein repräsentativer und heller Raum für Besprechungen und Seminare zur Verfügung. Er wurde in Erinnerung an den ehemaligen Bundesverfassungsrichter und Kirchentagspräsidenten „Helmut-Simon-Raum“ genannt. Simon war auch Namensgeber des alle zwei Jahre in Rheinland-Pfalz verliehenen Helmut-Simon-Preises. Mit diesem Preis sollen Projekte geehrt und unterstützt werden, die sich für die Überwindung von Armut und Ausgrenzung im Land einsetzen. 

Stichwort: Helmut Simon (1922 – 2013) Der 1922 geborene Helmut Simon begann im Mai 1953 seine richterliche Tätigkeit am Landgericht in Düsseldorf. Von dort wurde er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Bundesgerichtshof abgeordnet. Anschließend erfolgte die Ernennung zum Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf. Im Jahr 1965 wurde Helmut Simon zum Richter am Bundesgerichtshof gewählt. Im Juni 1970 erfolgte seine Wahl zum Richter des Bundesverfassungsgerichts im Ersten Senat. Diesem gehörte er – nach Wiederwahl im September 1975 – bis zum Eintritt in den Ruhestand im November 1987 an. Neben seiner richterlichen Tätigkeit war Helmut Simon in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich und kirchlich engagiert. Von 1970 bis 1995 war er Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Als Präsident stand er dem Kirchentag von 1975 bis 1977 und von 1987 bis 1989 vor. Außerdem war er unter anderem mehrere Jahre lang Deutscher Delegierter für das Antirassismus-Programm des ökumenischen Rates der Kirchen mit Sitz in Genf.

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PFARRER GREGOR ZIORKEWICZ

Bereich Kommunikaton Referent für Externe Kommunikation und Veranstaltungen

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PSYCHISCH KRANKE ÄLTERE MENSCHEN IN DER EINGLIEDERUNGSHILFE Eine Gesellschaft, in der Menschen immer älter werden, konfrontiert auch in unterschiedlichster Weise mit den Begleiterscheinungen des Alters. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus speziell für die Arbeit mit älteren Menschen mit einer psychischen Behinderung? Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, psychisch zu erkranken. Wobei das Alter an sich nicht der entscheidende Faktor ist. Das Ausscheiden aus dem Beruf, zunehmende kognitive und körperliche Einschränkungen, der Tod des Partners oder fehlende Lebensperspektiven und damit einhergehende Verringerung von sozialen Kontakten können zu psychosozialen Schwierigkeiten führen, die das Auftreten psychischer Erkrankungen im Alter begünstigen. Ein Altersbild, das dieses aber als unvermeidbare Begleiterscheinung des Alterns beschreibt, führt dazu, dass vorhandene therapeutische oder sozialpsychiatrische Möglichkeiten nicht oder nur wenig genutzt werden. So ist zu beobachten, dass die Symptombehandlung auch von psychischen Erkrankungen bei Älteren überwiegend medikamentös von Hausärzten und Fachärzten für innere Medizin vorgenommen wird, während Psychotherapie im höheren Alter nur von sehr wenigen in Anspruch genommen wird.

Während in der psychotherapeutischen Versorgung die Zahl älterer Menschen mit zunehmendem Alter immer mehr abnimmt, steigt sie in den sozialpsychiatrischen Einrichtungen an. Personenzentrierung, Hilfeplanung und die Möglichkeit zur Gestaltung individueller Hilfearrangements leisten einen wichtigen Beitrag, damit auch ältere Menschen (länger) in ihrem gewohnten Lebensumfeld verbleiben und am Leben in der Gemeinschaft teilhaben können. Die Diakonie Hessen bietet dazu mit ihren ambulanten und teilstationären Einrichtungen und Beratungsstellen sowie den Betreuungsvereinen ein weitreichendes Hilfeangebot. Mitarbeitende des betreuten Wohnens bieten Unterstützung in der und im Umfeld der eigenen Wohnung. In den Tagesstätten gibt es Angebote zur Überwindung von Fertigkeitsdefiziten, zur Gestaltung einer Tagesstruktur, Freizeitangebote und soziale Kontakte, die dabei unterstützen, die Selbstständigkeit zu bewahren. Die zunehmende Zahl älterer Menschen in den Einrichtungen hat nicht nur Auswirkungen auf die baulichen Voraussetzungen, wie z.B. die Bereitstellung von Räumen, in denen Pflegeleis-

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Bereich Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie und Suchtfragen (BeSoS) Referent für Sozialpsychiatrie

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tungen ermöglicht werden. Dazu kommen weitere konzeptionelle Überlegungen und die Frage nach den erforderlichen personellen Ressourcen. Nicht zuletzt berührt diese Entwicklung auch die fachlich-ethische Kompetenz der Mitarbeitenden. Da gilt es zum einen, die strukturellen Voraussetzungen eines individuellen und personenzentrierten Hilfearrangements zu schaffen. Das erfordert Kooperation und die Einbeziehung von pflegerischen, therapeutischen und auch ehrenamtlichen Hilfen sowie die Ansprache verschiedener zuständiger Leistungsträger – Verfahrensweisen, die vielfach noch neu und in der Umsetzung mit Schwierigkeiten behaftet sind. Zum anderen sind die Mitarbeitenden gefordert, ihre Vorstellung vom Alter und Älterwerden kritisch zu reflektieren. Es sind fachliche und ethische Haltungen der Mitarbeitenden, die mit bestimmend sein können, ob ältere Klientinnen und Klienten zu einem möglichst selbstständigen und eigenverantwortlichen Leben angehalten und dabei unterstützt werden, oder ob die noch vorhandenen eigene Fähigkeiten ungenutzt bleiben und damit Passivität und Abhängigkeit gefördert werden. Dazu bedarf es spezifischer Kenntnisse und ein Verständnis für das komplexe Gefüge von altersbedingten Abbauprozessen, den Bedin-

gungen psychischer Erkrankungen und der Beeinflussungsmöglichkeiten im Rahmen der jeweiligen Einrichtung oder Unterstützungsform. Wie das dann in gelebte Praxis umzusetzen ist, wird auch noch von weiteren Faktoren beeinflusst. So wird vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention aktuell diskutiert, wie geeignete Unterstützungsmöglichkeiten aussehen sollten. Hinterfragt wird, ob es sinnvoll ist, eigene Einrichtungen aufzubauen, in denen speziell auf die besonderen Belange der Älteren eingegangen werden kann, oder ob diese als „Sondermilieus“, abzulehnen sind, weil sie separierend wirken und damit Inklusion verhindern. Bei der Gestaltung des Lebensbereichs Wohnen ist auch die Frage zu stellen, wie Sozialräume geplant und gestaltet werden können, damit Teilhabe auch für ältere Menschen mit und ohne Behinderung möglich ist. Konkrete Lösungen für diese und weitere Fragen zu finden, ist eine drängende Aufgabe. Dazu bedarf es der Beteiligung der Betroffenen, sowie der Fortbildung der Mitarbeitenden, mit dem Ziel, die Würde und die Lebensqualität der Menschen mit Behinderungen in dieser Lebensphase zu verwirklichen oder zu erhalten. 

VON DER WERKSTATT FÜR MENSCHEN MIT BEHINDERUNG IN DIE ALTERSRENTE SILKE DAMMANN-BETHGE

Bereich Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie und Suchtfragen (BeSoS) Referentin für Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen

In Hessen nutzen ca. 18.000 Menschen das Angebot zur Teilhabe am Arbeitsleben in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. 15 (von 51) Hauptwerkstätten mit zahlreichen weiteren Betriebsstätten befinden sich in diakonischer Trägerschaft. Zwischen 12 und 20 Prozent der Werkstattnutzer sind älter als 55 Jahre. Deshalb rückt die Thematik des Älterwerdens mit einer Behinderung auch für Werkstätten stärker in den Fokus. Hinzu kommt, dass sich die Lebenserwar-

tung der nach 1945 geborenen Menschen mit Behinderung erfreulicherweise der mittleren Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung angleicht (Deutsches Ärzteblatt 2/2014). Das führt in Bezug auf das Arbeitsleben dazu, dass auch Menschen mit Behinderung, die in Werkstätten tätig sind, sich mit altersbedingten Abbauprozessen der physischen, alltagspraktischen und kognitiven Kompetenzen sowie dem Übergang vom Berufsleben in den Rentenstand befassen

Arbeitsgebiete

müssen. Für viele Werkstattbeschäftigte ist die Werkstatt im Wesentlichen der Ort, an dem soziale Kontakte geknüpft und aufrechterhalten werden. Die Arbeit gibt eine Tagesstruktur vor und über das Arbeitsergebnis und den Lohn wird Anerkennung und Selbstwert vermittelt. Sport-, Kreativ-, Bildungs- und Präventionsangebote im Rahmen der arbeitsbegleitenden Maßnahmen geben Impulse zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Werkstatt gibt somit Anstöße für die Gestaltung vieler Lebensbereiche. Mit unterschiedlichen Maßnahmen wird in diakonischen Werkstätten auf die Herausforderungen, die eine Beendigung des Arbeitslebens nach sich zieht, reagiert. In Förderplangesprächen wird regelhaft über die individuelle körperliche und psychische Belastbarkeit usw. reflektiert. Im Dialog mit dem Werkstattbeschäftigten werden dann Veränderungen der Arbeitsorganisation, Arbeitsplatzgestaltung und Assistenzleistung besprochen. In Einzelfällen werden Beschäftigte mit niedrigem Leistungsniveau und höherem Unterstützungsbedarf in Gruppen zusammengefasst. Der Übergang in eine Teilzeitbeschäftigung kann auch aufgrund klarer Vereinbarungen mit dem Kostenträger gut umgesetzt werden. Eine Reduzierung der Arbeitszeit auf bis zu 17,5 Stunden pro Woche ist möglich. Die Verteilung der Arbeitszeit über die Woche, die Organisation von benötigten Fahrdiensten und die Passung von individuellen Arrangements mit dem „üblichen“ Gruppengeschehen erfordern einen besonderen Organisationsaufwand.

Alle Werkstätten thematisieren allgemein und individuell die Bedingungen des Älterwerdens und den Ausstieg aus dem Arbeitsleben. Vereinzelt wurde das Thema in QM-Prozesse aufgenommen. Wenn Wohnangebote des Trägers parallel genutzt werden, gibt es Absprachen zur Tagesgestaltung für die Zeit nach der Werkstatt. Überlegungen, die von Angehörigen und gesetzlichen Betreuern ausgehen, werden unterstützt. Mit der Schaffung einer Stabsstelle „Biografiearbeit“ eröffnet beispielsweise die NiederRamstädter Diakonie auch Werkstattbeschäftigten die Möglichkeit, über die Vergegenwärtigung der eigenen Geschichte bis zur aktuellen Lebenssituation, sich über Ziele und Perspektiven für die Zukunft klarer zu werden. In Einzelfällen konnte der Verbleib in der Werkstatt über das 65. Lebensjahr hinaus (mit einem anderen Finanzierungsansatz) mit dem Kostenträger verhandelt werden. Die Frage, ob ein Mensch mit Behinderung länger beruflich tätig sein sollte als andere Menschen, wird dabei kontrovers diskutiert. Zurzeit wird in den diakonischen Werkstätten mehrheitlich im Einzelfall auf die Bedürfnisse älterwerdender Werkstattbeschäftigter reagiert. Vereinzelt gibt es aber auch schon Entwürfe und Überlegungen für Konzepte, die die Thematik aufgreifen und Maßnahmen und Prozesse defi nieren.

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DIE DIAKONISCHEN BERATUNGSSTELLEN DER

MÜTTERGENESUNG AUF DEM HINTERGRUND GESELLSCHAFTLICHER ENTWICKLUNGEN WICHTIGER DENN JE FÜR DEN ERHALT DER FRAUEN- UND FAMILIENGESUNDHEIT

HEIDRUN KLINGER-MESKE

Bereich Familie, Frauen, Jugend, Kinder Referentin für Frauen- und Familiengesundheit

Familienformen sind heute vielfältiger als noch vor zwanzig Jahren. Wir verzeichnen eine Zunahme von Trennungen, Alleinerziehenden und „Patchworkfamilien“. Auch das Familienleben hat sich verändert und ist mit wachsenden Herausforderungen verbunden.

Heute sind 78 Prozent der Frauen mit minderjährigen Kindern erwerbstätig.2 Die Zunahme der Müttererwerbstätigkeit geht vor allem auf eine Zunahme von Teilzeitarbeit und geringfügiger bzw. prekärer Beschäftigung zurück (70 Prozent der „Minijobber“ sind Frauen).

Zu diesen zählen Veränderungen in der Erwerbsarbeit mit der Zunahme von ungesicherten, befristeten und nicht existenzsichernden Arbeitsverhältnissen sowie hohe Flexibilitätserwartung an die Arbeitnehmer/-innen. Diese Entwicklungen führen zu wachsenden sozialen Ungleichheiten und belasten Familien in ihrer Alltagsbewältigung.1

Trotz des veränderten Rollenbildes sind nach wie vor drei Viertel der in Partnerschaft lebenden Mütter allein zuständig für die Haus- und Familienarbeit, auch wenn sie Vollzeit arbeiten. Die vielfältigen Beanspruchungen von Eltern, im Besonderen von Frauen durch Aufgaben in Familie, Erziehung, Beruf und Haushalt führen

Arbeitsgebiete

zu Erschöpfungszuständen und auf Dauer zu gesundheitlichen Störungen. In Anerkennung dieser vielfältigen Belastungen hat der Gesetzgeber für Mütter und Väter einen eigenen Zugang zu stationären Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen nach §§24 und 41 SGB V geschaffen. Mit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG), das am 30.10.2012 in Kraft trat, können nun auch pflegende Angehörige ihre stationäre Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme in Kliniken des Müttergenesungswerkes durchführen. Die differenzierten Leistungen der diakonischen Beratungsstellen

Die Beratungsstellen der Frauen- und Familiengesundheit/Müttergenesung in Trägerschaft der regionalen Diakonischen Werke und Kirchenkreise sind häufig eine erste Anlaufstelle im Sinne einer Clearing- und Kontaktstelle für gesundheitsgefährdete Eltern in psychosozialen Belastungssituationen. In der Beratung erfolgt die Klärung, ob eine stationäre Maßnahme angezeigt ist, ggf. die Weitervermittlung an geeignete andere Unterstützungssysteme (bspw. Schuldnerberatung, Erziehungs- und Familienberatung), die Hilfe bei der Antragstellung, die Vorbereitung auf die Kurmaßnahme und die gemeinsame Auswahl einer für die spezifischen Bedarfe der Mutter/des Vaters passenden Klinik.

Beratungsstellen der Diakonie Hessen in Trägerschaft der regionalen Diakonischen Werke und Kirchenkreise Mit ca. 10 Personalstellenanteilen an 35 Beratungsstellenstandorten im Bereich der Diakonie Hessen wurden 



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Mitgliedseinrichtung der Diakonie Hessen ist die Klinik Werraland – Zentrum für Familiengesundheit – in Bad Sooden Allendorf, die stationäre Mutter-Kind, aber auch Vater-Kind Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen nach §§ 24 und 41 SGB V durchführt.

Die Beratungstätigkeit geht weit über eine reine Kurberatung hinaus. Sie dient vielen Frauen zur Klärung und Definition vorhandener Probleme und ist Wegweiser durch die Vielfalt von spezialisierten Fachdiensten. Sie trägt zur Stabilisierung und Gesundheitsförderung von Eltern bei. Die Beratungsstelle hat somit eine zentrale Funktion im Gesamtspektrum sozialer Hilfen und Dienstleistungen der Diakonie. Im Abschlussbericht der sog. „ifeS“ Studie wird festgestellt, dass viele Eltern im Zusammenhang mit einer Kurmaßnahme durch die Beratung im Vorfeld oder die stationäre Maßnahme erstmals in Kontakt mit psychologischen und beratenden Angeboten kommen.3

Die Beratungstätigkeit unter dem Dach des Müttergenesungswerkes/MGW ist eine Säule im deutschlandweit einzigartigen Konzept der „Therapeutischen Kette“.

Die „Therapeutische Kette“ besteht aus drei Säulen: der niedrigschwelligen Beratung, der stationären Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme nach §§24,41 SGB V und den Angeboten der Kurnachsorge über Gespräche in der Beratungsstelle oder Gruppenangebote mit dem Ziel, den Kurerfolg langfristig zu sichern, tragende Netzwerke aufzubauen und unterstützende Dienste vor Ort bei Bedarf nutzen zu können.

im Jahr 2013 3.769 Frauen und 83 Männer mit diesem Angebot erreicht. In 1.878 Fällen wurde ein Antrag auf eine stationäre Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme gestellt. In den anderen Fällen erfolgte ggf. eine Vermittlung in weitere Fachdienste.

Beratungsstelle Beratung



Klinik stationärer Aufenthalt



Beratungsstelle Nachsorge

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Die drei Säulen der „Therapeutischen Kette“ sind untrennbar miteinander verbunden. Sie sichern die Effektivität und Nachhaltigkeit der stationären Maßnahme. Gesellschaftliche Veränderungen mit ihren vielfältigen Anforderungen in der Lebens- und Arbeitswelt haben ihre Auswirkungen auf die gesamte Familie

Stark psychisch belastete Personen und Personen mit Bildungs- und Sprachbarrieren verfügen häufig nicht über die erforderliche Energie und das notwendige Durchsetzungsvermögen, um ihre Ansprüche im Rahmen des Antragsverfahrens geltend zu machen. Für sie ist die Unterstützung durch die Beratungsstellen unerlässlich. 65 Prozent geben an, dass sie die Antragsstellung nicht allein bewältigt hätten. Erhalt der Beratungsstellen sichern

Der Anteil von Müttern, die mit Erschöpfungssyndromen bis hin zum Burnout in MGW Klinken waren, hat sich von 2003 bis 2013 um mehr als 37 Prozent erhöht (insgesamt 86 Prozent). Am häufigsten waren Mütter in 2013 durch ständigen Zeitdruck und beruflich belastet (74 Prozent). 4

Berater/-innen und auch Kliniken für stationäre Mutter-Kind und Vater-Kind Vorsorge und Rehabilitationsmaßnahmen nach §§ 24,41 SGB V berichten, dass zunehmend Eltern mit komplexen psychosozialen Problemlagen zu ihrem Klientel zählen.

„Die Schwere der seelischen Erkrankungen und der Notsituationen, aus denen die Patienten zu uns kommen, nimmt stetig zu … Viele der Patientinnen und Patienten werden mit Einweisungsdiagnosen, wie „Burnout-Symptomatik“ oder „psychovegetativer Erschöpfungszustand bei Mehrfachbelastung (Kindererziehung-Haushalt-Beruf) mit Überforderung“ in unsere Klinik eingewiesen … Leider sind die häuslichen Notsituationen manchmal so akut, dass wir auch mit Jugendämtern und Frauenhäusern zusammenarbeiten müssen, um den Familien einen ersten Schritt nach den Maßnahmen zu bahnen“. Auszüge aus dem Bericht der Leitenden Ärztin Dr. med. Sonja Diestelhorst, Klinik Werraland – Zentrum für Familiengesundheit, Bad Sooden-Allendorf, im Juni 2014

Diakonie und Kirche sind gefordert, die Vielfalt der Belastungsdimensionen, denen Eltern ausgesetzt sind, wahrzunehmen, aufzugreifen und unterstützende Angebote bereitzuhalten. Dem gestiegenen Bedarf an Information und Unterstützung stehen oft aber nur geringe Ressourcen in der Beratungsarbeit gegenüber. Die fehlende Refinanzierung, geringe Anerkennung dieser Beratungstätigkeit und zurückgegangene Zuweisungen durch die Landeskirche/n sind Ursachen für erfolgte Stellenreduzierungen in diesem Bereich. Die wichtige stabilisierende und gesundheitsfördernde Funktion, die diese Arbeit gerade im Kontext aktueller Herausforderungen und Belastungen von Familien übernimmt, muss stärker Berücksichtigung finden. Da dieses „Kurberatungsangebot“ positiv besetzt ist, werden Mütter und Väter erreicht, die von sich aus nicht familienunterstützende Beratungsdienste in Anspruch genommen hätten. Diese Beratungsarbeit fungiert durch ihre Clearingstellenfunktion als „Türöffner“ und trägt zum positiven Image von Diakonie und Kirche bei. Mit diesen Angeboten erfolgt eine Investition in die Zukunft, denn die Familie ist die wichtigste Ressource für die kindliche Entwicklung. 

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FACHKRÄFTE IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN GESTIEGENEN ANFORDERUNGEN UND REDUZIERTEN ZUWENDUNGEN AM BEISPIEL JUGENDMIGRATIONSDIENSTE

Die Intention, dieses Thema für meinen Beitrag zu wählen, entstand im Rahmen zweier Klausuren, die ich mit den Fachkräften der JMD zu „Profil“ und „Marketingstrategie“ führte. Obwohl dabei die Frage „Wie stellen wir uns am marktwirksamsten auf?“ im Vordergrund stand, schwang bei allem Analysieren auch immer die Suche nach einer Antwort mit auf die Herausforderung „Wie bekomme ich das, was im Arbeitsalltag von mir abverlangt wird, so bewältigt, dass ich auch noch für das Leben neben der Arbeit und perspektivisch im Alter Kraft, Lust und Energie habe? Wo setze ich Grenzen? Wie praktiziere ich Selbst(für)sorge?“ – Hier unsere, beziehungsweise meine, Gedanken dazu.

INGE MÜLLER

Bereich Familie, Frauen, Jugend, Kinder Referentin für Jugend und Migration

1.

Die verbreitete (verständliche) resignative Grundsicht

Deutschland ist auch laut Pisa 2012 nach wie vor ein Land, in dem Bildungschancen eng mit der sozialen Herkunft der jungen Menschen verknüpft sind. Die Statistik zeigt, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund häufig schlechtere Abschlüsse aufweisen als ihre Klassenkameraden und die Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bestätigt in ihrem Bericht 2013, dass Diskriminierung aufgrund der Herkunft zum Alltag in deutschen Schulen gehört. Diese Benachteiligung setzt sich im Ausbildungssystem und im beruflichen Werdegang fort. Ist dieser „Misserfolg“ also die konsequente Folge individueller Merkmale und Defizite wie Deutschkenntnisse, Kultur und Sozialisation? Oder liegt er eher an strukturellen und institutionellen Diskriminierungen, an einem Bildungssystem, das Integration und Chancengleichheit erschwert oder verhindert? – Wie gegen diese Strukturen angehen? Ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen? Die aktuellen migrationspolitischen Entwicklungen mit der deutlich erhöhten und andauernden Binnen-Zuwanderung aus EU-Ländern und der täglich steigenden Zahl an Flüchtlingen, die bei uns ankommen und Fuß fassen wollen, ist eine weitere Herausforderung, vor der die Fachkräfte der JMD stehen. Steigende

Klienten-Zahlen, Verdichtung von Hilfebedarfen, und komplexere Beratungsanlässe tragen dazu bei, dass die Grenzen des „Schaffbaren“ erreicht sind. Immer mehr Aufgaben bei sinkenden Zuschüssen müssen erledigt werden. Enger werdende Handlungsspielräume, drohende Qualitätseinschränkungen der zu leistenden Arbeit belasten zusätzlich. Ist denn das Balance Dreieck – Mitmenschlichkeit, Fachlichkeit, Wirtschaftlichkeit – nicht bereits aus dem Lot geraten? Denn Fakt ist, dass der Bereich Wirtschaftlichkeit, der zunehmend im Vordergrund steht, die anderen beiden Bereiche dominiert. 2.

Alternativen zu einer resignativen Grundsicht: Das „Dennoch“ der Diakonie am Beispiel der JMD

Das Dennoch der Diakonie findet Ausdruck in ihrem Auftrag mit seiner anwaltschaftlichen Unterstützung und dem Hinwirken auf politische und gesellschaftliche Veränderungen. In ihrem Auftrag und Selbstverständnis, die keine Unterscheidungen zwischen erwünschten und unerwünschten Menschen oder zwischen aussichtslosen und erfolgversprechenden Klientinnen und Klienten treffen. Und in einer Grundhaltung, in der die Achtung gegenüber allen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Nationalität und Geschlecht im Mittelpunkt stehen. Eine

• Steigerung der Personalkosten in 10 Jahren um 22,7 Prozent bei gleichbleibenden Zuschüssen und steigendem Eigenanteil; (drohende) Schließung von Beratungsstellen und/oder Abbau von Fachkräften • Gesunkene Sachkostenpauschalen • Aufgabe oder erhebliche Reduktion niederschwelliger Gruppenangebote, einschließlich bildungsbezogener Maßnahmen, die die zugewanderten jungen Menschen ziel- und bedarfsgerecht ansprechen, erreichen und fördern (ergänzende individuelle Sprachförderung, Aus-Bildungs- und Berufscoaching …) Die Konsequenz daraus: Fachkräfte empfinden sich zunehmend als mit „dem Rücken an der Wand“, haben Zukunftsängste, sind persönlich und beruflich verunsichert. Regionen sind unversorgt, es entstehen (wieder) sogenannte „weiße Flecken“ …

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konkrete Ausgestaltung dieses diakonischen Auftrags sind die zwölf Jugendmigrationsdienste mit ihren 20 Fachkräften in 13,375 Vollzeit-Stellen. Vor einem Jahr waren es noch 14,125 VollzeitStellen. Auch hier hat die Ökonomisierung scheinbar nur leichte Spuren hinterlassen. Finanziert wird diese jugend- und migrationsspezifische Arbeit aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und Eigenmitteln des Trägers. 2.1 Erfolge und ihre Beteiligten

Die statistische Auswertung der JMD zeigt, dass die Fall-Zahlen der insgesamt durch persönliche Beratung begleiteten jungen Menschen von 2011 mit 1.548, in 2012 mit 1.878 und in 2013 mit 2.025 jungen Menschen ständig gestiegen sind. Das ergibt einen Zuwachs von rund 23,5 Prozent in drei Jahren. Und das bei gleichgebliebenem beziehungsweise reduziertem Stellenanteil. Aus Mitteln des Bundes finanzierte Gruppenangebote sind seit 2013 bereits in fast allen Bundesländern aufgrund des Sparzwangs weggefallen. In der Diakonie Hessen war es immerhin noch möglich, 34 Maßnahmen mit insgesamt 675 Teilnehmenden durchzuführen. Das ist seit 2011 zwar ein kontinuierlicher Rückgang von jeweils neun Angeboten pro Jahr und diese Tendenz hat sich leider auch in 2014 fortgesetzt. Aber: „Das Glas ist halbvoll!“ – Wir konnten zumindest einen Grundstock der niederschwelligen Aktivitäten beibehalten und diese über Gruppenangebote, die aus Kollekten-Mitteln der EKHN refinanziert werden, kompensieren und ergänzen. Darüber konnten zusätzlich 948 Jugendliche erreicht und in ihren sprachlichen Kompetenzen, bei schulischen Problemen, Bewerbungsverfahren und in der Berufsfindung unterstützt werden. Kulturelle und sportliche Aktivitäten trugen dazu bei, dass diese zugewanderten jungen Menschen gemeinsam mit einheimischen Jugendlichen ihre Freizeit verbringen konnten und ihnen darüber ihre Integration in Deutschland erleichtert wurde. – Wir wissen es sehr zu schätzen und sind dankbar, dass uns die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau eine Gottesdienstkollekte anteilig für diese wichtige Arbeit zur Verfügung stellt. Standardisierte Instrumente für das Hand-

lungskonzept Case Management und Kreativität in ihrem Einsatz, ein gemeinsam erarbeitetes JMD-Profil, regelmäßige Fortbildungen und Arbeitskreise sowie hin und wieder noch einige Supervisionsstunden gewährleisten auch weiterhin die hohe fachliche Qualität und Professionalität der Fachkräfte. – Wie sieht es aber mit der Selbst(für)sorge vor allem in den aktuell turbulenten Veränderungsprozessen aus? 2.2 „Erfolgsrezepte“ für die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit

Auch wenn die Forderung der WHO-Charta von Ottawa aus 1986, dass Arbeit und Arbeitsbedingungen so organisiert sein sollen, dass sie eine Quelle der Gesundheit und nicht der Krankheit sind, noch Utopie ist, gibt es dennoch einige Gelingensbedingungen für ihre Beförderung. • Belastung oder Überlastung offen ansprechen, keine „Kultur des Klagens“ etablieren • Dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen zu sein, nicht (allein) als ein persönliches Problem bewerten, sondern die Strukturen und externen Hindernisse mit in den Blick nehmen • Genaue Kenntnis der benötigten Ressourcen, um diese zu bekommen und einzufordern • Nein-Sagen, bevor Überforderung eintritt • Unterstützung suchen und einfordern • Fürsorge für psychische und physische Gesundheit nicht allein an den Arbeitgeber delegieren • Keine überbordende Erwartungshaltung an Arbeitgeber stellen, sondern Erkenntnis, selbst für sich sorgen zu können und Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu haben • Ausgewogenheit von Strukturierung und Flexibilität • Kollegialität, in der ein offener, unterstützender Austausch und Umgang miteinander gepflegt wird • Selbstsorge auch dann als einen Wert leben, wenn er gegebenenfalls in Konkurrenz zu Anerkennung und Karriere steht • Trennung von Erwerbsarbeit und privatem Leben • Hinwirken auf ein Gleichgewicht zwischen der Person am Arbeitsplatz und der, die darüber hinaus geht • „Kraft-Quellen“ identifizieren • Der Glauben und die Gewissheit, dass die ausgeübte Arbeit sinnvoll ist und für viele Menschen eine wichtige Funktion hat.



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Zwei Porträts zum BFD 27plus:

EIN JAHR FREIWILLIG

Gerhard Roth:

Schon bei seiner ersten Hospitation im August fühlte sich Gerhard Roth wohl. „Ich wurde offen aufgenommen, auch die Beschäftigten sind relativ schnell auf mich zugekommen.“ Wie klappt es mit der Kommunikation? „Ich habe mich langsam eingearbeitet, vor allem höre und spüre ich mich ein, um auch die zu verstehen, die nicht verbal kommunizieren.“

BRIGITTE STÜRZEL

Bereich Freiwilligendienste

„Ich höre mich ein“

Der Chemietechniker aus Lorsch ist einer von drei Bundesfreiwilligen 27plus in der NRD (NiederRamstädter Diakonie) „Wenn ich anderen erzähle, was ich mache, dann sage ich: Ich bin ein alter Zivi. Da kann sich jeder in etwa vorstellen, was ich hier in der NRD tue“. Gerhard Roth, 56 Jahre, hat am 1. Oktober 2013 seinen Bundesfreiwilligendienst (BFD) in Teilzeit (50 Prozent) in der NRD in der Mühltalwerkstatt 1 in „Lappland“ begonnen – Insidername für die Arbeitsgruppe, die Putzlappen, Handtücher, Schürzen sowie weitere Textilien für die Tagesstätten, Wohngruppen und weitere Einrichtungen der NRD wäscht, aber auch Textilien aus Altkleidersammlungen in passende Flächen zerteilt, bevor sie dann als Putzmaterial vor allem an die Autoindustrie verkauft werden. Zum anderen führt die Gruppe auch Montage- und Verpackungsarbeiten für die Medizin-Industrie aus. Herr Roth packt dort an, wo es gerade nötig ist, vor allem kann er sich auch intensiver um die Beschäftigten kümmern, die gerade „nicht so gut drauf sind“ und Ansprache, ein verständnisvolles Ohr oder Motivation brauchen.

2007 bekam Gerhard Roth, der bei Roche Diagnostics in Mannheim tätig war, gesundheitliche Probleme. Das Herz meldete sich. Er hat sich aber letztlich 2011 entschlossen, sein Leben neu auszurichten. Dies war für ihn der Beginn des Freiwilligendienstes. Stimmen aus Sicht der Einsatzstelle: Herr H. Heinz, Anleiter von Gerhard Roth und Leiter der Mühltalwerkstatt 1:

„Die Mühltal-Werkstätten haben mit den Freiwilligen im BFD 27plus sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie bringen ihre Berufsund Lebenserfahrung mit und haben mehr Ruhe und Gelassenheit, die unseren Leuten hier gut tut.“ Und Frau A. Meffert, Gesamtleitung aller Werkstätten ergänzt:

„Mit dem mitgebrachten Erfahrungswissen sind die älteren Freiwilligen interessante Ansprechpartner/-innen für die Beschäftigten und schaffen es schnell, sich in Arbeitsund Betreuungsabläufe einzufinden. Darüber hinaus bringen sie auch neue Ideen und Impulse durch ihre beruflichen und Lebenshintergründe mit ein.“

Pädagogische Mitarbeiterin

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Arbeitsgebiete

Yvonne Reuter:

Infos zum BFD 27plus: Die Diakonie Hessen ist Träger der Freiwilligendienste FSJ und BFD. Im Unterschied zum FSJ steht der Bundesfreiwilligendienst (BFD) allen Menschen in jedem Lebensalter offen. In der Regel dauert der BFD ein Jahr, er kann aber auf sechs Monate verkürzt oder auf 18 Monate verlängert werden. Er stellt eine ideale Möglichkeit dar, sich auch jenseits von 27 Jahren in biografischen Umbruchsituationen beruflich und persönlich neu zu orientieren, sich nebenberuflich oder im Rentenalter sozial zu betätigen. Der BFD 27plus versteht sich nicht als Beschäftigungsmaßnahme, sondern als Bildungsangebot: Begleitung, Qualifizierung und Austausch finden in Form von monatlichen Studientagen in Gruppen von 10 – 15 Freiwilligen statt. Neben einem Taschengeld, Verpflegungsgeld und Fahrtkostenzuschuss werden alle versicherungspflichtigen Sozialleistungen gezahlt. Die Freiwilligen werden über die Diakonie Hessen vermittelt oder sie melden sich direkt bei den Einsatzstellen. Im Raum Frankfurt sind zur Zeit rund 15 Freiwillige 27plus im Dienst, im Raum Kassel rund 25 Freiwillige. Anfragen zum BFD 27plus beantworten in Frankfurt Brigitte Stürzel, Bereich Freiwilligendienste der Diakonie Hessen ([email protected], Tel. 069 7947-6385) und in Kassel Jörg Schäfer, ZFFZ der Ev. Kirche in Kurhessen-Waldeck ([email protected] ekkw.de, Tel. 0561 10991-58).

„ Nach zwei Jahren Kind und Kegel wieder gebraucht werden “ „Marketing- und Kommunikationsprojekte für einen Finanzdienstleister realisieren – dies war über viele Jahre meine berufliche Passion. Als ich dann Mama von einem heute 2-jährigen Sohn wurde, wollte ich nach meiner Elternzeit nicht wieder voll in den Beruf einsteigen und stattdessen mehr Zeit für die Familie haben. Trotzdem war aber auch der Wunsch da, beruflich einen wertvollen Beitrag zu leisten. Meine Berufserfahrungen und die als junge Mutter bringe ich heute im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes 27plus im Ev. Kinder- und Familienhaus in Langenhain ein.“ Dort unterstützt Frau Reuter, 40 Jahre, die Leitungen im Bereich Netzwerk/ Kooperationen und baut das Angebot für Kinder und Familien weiter aus. Unter anderem realisiert sie zum Beispiel die Ferienspiele im Herbst in Kooperation mit dem ortsansässigen Vereinsring. Ein weiteres Anliegen ist der Aufbau eines Opa/Oma-Betreuungsangebotes, der jungen zugezogenen Familien die Möglichkeit einer Auszeit und Entlastung bieten soll, gleichzeitig aber auch die Generationen in Langenhain zusammenführt. „Da ich mich schon immer sozial engagieren wollte – dies aber mit einem Vollzeitjob nur schwierig zu realisieren war –, schlage ich mit meinem Freiwilligendienst nun gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Ich habe einen sanften Einstieg zurück in die Berufswelt gefunden, einen Einblick in ein soziales Arbeitsfeld bekommen und meinen Wunsch nach sozialem Engagement verwirklicht. Toll, dass sich mir durch den BFD 27plus so eine Chance geboten hat.“

Stimme aus der Sicht der Einsatzstelle: Christine Kieser, Anleiterin von Frau Reuter und Gesamtleiterin des Ev. Kinderund Familienhauses, ergänzt:

„Gerade jemand aus dem nicht-pädagogischen Bereich hat eine andere, oft erfrischende Sichtweise auf Abläufe und Strukturen. Das Gespür von Frau Reuter für die Bedürfnisse junger Mütter und Familien ist für uns besonders wertvoll. Wer sich als Freiwillige/r im Ev. Kinder- und Familienhaus engagiert, bekommt seitens der Einrichtung ebenfalls Unterstützung: Wir ermöglichen flexible, unkomplizierte und kinderfreundliche Arbeitszeiten. Wenn Familie, Beruf und Engagement unter einen Hut zu bringen sind, dann kommen wir dem entgegen. Wenn es notwendig sein sollte, kann man auch einmal das Kind zum Dienst mitbringen. Außerdem begleiten wir die Entscheidungsprozesse der Menschen, die bei uns einen Freiwilligendienst ableisten, und stehen gerne mit Rat und Tat zur Seite.“ 

Arbeitsgebiete

ALT, ARM, WOHNUNGSLOS: WOHNUNGSLOSENHILFE DER DIAKONIE HESSEN Die Anzahl von Menschen in Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot nimmt bundesweit wieder zu. Etwa 285.000 Menschen sind genötigt, ohne gesicherten Wohnraum ihren Lebensalltag zu bewältigen. Die demografische Entwicklung macht auch vor Menschen in Wohnungslosigkeit nicht halt. Die aktuelle Stichtagserhebung der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen (2013) weist für Hessen einen Anteil der über 56-jährigen Wohnungslosen von knapp 22 Prozent aus – mit steigender Tendenz. Werden die Personen ab 51 Jahren hinzugerechnet sind es mit 34 Prozent bereits ein gutes Drittel: ein erschreckender Befund. Doch niemand wird als Wohnungsloser geboren. Die Gefahr, wohnungslos zu werden, ist nicht auf alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen verteilt. Berufstätige mit hohem Arbeitsplatzrisiko und niedrigem Einkommen sind besonders gefährdet. Durch zusätzliche prekäre oder krisenhafte Situationen, wie Krankheit, Behinderung, Partnerverlust, Unfall, Erwerbsminderung oder Erwerbsunfähigkeit, verstärkt sich die Gefahr, wohnungslos zu werden. Dabei ist die Wohnung alles. Sie ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie ist Lebensmittelpunkt und sichert ein Mindestmaß an Privatheit und Schutz. Sie ist der Ort der individuellen Entfaltung und Erholung. Das Leben auf der Straße fordert seinen Tribut. Krankmachende Lebensumstände, keine Priorität für den eigenen Körper, kaum oder keine

Kontakte zum medizinischen Regelsystem sowie Suchterkrankungen führen zu sich überlagernden Krankheiten und früher Sterblichkeit. Wer arm ist, altert und stirbt früher, sogar viel früher. Zwischen dem reichsten und dem ärmsten Viertel der Bevölkerung besteht in der Lebenserwartung ein Unterschied von elf Jahren bei den Männern und acht Jahren bei den Frauen. Wer zudem wohnungslos ist, altert und stirbt noch früher. Das Leben auf der Straße ist besonders ruinös.Ältere haben auf der Straße umfangreiche und individuelle Überlebensstrategien entwickelt, die ein erhebliches Maß an Eigenständigkeit und scheinbarer Unabhängigkeit aufweisen. Auf diese Weise gelingt ihnen auch, sich einen Teil ihrer Würde zu bewahren. Für Hilfeangebote sind sie oft schwer zugänglich. Die Diakonie Hessen hält ein differenziertes Hilfeangebot mit über 80 Diensten und Einrichtungen vor. Dazu gehören u.a. Ambulante Fachberatung, Tagesaufenthalt, Betreutes Wohnen, Streetwork, Stationäre Unterbringung, Übernachtungsheim sowie Wohnraumhilfe. Damit ist die Diakonie Hessen der größte Träger der Wohnungslosenhilfe in Hessen und weiteren Angeboten in Rheinland-Pfalz. Die Diakonie Hessen stellt sich aktuellen Herausforderungen. Beispiele sind zum einen das Projekt „Krank auf der Straße“: Wohnungslose werden medizinisch versorgt und sollen an das Gesundheitssystem herangeführt werden. Zum anderen weist der kontinuierliche Anstieg des Durchschnittsalters auf den Versorgungsbedarf und den höheren Pflegebedarf hin. In der stationären Hilfe sind mittelfristig verlässliche Kooperationsformen mit pflegerischen, psychiatrischen und medizinischen Diensten sowie der Aufbau kleinerer Einheiten für Intensivpflege notwendig. Ergänzend ist festzustellen, dass der Anteil von psychischen oder demenziellen Erkrankungen einschließlich Suchterkrankungen bei älteren Wohnungslosen sehr hoch ist. Eine Möglichkeit können kleine Wohneinheiten sein, in denen kontrolliertes Trinken erlaubt ist. Mit der bedarfsgerechten Weiterentwicklung nimmt die Wohnungslosenhilfe die demografische Entwicklung und die Lebenslagen der Menschen in ihrer Notlage gleichermaßen ernst und übersetzt  sie in konkretes Handeln.

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STEFAN GILLICH

Leiter des Bereichs Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie Referent für Wohnungslosenhilfe

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„ÄLTER

WERDEN“

BARBARA HEUERDING

Leiterin des Bereichs Gesundheit, Alter und Pflege

Durch vielfältige Angebote für alte und insbesondere hochaltrige Menschen zeichnet sich die Diakonie in Rheinland-Pfalz und Hessen aus. Diese finden in den regionalen Diakonischen Werken (rDWs), z.B. in der Seniorenberatung und Mehrgenerationenhäusern statt. Ambulante Pflegeeinrichtungen versorgen nicht nur Menschen in der häuslichen Umgebung, sondern bieten in Vernetzung mit den Kirchengemeinden Angebote, wie Tagesbetreuung oder Demenzcafés. Stationäre Einrichtungen öffnen sich immer mehr in den Sozialraum, beziehen freiwillig Engagierte Menschen mit ein. Ambulante Hospizdienste und stationäre Hospize versorgen Menschen am Lebensende umfassend. Krankenhäuser stellen sich den Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft auf vielfältige Weise. Die besonderen Unterstützungsanforderungen demenziell erkrankter Menschen bringen neue Impulse, z.B. Konzepte kleiner Gemeinschaften, in die Pflegeund Versorgungslandschaft und erfordern zusätzliche fachliche und ethische Standards. All diese besonderen Angebote, die – in der Sprache des Fußballs 2014 sprechend – weltmeisterliches Engagement und Herzblut der Mitarbeitenden in den Einrichtungen voraussetzen, stehen für diakonische Vielfalt.

Eine besondere Bedeutung in diesem Jahr erhalten die politischen Forderungen von Kirche und Diakonie am Aktionstag Altenhilfe, eine davon ist, die kommunale Verantwortung für alte Menschen voranzubringen. Die Daseinsfürsorge für alte Menschen und die finanzielle Unterstützung durch den Bund dafür sind dringend nötig. Denn wir als alternde Gesellschaft sind auf diesen Prozess noch nicht ausreichend vorbereitet. Nicht nur die Sozialarchitektur, sondern die gesamte Infrastruktur – sei es im Wohnungsbau, der gesundheitlichen, pflegerischen und niedrigschwelligen Betreuung, der Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmitteln – muss kommunal gedacht und gelenkt werden. Kommunale Verantwortung a. D.?

Der 7. Altenbericht der Bundesregierung, der Ende des Jahres veröffentlicht werden wird, hat den Titel „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften“. Sein Titel unterstreicht eine Rückbesinnung auf die Bedeutung und Konzeptuierung eher kleinräumig wirksamer Hilfeund Angebotsstrukturen jenseits der im stationären Sektor erkennbaren Investoreninteressen privater Anbieter. Die von diesen Investoren gelenkten Finanzströme lösten Marktmechanismen aus, die in vielen Regionen zu Konzentrationen und Überdimensionierung geführt haben und unter denen nicht wenige langjährig etablierte diakonische Träger leiden. Viele kommunalpolitisch Verantwortliche ließen sich von dem Gedanken verführen, dass der Bau eines neuen Pflegeheimes die Fragen der (Für-)Sorge im Alter umfassend lösen kann – ein Trugschluss. Dass es auch anders geht, zeigt eine rheinland-pfälzische Einrichtung der Diakonie mit einem differenzierten Angebot an ambulanten und stationären Unterstützungsleistungen, Wohnangeboten und weiteren sozialen Kontaktflächen in den lokalen Nahraum hinein. Das Fliednerstift im rheinland-pfälzischen Katzenelnbogen hat die Zeichen der Zeit erkannt. Ein weiteres Beispiel innovativer Quartiersarbeit inklusive einer neuen Demenz-WG bietet

Arbeitsgebiete

das Mehrgenerationenhaus des rDW DarmstadtDieburg in Weiterstadt mit der Kooperation zu einem privaten Investor im „WoQuaZ“ Weiterstadt. Auch das zwischen den Diakoniestationen Kassel, der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel und dem Verein piano e.V. geplante Projekt „Haus der Generationen“ im Quartier Forstfeld ist ein gutes Beispiel für Quartiersarbeit. In dem Stadtteiltreff entstehen soziale Räume der intergenerativen und inklusiven Begegnung mit vielfältigen Freizeitangeboten neben sechs barrierearmen Wohnungen für ein selbstbestimmtes Wohnen mit Versorgungssicherheit. Zusätzlich werden die vorgehaltenen Unterstützungsangebote durch den Einsatz eines „Quartiermanagers“ vernetzt und begleitet. Die Entwicklung vergleichbarer Konzepte wird mittlerweile von der Stiftung Deutsches Hilfswerk gefördert, dessen Förderbereich „soziale Maßnahmen“ im Einvernehmen mit dem Kuratorium Deutsche Altershilfe auf die Quartiersentwicklung konzentriert wurde. Die Diakonie Hessen ist – gemessen an ihrer Größe – bisher bei Anträgen unterrepräsentiert. Ein Grund dafür kann darin liegen, dass nicht genügend Raum und Zeit für Quartiersarbeit bleibt. Auch könnten die Kompetenzen für eine sozialräumliche Arbeit in der Altenhilfe noch nicht ausreichend entwickelt sein. Als Schlussfolgerung hat der Landesverband daraufhin in 2014 die vorhandenen Qualifizierungsangebote bewertet und das Konzept WQ4 des Diakonischen Werkes Rheinland-WestfalenLippe als ein gutes und vergleichsweise kostengünstiges Einstiegsangebot zunächst in Nordhessen (Mai) und später in Süd-/Mittelhessen (28. Oktober 2014) den Trägern, Diensten, Kirchengemeinden und anderen Interessierten als sog. Schnuppertag vorgestellt. Die Resonanz lässt zu, die komplette WQ4-Qualifizierung in 2015 anzubieten. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass diakonische Dienste und Träger sich durch den Kompetenzgewinn stärker als bisher an lokalen Strategiediskussionen zum Thema Leben und Wohnen im Alter beteiligen können bzw.

eigene Konzepte auf sozialräumlicher Basis entwickeln. Diakonie und Kirche müssen hier zusammenarbeiten und neue Lösungen sowie weitere Kooperationspartner finden. Dies ist nötig, um dem absehbaren Trend der Erosion familiärer Pflege, dem Fachkräftemangel und den Leistungsverschiebungen durch das Pflegestärkungsgesetz auf lokaler Ebene mit neuartigen Konzepten diakonischer Zusammenarbeit zu begegnen. Demenz als Innovationsmotor der Pflegelandschaft

In der diakonischen Angebotslandschaft für Menschen mit Demenz, zusätzlich zu speziellen stationären Hilfen, zeigt sich an vielen Stellen eine steigende Bereitschaft diese besondere Lebenslage durch – häufig von bürgerschaftlichem Engagement getragene – Hilfen zu verbessern. Hier besteht ein besonderer Bedarf an neuen Impulsen, an Unterstützung beim Erschließen von zusätzlichen Finanzquellen und fachlicher Begleitung:  Mehr als die Hälfte der ambulanten Dienste und einige rDWs und Kirchengemeinden bieten mittlerweile wohnortnah soziale Begegnung im Rahmen niedrigschwelliger Betreuungsangebote. 





Speziell geschulte PflegeberaterInnen der ambulanten Dienste entlasten pflegende Angehörige in ihrem Haushalt. Diakoniestationen und rDWs kooperieren mit Sportvereinen, um das MOMENT!- Konzept in die lokalen Regelangebote zu tragen. Mit der Bildungsakademie des Landessportbundes wird zweimal jährlich eine MOMENT!-Qualifizierung für interessierte Kräfte (z.B. §87b SGB XI) stationärer und ambulanter Einrichtungen sowie freiwillig Engagierter angeboten, um weitere Bewegungsangebote zu etablieren. Ein jährlicher Fachtag zum Weltalzheimertag erreicht mittlerweile mehr als 100 MOMENT!-Trainerinnen.

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Arbeitsgebiete













Die rDWs Darmstadt-Dieburg, Wiesbaden und Odenwald entwickeln Konzepte der unterstützten Selbsthilfe für frühbetroffene Demenzkranke, z.B. das Konzept „Sport und Talk“. Die rDWs Wiesbaden und Hofgeismar kooperieren mit Tanzschulen und organisieren sehr gut besuchte Tanzcafés. Das rDW Gießen hat ein Netzwerkprojekt in Stadt und Landkreis entwickelt, das die Folgen eines Krankenhausaufenthaltes für Menschen mit Demenz mindern will. Ein wichtiges neuartiges Produkt des Netzwerks ist u. a. der sogenannte Demenzpass, der den InhaberInnen – Menschen mit Demenz und deren Angehörige – sehr unterschiedliche auf das Krankheitsgeschehen bezogene Zusatz-Hilfen der Netzwerkpartner garantieren will. Das rDW Kassel bietet in Kooperation mit der Stadt Kassel und mit Fördermitteln aus dem Pflegeleistungsergänzungsgesetz niederschwellige Betreuungsleistungen für Menschen mit Demenz und ihren An- und Zugehörigen an. Eine angegliederte „Helferagentur“ vermittelt Angehörigen z.B. stundenweise Entlastung durch geschulte Ehrenamtliche. Spezielle Fortbildungsangebote unterstützen Angehörige bei der praktischen Pflege und dem täglichen Umgang mit Demenzkranken. Mit den Museumsverbänden Hessen und Rheinland-Pfalz wird im Landesverband aktuell ein Konzept entwickelt, das „normale“ Kulturerfahrungen Menschen mit Demenz zugänglich machen will. Stationäre Pflegeeinrichtungen wandeln sich zunehmend zu Wohnhäusern in Anlehnung an die KDA Kriterien der vierten und fünften Generation im Pflegeheimbau. Das Altenhilfezentrum Steinbach-Hallenberg öffnet sich als öffentlicher Raum für Veranstaltungen der Region. So finden z.B. Kulturabende, Tanzcafés, Ausstellungen und

Informationsveranstaltungen statt. Darüber hinaus hat die Einrichtung ihr Leistungsspektrum für Menschen mit Demenz dahingehend erweitert, dass nach einem hausinternen Umbau Lebensräume für demenzkranke Menschen in der letzten Lebensphase entstanden sind. Mit den neu geschaffenen Rahmenbedingungen erfolgt eine nach palliativen Grundsätzen individuelle Begleitung Betroffener und ihrer Angehörigen. 





Die Altenhilfe Wetter kooperiert bereits über mehrere Jahre hinweg mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf bei der Schaffung dezentraler Hausgemeinschaften für Menschen mit Demenz in der Region. Bei der Ausgestaltung der Lebensaktivitäten in den Hausgemeinschaften wird sich dabei am sog. „Normalitätsprinzip“ orientiert. Einige Einrichtungsträger, wie z. B. das Pflegezentrum Fürstenhagen in HessischLichtenau, das Waldecksche Diakonissenhaus in Bad Arolsen und das Diakoniezentrum Frielendorf bieten mittlerweile für Menschen mit Demenz homogene Wohngemeinschaften in der vollstationären Pflege und Betreuung an. Die inhaltliche Ausgestaltung orientiert sich bei allen Angeboten ebenfalls am „Normalitätsprinzip“ und schafft durch jeweils gezielte Einbeziehung des Wohnquartiers intergenerative Kommunikations- und Begegnungsmöglichkeiten, die dadurch auch zu einer Öffnung der stationären Altenhilfe in die Wohnquartiere beitragen. Alle diese Beispiele zeigen eine starke Tendenz zur Gemeinwesenorientierung und dem neuen Quartierbezug. Dies erfordert von diakonischen Anbietern die Bereitschaft, ungewöhnliche Kooperationen zu suchen, und die Erfahrung zeigt, dass entsprechende Lernerfahrungen für alle Beteiligten fruchtbar sind im Hinblick auf die Konsequenzen für die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen. 

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NEUE KAMPAGNE BIETET MIT MOMENTAUFNAHMEN ERZÄHLERISCHE EINBLICKE IN DEN ALLTAG DER DIAKONIE

Die Motive der neuen Wertelinie der Diakonie stehen allen Mitgliedern zur Verfügung – Bekanntheit und Image sollen bundesweit gestärkt werden

Starke Headlines und prägnante Bilder, die fast erzählerisch Einblicke in den Alltag diakonischer Arbeit geben, zeichnen die neue Kampagne der Diakonie aus. Ende November werden die fünf Motive der neuen „Wertelinie“ fertig sein und von allen Verbänden und Einrichtungen genutzt werden können. Im Zusammenspiel von Text (Headline) und Fotografie ermöglichen es die Motive, beim Betrachten die Rolle des Außenstehenden abzulegen und in der gezeigten Situation dabei zu sein. Es scheint, als stehe man den Akteuren der Fotos direkt gegenüber und könne einen Moment lang teilhaben an dem Geschehen. Im freundlichen Zimmer der älteren Dame im Pflegezentrum oder im bunten Umfeld der Kindertagesstätte, an der Arbeitsbank in der Werkstatt für behinderte Menschen oder im Kreißsaal des Krankenhauses. Die Headlines der Motive sind Sätze der Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter: „Mein Beruf

ist, die Würde des Menschen zu pflegen“, „Mein Beruf ist, Wundern auf die Welt zu helfen“ oder „Mein Beruf ist, das Großartige in den Kleinen zu sehen“. Fotos bilden Realität ab

Die Verantwortlichen der mit der Kampagne beauftragten Agentur fischerAppelt in Berlin haben beim Fotoshooting bewusst das Credo verfolgt: Die Fotos sollten realistisch sein. Die Protagonisten und Hauptdarsteller sind „Laienmodelle“ – sie arbeiten in einer diakonischen Einrichtung, werden dort betreut oder medizinisch versorgt. Im Fokus stehen die Mitarbeitenden, die sich mit den Bewohnern beziehungsweise Patienten und Klienten bereit erklärt haben für die neue „Wertelinie“ vor die Kamera zu treten. Der Fotograf Darius Ramazani lichtete tatsächliche Momentaufnahmen ab – keine der Situationen ist gestellt – und verzichtete auf zusätzliche und künstliche Lichtquellen wie Blitz und Reflektor.

P F A R R E R I N K AT H L E E N N I E P M A N N

Pressesprecherin und Leiterin des Bereichs Kommunikation

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Arbeitsfelder werden dargestellt – sozialanwaltschaftlicher Anspruch – gegen gängige Sozialklischees

Voraussetzung für die Aufnahmen war außerdem: Sie sollten die Arbeitsfelder der Diakonie auf der einen Seite klar und einfach erkennbar, korrekt und richtig darstellen. Auf der anderen Seite aber sollten die Aufnahmen gängigen „Sozialklischees“ widersprechen. Die Motive sollten zudem den sozialanwaltschaftlichen Anspruch der Diakonie spiegeln und doch zugleich einen holzschnittartigen Werbeblick ermöglichen, da sie stets auch in der Außenwerbung eingesetzt werden. Das Ergebnis sind exzellente Aufnahmen, die wie in einer Kurz-Reportage über die diakonische Arbeit erzählen und Nähe und Wärme, Beziehung und Miteinander wiedergeben. Die Motive der neuen Wertelinie der Diakonie finden Sie unter: www.kampagne-neuewertelinie.diakoniehessen.de Die Videos finden Sie unter: www.diakonie.de

Das fünfte Motiv muss allerdings noch fertig gestellt werden – der „Kältebus“, der für das Arbeitsfeld der Obdachlosenhilfe steht und die Headline hat: „Mein Beruf ist, den Menschen Wärme entgegenzubringen“. Auch diese Szene soll authentisch fotografiert werden. Geplant ist, die Aufnahme in den Wintermonaten in Berlin Mitte zu machen – mit Mitarbeitenden der Berliner Stadtmission und deren Klienten.

Die Vorgaben für die Kampagne sind wie bei den vorigen Kampagnen auch von einer Projektgruppe erarbeitet worden, der Vertreter von Landes- und Fachverbänden, von Einrichtungen und der Diakonie Deutschland angehörten. Auch diesmal gibt es für die bundesweite Außenwerbung unter anderem Großflächenplakate und Gebäudeposter, Anzeigenvorlagen für Zeitschriften oder Zeitungen und Videoclips für Infoscreens etwa an S- und U-Bahnsteigen in Großstädten. Vor allem aber stehen die Motive allen Mitgliedern der Diakonie kostenfrei zur Verfügung: etwa, um eigene Printpublikationen oder Internetseiten zu illustrieren oder eigenes Werbematerial zu gestalten. Engagement aus christlichem Glauben heraus ist Markenkern der Diakonie

Ziel ist, durch die gemeinsam genutzten Motive Bekanntheit und Image der Diakonie bundesweit zu stärken. Die Motive nehmen bewusst das Markenbild der Diakonie auf, das im Jahr 2011 erarbeitet worden ist: Das aus christlichem Glauben getragene Engagement der Mitarbeitenden – der Spirit der Diakonie – ist der Markenkern. 

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QUALITÄT UNTER NEUEN VORZEICHEN SICHERN BEREICH TAGESEINRICHTUNGEN FÜR KINDER

Spätestens seit dem Inkrafttreten des Hessischen Kinderförderungsgesetzes (HessKiföG) am 1. Januar 2014 sind alle Akteure im Bereich der Tageseinrichtungen für Kinder mit den Auswirkungen der gesetzlichen Veränderungen befasst. Die neue, subjektorientierte Systematik verlangt allen Verantwortlichen eine anspruchsvolle Übersetzungsleistung ab. Finanzielle Förderung, Personalbemessung und Rahmenkapazitäten einer Einrichtung richten sich nun nach der Anzahl der angemeldeten Kinder, dem Alter eines jeden Kindes und seiner individuellen Betreuungszeit. Die Berücksichtigung dieser Variablen soll den Trägern mehr Flexibilität und Gestaltungsräume gewähren. De facto bringen sie aber einen hohen Verwaltungsaufwand, Planungsunsicherheit und ein erhöhtes finanzielles Trägerrisiko mit sich. Ohne den Blick auf die Bedürfnisse von Kindern und Familien zu verlieren, müssen die Träger aktuell die bisherige Angebotsstruktur und den Personalbedarf prüfen und an die rechtlichen Vorgaben anpassen. Für eine qualifizierte elementare Bildung in christlicher Verantwortung wollen sie zudem die Qualitätsstandards unter den neuen Vorzeichen sicherstellen und gleicher-

maßen mit den kommunalen Partnern verhandeln. Die engen finanziellen Spielräume der Schutzschirmgemeinden und eigene Sparauflagen erschweren den Prozess. Der Gesetzgeber ist hier aufgerufen, Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder strukturell sicherzustellen. Bereits 2013 hat die Liga der Freien Wohlfahrtspflege mit der Kampagne „KiföG – so nicht!“ die Landesregierung darauf hingewiesen, dass die Bildungsqualität in Hessen nicht von der Finanzkraft einzelner Kommunen abhängen und damit großen Unterschieden unterliegen darf. Der politische Diskurs über notwendige Nachbesserungen im Gesetz wurde Mitte des Jahres im Rahmen des „Runden Tisches Kinderbetreuung“ mit Staatsminister Grüttner und Vertretern des Hessischen Sozialministeriums (HSMI) fortgeführt. Da die meisten Tageseinrichtungen eine Übergangsregelung nutzen, konnten belastbare Daten zu den finanziellen und personalwirtschaftlichen Auswirkungen des neuen Gesetzes zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgelegt werden. Ab September 2014 werden die gesetzlichen Änderungen und ihre Wirkung im Auftrag des HSMI evaluiert. In einem umfangreichen

REGINE HABER-SEYFARTH

Leiterin des Bereichs Kindertageseinrichtungen Geschäftsführerin Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder

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Arbeitsgebiete

Beteiligungsverfahren wird im Laufe von zwei Jahren eine große Zahl von Akteuren befragt. Ziele sind, die Auswirkungen des neuen Gesetzes flächendeckend zu erfassen, seine Effizienz und Akzeptanz zu bewerten und in der Schlussfolgerung den Handlungsbedarf zu beschreiben. Die Diakonie Hessen und die Evang. Kirchen in Hessen nutzen diesen Prozess gemeinsam mit den Einrichtungsvertretern für eine kritische Rückmeldung. Zu den kritisierten Punkten gehört nach wie vor die fehlende gesetzliche Verankerung des Inklusionsauftrags. Obwohl das HessKiföG alle Tatbestände der Landesförderung für Kindertageseinrichtungen in Hessen bündeln will, bildet sich der Inklusionsauftrag in der Fördersystematik bisher nicht ab. Die Integration/Inklusion behinderter Kinder wird deshalb weiterhin durch die „Rahmenvereinbarung Integration“ geregelt. Sie wurde parallel zum Gesetzgebungsverfahren/HessKiföG von Vertretern der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und der kommunalen Spitzenverbände neu verhandelt. Inzwischen ist die Neufassung von den Verhandlungspartnern unter-

zeichnet und zum 1. August 2014 in Kraft getreten. Damit ist die formale Grundlage für die Integration von Kindern mit Behinderung nun auch für die Kinder unter drei Jahren geschaffen. Im Ergebnis ist es gelungen, die bisher geltenden Standards zu sichern. Eine Verbesserung der Standards von 1999 und die Verankerung eines umfassenderen Inklusionsverständnisses waren in den schwierigen Gesprächen mit den kommunalen Spitzenverbänden allerdings nicht durchzusetzen; ein Scheitern der Verhandlungen konnte nur durch die in Aussicht gestellten, zusätzlichen Landesmittel in Höhe von 10 Mio. Euro verhindert werden. In einem weiteren Schritt ist noch abschließend zu klären, in welcher Form die vom Land zugesagten zusätzlichen Fördergelder zugeteilt werden und ob sie zukünftig in die Systematik des KiföG eingearbeitet werden. Nach dem „Runden Tisch Kinderbetreuung“ wurde der sachlich-konstruktive Charakter des Austauschs gewürdigt und eine Fortsetzung der Gespräche angekündigt. Wir werden die Anliegen der Träger, der Fachkräfte, der Eltern und der  Kinder weiterhin einbringen!

Arbeitsgebiete

STUDIERENDE MIT MIGRATIONSVORSPRUNG

Im Evangelischen Fröbelseminar bilden sich junge Menschen für unterschiedliche sozial- und heilpädagogische Berufe aus. Sie machen zum Teil auch innerhalb der SozialassistentInnenausbildung das Fachabitur und gehen als Studierende in die ErzieherInnenausbildung oder studieren im Verbundstudiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“. Ein großer und immer größer werdender Anteil von jungen Menschen kommt aus anderen Ländern, Kulturen und sie leben eine andere Religion; man sagt sie haben einen „Migrationshintergrund“. Migrationshintergrund ist ein Begriff aus der statistischen Erfassung von Menschen und dazu zählen: alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. In Bildungsprozessen ist es uns vom Evangelischen Fröbelseminar entsprechend unseres Leitbildes wichtig, dass wir einander wertschätzend wahrnehmen, uns fragend begegnen mit dem Ziel des gegenseitigen Verstehens. Die einzelne Person steht in den Bildungsprozessen im Vordergrund.

So habe ich mit drei jungen Frauen mit besagtem „Migrationshintergrund“ geredet, vor allem gefragt, um zu verstehen wo sie stehen und wo sie hin möchten. Als Vorbereitung hatte ich verschiedene Fragen formuliert, die wir im Gruppengespräch durchgegangen sind und einige Gedanken wurden im Nachhinein schriftlich fixiert. Frau Shanghala beispielsweise kommt aus Namibia und beendet im nächsten Monat die Sozialassistentenausbildung. Sie macht Abitur. Frau Malengila kommt aus der demokratischen Republik Kongo, ist im gleichen Bildungsgang und ist stolz eine Bantu zu sein. Die Eltern von Frau Taghzouti-Fadil kommen aus Marokko. Sie ist Studierende in der ErzieherInnenausbildung und durchläuft gleichzeitig den Bachelor Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“. In diesem Text geht es insbesondere um Fragen, welche Schätze tragen diese Menschen in sich, warum wird die Ausbildung gerade am Evangelischen Fröbelseminar gemacht und wie werden Religiosität und kulturelle Werte hier in der Ausbildung erlebt. „Was soll das mit dem Migrationshintergrund, wie werden wir klassifiziert? Es klingt irgendwie komisch, abgestempelt, zugeordnet. Es ist nicht erkennbar für uns, wo wir damit ‚abgelegt‘ werden. Ich empfinde einen ‚Migrationsvorsprung‘ ”, sagt Frau Taghouzi-Fadil, und die anderen Gesprächteilnehmerinnen stimmen zu. „Ich bin bilingual aufgewachsen und durch die beiden Kulturen, Marokko und Deutschland, geprägt. So bin ich eben und das ist für mich normal. Ich denke und fühle deutsch und marokkanisch.“ Frau Malengila fühlt sich auch nicht als Migrantin. „Vielleicht vor 17 Jahren war ich ein Mensch mit Migrationshintergrund. Heute bin ich eine junge selbstbewusste Frau mit afrikanischen Wurzeln. Ich bin hier zu Hause und Deutschland ist meine Heimat. Ich fühle mich wie eine Deutsche, trotz schwarzer Hautfarbe. Man darf hier in Deutschland nicht ‚Schwarzer‘ sagen, wegen Vorurteil und Diskriminierung, oder?“ fragt sie. „Darf ich denn ‚Weißer’ sagen?“

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ECKEHARD ZÜHLKE

Direktor des Evangelischen Fröbelseminars der Diakonie Hessen

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Arbeitsgebiete

„Ja, manchmal bin ich verunsichert, aber ich habe eine tolle Familie, die ich sehr liebe", meint Frau Shangala, „auf die ich stolz bin und dann ist bei uns mehr Bewegung im Leben. Die Menschen zeigen ihre Gefühle mehr und setzen sie in Gesang und Tanz um, das steckt in mir. In Deutschland ist das anders.“ Aber nicht nur bei der Bedeutung von Familie, Tanz und Bewegung gibt es Verschiedenheit, auch bei den „Werten in der Erziehung sind mir Unterschiede aufgefallen. Aber den Zusammenhalt von Menschen finde ich wichtig, hier ist jeder eher für sich, das einzelne Kind und seine Bildung steht im Vordergrund und weniger die Gemeinschaft.“ Bildung zur Gemeinsamkeit und für die Gemeinschaft hat eine hohe Bedeutung. „Ich trage heute eine kulturelle Sensibilität für Menschen in mir, die woanders herkommen. Ich weiß, was es bedeutet ‚fremd‘ zu sein und hoffe, dass ich meine ausgeprägte Empathie privat und beruflich nutzen kann.“ „Das ist mein Migrationsvorsprung.“ Die beruflichen und persönlichen Bildungswege und Ideen sind verschieden. Beispielsweise: „Zum Fröbelseminar zu gehen, bin ich quasi gezwungen worden, nur so habe ich meinen Aufenthalt hier in Deutschland bekommen. Nach dem Abitur möchte ich Wirtschaftswissenschaften studieren.“ Oder: „Ich möchte Erzieherin werden und mit Kindern und Jugendlichen arbeiten“ oder „ich bin beim Fröbelseminar, weil hier Werte und Normen vermittelt und gelebt werden, die mir wichtig sind. Obwohl ich einen moslemischen Glauben habe, weiß ich um die Kraft des Glaubens, er schenkt uns Menschen Kraft und Hoffnung. Der Gott ist doch derselbe.“ Das Fröbelseminar ist eine evangelische diakonisch geprägte Bildungseinrichtung. Wir sind offen für Menschen aller Glaubensrichtungen. Alle müssen jedoch am evangelischen Religionsunterricht und an der christlich geprägten Schulkultur teilnehmen. Es gab schon Lernsituationen, bei denen sich beispielsweise jüdisch, moslemisch, christlich geprägte Menschen engagiert fachlich auseinandersetzten.

Zu den regelmäßigen Gottesdiensten gehen alle Schüler und Studierende. „Mich interessiert Religion stark, die Vielfalt von Religionen und die christliche Ausprägung konnte ich gut kennenlernen.“ „Ich bin total positiv überrascht, wie gut die Gottesdienste sind und dass ich nicht das Gefühl habe, dort ausgegrenzt zu sein.“ „Ich bin wegen der religiösen Prägung des Fröbelseminars hier, aber mich hat gewundert, dass etwa die Hälfte in meiner Lerngruppe nicht wirklich an Gott glaubt oder es nicht zeigt. Das hatte ich nicht erwartet, doch es ist in Ordnung.“ Und doch gibt es tief im Inneren Herausforderungen, die schmerzen, fragen und bewältigt werden konnten: „Während meiner Ausbildung im Ev. Fröbelseminar habe ich viele ganz andere Seiten der deutschen Kultur noch näher kennenlernen können. Ganz besonders in der Erziehung und dem Bild vom Kind hier in der Pädagogik habe ich viel Neues lernen können. Hier sehe ich Unterschiede zwischen beiden Kulturen. Vieles hat mir sehr gefallen, jedoch habe ich auch manches erfahren, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe begonnen, Vergleiche zwischen der kongolesischen und der deutschen Erziehung zu ziehen. Das hat viele innere Konflikte in mir verursacht. Auf beiden Seiten habe ich Schwächen entdeckt, die ich früher unwissentlich für Stärken gehalten habe. Letztendlich hatte ich immer das Gefühl, mich für eine Seite entscheiden zu müssen. Das war nicht einfach.“ Hier wird fühlbar und nachvollziehbar, dass verschiedene kulturelle Erfahrungen zu inneren und ggf. äußeren Spannungen führen können. Wichtig in der Begleitung für uns als Team von DozentInnen ist letztlich die Akzeptanz dieser Verschiedenheit im Äußeren und Inneren. Wir versuchen diese Spannung im Alltag des Lernens und Lehrens wahr- und anzunehmen. Für uns ist eine akzeptierende Haltung eine Möglichkeit, diese Spannungen als Angelpunkt einer neuen Identität zu sehen und letztlich den Migrationsvorsprung zur Geltung zu bringen, und zwar sowohl in der einzelnen Persönlichkeit als auch in der kulturellen Gestalt des Ev. Fröbelseminars. 

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KEIN ORT. NIRGENDS Viele Menschen sind auf der Flucht. Sie haben keine Zeit, sich über das Älterwerden Gedanken zu machen. Wie Petros, er ist 19 Jahre jung und hat Eritrea verlassen, weil er nicht lebenslang Militärdienst leisten will. Auf der Suche nach einem ORT ist er schließlich in der Ev. Gemeinde Am Bügel in Frankfurt-Bonames gelandet. Dort verbessert er sein Deutsch, erhält Klavierunterricht – das erste Mal, dass er ein Musikinstrument spielt – und hilft beim ökumenischen Gründonnerstagsessen mit, die Grüne Soße zu schneiden. Bis dahin hat er auf seiner Flucht viele UNORTE kennengelernt: Im Sudan mit einem gültigen ungarischen Visum ausgestattet, landete er in Amsterdam und beantragt Asyl. Er kommt für vier Monate in ein geschlossenes Lager in der Nähe des Flughafens. Dann wird er nach Budapest abgeschoben. Nach der irischen Stadt Dublin ist die europäische Verordnung genannt, die Flüchtlinge auf das Land innerhalb Europas festnagelt, das ihnen die Einreise nicht verwehrt hat. Deshalb ist Ungarn für ihn zuständig, obwohl er dort noch nie war, denn Ungarn hat ihm ein Visum ausgestellt. Hier wartet das nächste Lager auf ihn. Rechtsradikale überfallen ihn, die Polizei nimmt seine Anzeige nicht auf, weil kein Dolmetscher zu finden ist. Obwohl er in Ungarn einen Schutzstatus erhält, ist die medizinische Behandlung unzureichend, eine Unterbringung gibt es nur für max. 6 Monate. Danach landet er auf der Straße. Sein Geld reicht nicht, um satt zu werden. Er flieht weiter nach Deutschland. Hier möchte er bleiben. Doch die deutschen Behörden wollen ihn nach Ungarn abschieben – zurück in die Ortund Trostlosigkeit. Gegen diese Dublin-Abschiebungen innerhalb Europas formiert sich zunehmend Widerstand. Flüchtlinge demonstrieren gegen die Du-

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blin Verordnung, Unterstützer schließen sich an. Sie machen darauf aufmerksam, dass dieser innereuropäische Verschiebebahnhof krank macht – sowohl die Flüchtlinge wie auch die Beratenden, die hilflos mit ansehen müssen, wie Menschen vor allem in südeuropäische Länder abgeschoben werden, die keine ausreichende Infrastruktur für Flüchtlinge vorhalten. Immer öfter wehren sich Flüchtlinge auch im Abschiebungsprozess. Sie machen im Vorfeld oder im Flugzeug lautstark auf ihre Situation aufmerksam, so dass die Bundespolizei die Abschiebungen abbricht oder Piloten ihre Mitnahme verweigern. Andere tauchen unter, werden zur Fahndung ausgeschrieben, riskieren Abschiebungshaft, haben keine medizinische Versorgung. Manche landen in der Psychiatrie – oft auch nach einem Selbstmordversuch. Immer mehr Kirchengemeinden nehmen sogenannte „Dubliner“ ins Kirchenasyl, um die Frist zu überbrücken. Denn Dublin-Abschiebungen müssen innerhalb von sechs Monaten vollzogen werden, geschieht dies nicht, wird Deutschland zuständig und das Verfahren muss hier durchgeführt werden. Fluchtursachen bekämpfen. Dieses Allheilmittel wird wie ein Mantra wiederholt, wenn es darum geht, was Flüchtlingen wirklich hilft. Nur – wie können wir den Krieg in Syrien stoppen? Was können wir gegen die Al Shabaab in Somalia ausrichten? Wie können wir die Einflussnahme von IS (Islamischer Staat) im Irak verhindern? Die Dublin Verordnung dagegen ist europäisch gemacht und deutsch gewollt. Hier können wir unseren politischen Einfluss hörbar machen. Diakonie, Pro Asyl u.a. haben das getan. 2 Sie setzen sich dafür ein, dass Flüchtlinge innerhalb Europas den ORT, wo sie leben wollen,  selbst wählen können.

HILDEGUND NIEBCH

Bereich Flucht, Interkulturelle Arbeit, Migration Referentin Flucht und Integration

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Christa Wolf, Kein Ort. Nirgends, 1979

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Memorandum – Flüchtlingsaufnahme in der Europäischen Union: Für ein gerechtes und solidarisches System der Verantwortlichkeit, März 2013, http://www.diakonie.de/ media/2013-03-07-MemorandumDublin-deu.pdf

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Arbeitsgebiete

e d . n e p s e i n www.diako WIE GROSS IST DAS POTENZIAL DIAKONISCHER EINRICHTUNGEN BEI ONLINESPENDEN?

BERND KREH

Referent für Fundraising und Stiftungswesen

Die bisherigen Erfahrungen bei vielen sozialen Einrichtungen – auch in der Diakonie – sind ernüchternd. Von Onlinespenden profitieren vor allem Organisationen, die in der Katastrophenhilfe tätig sind, oder Einrichtungen, die auch auf anderen Wegen viele Spenden erhalten (z.B. Projekte der Kinderkrebshilfe). Bei diakonischen Themen, denen eine große öffentliche Aufmerksamkeit fehlt, sieht es bei den Onlinespenden bisher leider nicht gut aus. Andererseits wird speziell von Fundraisingagenturen vermehrt ein großer Druck aufgebaut, sich auf diesem „Zukunftsmarkt“ zu betätigen und diese Mittel mitzunehmen. Es wird viel Geld verdient mit solchen Prognosen und die Angst geschürt, dass eine Einrichtung „den Zug verpassen“ könnte. Aufgrund verstärkter Anfragen aus der eigenen Organisation will die Diakonie Hessen nun auf diesem Feld Erfahrungen sammeln. Mit einem kleinen Budget und der Unterstützung einer Werbeagentur wurde ein Portalkonzept des Fundraisingreferats der Diakonie Hessen umgesetzt und soll nun drei Jahre lang erprobt werden. Die Kosten für die beteiligten Projekte liegen deutlich unter den üblichen Preisen auf diesem Markt. Natürlich ist es ein erstes Ziel, zumindest die Kosten zu erlösen.

Beteiligt sind zwölf Projekte der Diakonie Hessen: vier Tafeln von regionalen Diakonischen Werken (rDW), vier Stiftungen und vier spezielle diakonische Projekte („Krank auf der Straße“, I-Punkt Ingelheim des rDW Mainz-Bingen, KISEL des rDW Groß-Gerau-Rüsselsheim und Vorstadtkrokodile des rDW Worms-Alzey). Auf der Hauptseite können die Projekte ausgewählt werden. Jedes Projekt hat eine eigene Seite, auf der ausführliche Informationen zu finden sind, und einen Online-Button, der zum Spenden per Paypal und mit Kreditkarten einlädt. Zudem sind auch allgemeine Kontaktdaten und eine Bankverbindung aufgeführt. Jedes Projekt kann die eigene Homepage mit seiner eigenen Unterseite auf „www.diakoniespen.de“ verlinken. Nun versuchen die beteiligten Projekte, diese zusätzliche Spendenmöglichkeit zu bewerben und ihre Mitarbeitenden zu motivieren, über deren eigene Kontaktflächen in den sozialen Medien darauf aufmerksam zu machen. Im Frühjahr 2017 werden wir die Erfahrungen auswerten. Dann können wir Ihnen verraten, ob es über „www.diakoniespen.de“ tatsächlich gelingt, in einem größeren Umfang Onlinespenden für diakonische Projekte „vor der Haustür“  einzuwerben.

Diakonie persönlich

Diakonie persönlich

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Diakonie persönlich

FRAGEN AN DIE MITARBEITENDEN AN DER PFORTE IN KASSEL UND FRANKFURT AM MAIN

In Frankfurt werden die Besucherinnen und Besucher, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie Hessen von Elisabete Meyer persönlich oder am Telefon begrüßt. In Kassel tun dies Marlis Hugo und Karsten Flamme. Wie sie ihre Arbeit wahrnehmen, zeigen die Antworten. s Sie arbeiten am Empfang und in der Telefonzentrale in Frankfurt und sind damit für viele Menschen erster Ansprechpartner. Hat dies für Sie eine besondere Bedeutung?

ELISABETE MEYER

Ja, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind natürlich sehr wichtig an der Pforte. Es gibt ja ganz unterschiedliche Situationen und auch die Menschen, die vorbeikommen, sind ja recht unterschiedlich. Da ist Empathie ganz entscheidend. Ab und zu kommen auch Menschen an die Pforte oder rufen an, die in Not sind oder Hilfe brauchen, dann freut es mich, wenn ich ihnen mit einer Adresse oder Telefonnummer weiterhelfen kann. Die sind dann immer sehr dankbar. s Was finden Sie an Ihrer Tätigkeit besonders reizvoll? - Dass ich Menschen behilflich sein kann als Vermittlerin. Sei es den richtigen Ansprechpartner im Haus zu finden, oder sei es auch nur mit dem Hinweis auf die richtige Durchwahl.

- Dass meine Tätigkeit sehr abwechslungsreich ist, und natürlich der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen. s Gibt es auch Momente, die Sie nicht gerne haben? Können Sie ein Beispiel nennen? Ja klar, dass es gerade in stressigen Momenten Menschen gibt, die einfach pausenlos weitersprechen, obwohl ich gerade telefoniere. Dann bin ich sehr angespannt – und alles dauert länger … Traurig finde ich auch jene, die einfach nur vorbeigehen und nicht grüßen, aber so was gibt es überall, und Gott sei Dank sind es nicht allzu viele. s Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: Ich arbeite bei der Diakonie Hessen, weil … … für mich Menschlichkeit und ein gutes Miteinander wichtig sind. Wir können voneinander lernen und daran wachsen. 

Diakonie persönlich

s Sie arbeiten am Empfang und in der Telefonzentrale in Kassel und sind damit für viele Menschen erster Ansprechpartner. Hat dies für Sie eine besondere Bedeutung? Ja, das bedeutet für mich einen persönlichen Ansporn. Meine Kollegin und ich sind Teil der Stimme und des Gesichts der Diakonie Hessen am Empfang. Wir möchten unsere Besucher stets mit einem Lächeln begrüßen und auch verabschieden. Dasselbe gilt für Telefonate: „Auch ein Lächeln hört man am Telefon!“ s Was finden Sie an Ihrer Tätigkeit besonders reizvoll? Für mich ist die Zentrale das Herz des Hauses. Bei uns laufen die meisten Informationen und Belange zusammen. Dadurch weiß man aber auch nie was einem so der Arbeitstag bringt und das macht es jeden Tag spannend!

s Sie arbeiten am Empfang und in der Telefonzentrale in Kassel und sind damit für viele Menschen erster Ansprechpartner. Hat dies für Sie eine besondere Bedeutung? Ich bin sehr gern als Mitarbeiterin der Diakonie Hessen am Empfang tätig. Die vielfältigen Aufgaben fordern mich jeden Tag aufs Neue. Ich versuche, die Besucher, die in unser Haus kommen, genauso freundlich und mit einem Lächeln zu empfangen, wie ich in einer ähnlichen Einrichtung begrüßt werden möchte.

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s Gibt es auch Momente, die Sie nicht gerne haben? Können Sie ein Beispiel nennen? Manchmal kommt es vor, dass Anrufer oder Besucher ihr Herz ausschütten. Wir hören uns dies natürlich geduldig und verständnisvoll an, stellen aber auch fest, dass wir ihnen nicht immer helfen können. Wir als Diakonie können nun mal leider nicht alle Probleme lösen. Das belastet einen manchmal und man nimmt dies auch mit nach Hause.

KARSTEN FLAMME

s Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: Ich arbeite bei der Diakonie Hessen, weil … … ich so auch in meinem Beruf etwas zurückgeben kann, indem ich meine Kolleginnen und Kollegen in ihrer Arbeit unterstütze. Dadurch können wir Menschen besser beraten und helfen, die Hilfe benötigen. 

Auch seelsorgerische Dienste gehören dazu. Der Teamgeist, den ich im Haus verspüre, lässt mich jeden Tag gern an meinen Arbeitsplatz gehen. s Gibt es auch Momente, die Sie nicht gerne haben? Können Sie ein Beispiel nennen? Wenn ich mangels Informationen nicht sagen kann, wann eine Kollegin oder ein Kollege wieder im Haus ist. Und vor allem, wenn ich offensichtlich Bedürftige wegschicken muss, weil es hier im Haus keine Hilfe für sie gibt.

s Was finden Sie an Ihrer Tätigkeit besonders reizvoll?

s Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: Ich arbeite bei der Diakonie Hessen, weil …

Die Tätigkeiten am Empfang und der Telefonzentrale sind sehr abwechselungsreich. Innerhalb kurzer Zeit muss man z.B. Lösungen oder Ansprechpartner für verschiedenste Fragen finden.

... ich gern für Menschen da bin. Die Begabung, die mir Gott geschenkt hat, nämlich freundlich mit Menschen umzugehen, empfinde ich als reich  und erfüllend.

MARLIS HUGO

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Mitglieder

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ROCKMUSIK

IN DER PFLEGE

WOHN- UND PFLEGEHEIM DER HEPHATA DIAKONIE FÜR CHRONISCH ABHÄNGIGKEITSKRANKE MENSCHEN Für Menschen, die alt sind und Pflege brauchen, ist ein Seniorenpflegeheim eine Alternative. Für Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung, einer seelischen Behinderung und/oder einer Abhängigkeitserkrankung schon mit 50 Jahren pflegebedürftig sind, ist ein Seniorenheim keine Alternative. Für sie hat die Soziale Rehabilitation Hephatas im Margot-von-Schutzbar-Stift in Herleshausen-Wommen ein neues Wohn- und Pflegekonzept entwickelt.

Gabi J.* (51) lebt seit fünf Jahren im Wohn- und Pflegeheim im Margot-von-Schutzbar-Stift. Sie war chronisch abhängigkeitskrank und kam nach einem Krankenhausaufenthalt hierher. „Ich konnte nicht mehr laufen, nicht aufrecht stehen, keine vollständigen Sätze sprechen“, erinnert sie sich. Ihr Zustand war kritisch. „Die Ärzte hatten keine große Hoffnung mehr. Ich saß im Rollstuhl, war böse auf Gott und die Welt und wollte hier weg.“ Heute lebt Gabi J. abstinent. Sie kann mit einem Rollator wieder laufen. Sie arbeitet stundenweise in der Einrichtungsküche. Die 51-Jährige ist Vorsitzende des Einrichtungsbeirates, spielt in der Theatergruppe des Stiftes und liest wieder viel, meistens Romane. „Ich bin gerne

hier. Ich werde hier gefördert, bekomme die Unterstützung im Alltag, die ich brauche. Ein Altersheim wäre in meiner Altersklasse einfach nichts gewesen.“ Die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohn- und Pflegeheims sind im Schnitt 61 Jahre alt, die jüngsten 40. Ihre frühe Pflegebedürftigkeit ist Folge einer oft jahrzehntelangen Abhängigkeit, meistens von Alkohol. Pflege bedeutet hier vor allem Kommunikation, Motivation und Unterstützung, aber nicht die volle Übernahme der Pflege. Die Bewohnerinnen und Bewohner tragen in allen Bereichen so viel Eigenverantwortung wie möglich. Sie nutzen stundenweise

MELANIE SCHMITT

Pressereferentin Hephata Hessisches Diakoniezentrum e. V.

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Mitglieder

tagesstrukturierende Maßnahmen der Einrichtung, wie Hauswirtschaft, Trainingsküche oder Holzwerkstatt. „Unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind noch jung, sie wollen einer Beschäftigung nachgehen“, sagt Einrichtungs- und Regionalleiterin Ursula Nölker. In der Freizeit sieht das ähnlich aus: „Im Seniorenpflegeheim singen die Bewohnerinnen und Bewohner gerne Volkslieder, damit brauche ich hier gar nicht erst anzufangen, hier hören die Leute Beatles oder Rockmusik.“ Ansonsten stehen Kino, Schwimmbad oder Billardspielen auf dem Programm. So besonders die Ansprüche an den Alltag im Vergleich zu einem herkömmlichen Seniorenpflegeheim sind, so besonders sind auch die Ansprüche an die Mitarbeitenden, die im Umgang mit Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und psychischen Problemen speziell geschult sind. Das Wohn- und Pflegeheim verfügt über 30 Einzelzimmer mit separaten Nasszellen. Die Bewohner haben mindestens die Pflegestufe 1 plus im erhöhten Maße eingeschränkte Alltagskompetenzen. Die meisten bleiben für den Rest ihres Lebens. „Einige schaffen auch den Sprung ins

Wer Sorgen hat, hat auch Likör Fachtag „Sucht – Alter – Pflege“ am 9. April 2014 in Marburg

Deutschland altert! Oder anders ausgedrückt: In einer Gesellschaft des langen Lebens gewinnt das Thema „Sucht im Alter und Pflege“ zunehmend an Bedeutung. Doch wie wird mit diesem Thema umgegangen? Oft verdeckt, denn ältere Menschen scheuen sich häufig Beratung und Hilfe anzunehmen. Hinzu kommt, dass die Suchtproblematik in der ambulanten und stationären Altenhilfe wenig diskutiert wird, aber dennoch ein Thema ist. Vor diesem Hintergrund wurde am 9. April in Marburg ein gemeinsamer Fachtag durchgeführt. Ziel der Tagung war, Umsetzungsmöglichkeiten aus Sicht der Altenhilfe, der Suchthilfe und Selbsthilfe aufzuzeigen. Über ein neues Fachberatungsangebot für ältere Menschen in Frankfurt berichteten Bernd Nagel und Markus Förner. Es handelt sich dabei um ein Gemeinschaftsprojekt des Suchthilfeträgers Stiftung Waldmühle und der Altenhilfeeinrichtung Hufeland-Haus. Durch gezielte Beratung können Suchtprobleme gelöst und der Alltag der betroffenen Menschen verbessert werden.

Betreute Wohnen. Das sind dann richtige Erfolge“, sagt Nölker. Einrichtungen wie diese sind hessenweit immer noch Neuland; Ende des Jahres eröffnet die Hephata Diakonie ein ähnliches Haus in Breitenbach am Herzberg. Ursula Nölker: „Früher hat man gesagt, chronisch abhängigkeitskranke Menschen leben nicht lange. Das ist heute zum Glück nicht mehr so. Aber die Menschen altern anders. Dies würdevoll zu begleiten, ist unsere Aufgabe.“  *Der Name ist der Redaktion bekannt.

Das Wohn- und Pflegeheim ist eines von drei Teilen der Gesamteinrichtung Margot-von-Schutzbar-Stift. Ursprünglich wurde auf dem Gelände eine Altenpflegeeinrichtung betrieben. Die Hephata Diakonie übernahm diese und baute das Stift seit 2005 um und neu. Heute leben in dem Altenpflegeheim 31, im Wohn- und Pflegeheim 30 Frauen und Männer. Hinzu kommen 25 Wohnheimplätze zur sozialen und beruflichen Rehabilitation für chronisch mehrfach beeinträchtigte abhängigkeitskranke Menschen, Räume für die Tagesstruktur und sieben Plätze für Betreutes Wohnen. Das Projekt wurde von der evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, dem Land Hessen und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen unterstützt. (me)

Wie es im stationären Sektor aussieht, wurde von Ursula Nölker am Beispiel einer Wohnpflegeeinrichtung für chronisch mehrfach beeinträchtigte alkoholabhängige Menschen dargestellt. Dieses Angebot der Hephata Diakonie richtet sich an pflegebedürftige Menschen, die jünger als 65 Jahre sind, und wird im Artikel „Rockmusik in der Pflege“ näher dargestellt. In praxisnahen Workshops wurde das Thema im zweiten Tagungsteil vertieft. So stellte Pflegeberaterin Friederike Dewan die Bedarfe von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen bei einer Suchtproblematik vor. Dabei standen Fragen der Fortbildung für das Pflegepersonal und Vernetzung mit Einrichtungen der Suchthilfe im Mittelpunkt. Ein interdisziplinärer Dialog und die gemeinsame Weiterentwicklung der Kompetenzen wurden angeregt. Neben der Feststellung, dass Suchthilfe und Pflege gemeinsame Wege gehen müssen, wurde deutlich, dass in den Suchtselbsthilfegruppen die Thematik des Alterns immer stärker in den Fokus gelangt.  DETLEF BETZ DIRK KALISKE

Bereich Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie und Suchtfragen Referenten für Suchtfragen

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DIE LITFAß SÄULE

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Treffpunkt Litfaßsäule (v. l.): Einrichtungsleiterin Petra Unkart, Pflegedienstleiterin Barbara Vogel und Wohnbereichsleiterin Christine Weisheit

WECKT ERINNERUNGEN AN DIE KINDHEIT

Vielfältige Erfahrungen mit dem Thema „Älter werden“ und deren Schattenseiten mit Blick auf Menschen mit Demenz machen Altenpflegeeinrichtungen in der täglichen Arbeit. Ein spezielles Modell zum Umgang mit desorientierten Menschen wurde im Ev. Altenhilfezentrum Steinbach-Hallenberg umgesetzt. Demenzerkrankungen und geistige Leistungsstörungen im Alter sind in den letzten Jahren stark angestiegen. Statistische Erhebungen und die aktuelle Fachliteratur gehen von derzeit etwa 1,3 Millionen Demenzkranken aus. Rechnet man noch eine Dunkelziffer hinzu, so dürfte die tatsächliche Zahl bei etwa 1,5 Millionen liegen. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes liegt die Anzahl der jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland bei etwa 200.000. Eine spezifische Pflege und Betreuung demenzerkrankter Menschen stellt „Profis“ vor erhebliche Herausforderungen und bestimmt den Alltag in Altenpflegeeinrichtungen. Unterschiedliche Konzeptansätze werden rege diskutiert und erprobt. Ein Pflegemodellansatz für desorientierte Menschen ist das sogenannte „Psychobiografische Pflegemodell“ nach Prof. Erwin Böhm, das

in den letzten Jahrzehnten vorwiegend in Österreich, der Schweiz und Luxemburg umgesetzt wurde. Heute findet es internationale Anerkennung (siehe Hintergrund). Das Ev. Altenhilfezentrum Steinbach-Hallenberg im thüringischen Teil der Diakonie Hessen betreibt seit sieben Jahren einen Wohnbereich mit 25 Plätzen, in dem das Psychobiografische Pflegemodell nach Böhm umgesetzt ist. Die Einrichtung, die zur Ev. Altenhilfe Gesundbrunnen, dem größten Träger diakonischer Altenarbeit in Nordhessen und Thüringen, gehört, ist eine der ersten Mitgliedseinrichtungen, die nach diesem speziellen Ansatz pflegt. So weit, so gut! Das Pflege- und Betreuungsteam von Einrichtungsleiterin Petra Unkart geht aber noch einen Schritt weiter. „Es ist eine besondere Herausforderung, wenn Menschen mit Demenz im Böhm-Bereich in die Sterbephase kommen. Wir bemühen uns seit geraumer Zeit konsequent um eine Erweiterung der bestehenden Pflege- und Betreuungssettings für diese Zielgruppe, das heißt um eine Weiterentwicklung des Modells. Es geht uns hier um die kulturelle

ECKHARD LIEBERKNECHT

Bereich Kommunikation Referent für Interne Kommunikation und Redaktion

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Das Psychobiografische Pflegemodell nach Prof. Erwin Böhm Das Modell stellt einen ganzheitlichen und praxisbezogenen Weg für die Geriatrie und Gerontopsychiatrie dar und fördert ein vertieftes Pflegeverständnis durch die intensive Auseinandersetzung mit der individuellen Gefühlsbiografie, wie der sozialgeschichtlichen Prägung der Betroffenen. Das Leben in Heimen, die nach dem psychobiografischen Ansatz von Böhm arbeiten, wird auf dieser Grundlage so weit wie möglich dem früheren „normalen“ Alltag der Bewohner/-innen angeglichen, um „Alltagsnormalität“ und ein „Daheim-Gefühl“ zu erzeugen. Oberstes Ziel der „Böhm’schen Pflegephilosophie“ ist die „Seelenpflege“ der alten Menschen. Aus der Praxis kommend hat Erwin Böhm damit maßgeblich zum Paradigmenwechsel von einer einseitig somatisch orientierten Pflege zu einer ganzheitlichen Sichtweise unter Einbeziehung der psychischen wie sozialen Bedürfnisse pflegebedürftiger demenzkranker Menschen beigetragen. Symbol hierfür ist in Steinbach-Hallenberg eine Litfaßsäule, die im „Böhm-Bereich“ die aktuellsten Nachrichten den Bewohnern nahebringt.

Mitglieder

Ausgestaltung von Lebenswelten für sterbende Menschen mit Demenz, die ihren Wohnbereich sowohl als Lebensort wie auch als Sterbeort verstehen lässt. Um dem zu begegnen, haben wir in den letzten Monaten eine Anpassung unserer Raumstruktur vorgenommen und unsere Mitarbeitenden gezielt auf den Umgang mit demenzkranken Menschen in der letzten Lebensphase vorbereitet durch unterschiedliche Schulungen.“ Diese von Petra Unkart beschriebene Weiterentwicklung des Modells kann nur aus einer ganzheitlichen Sichtweise von „innen heraus“ geschehen. „Pflegeheime verzeichnen seit einigen Jahren einen erhöhten und weiter ansteigenden Bedarf in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in der letzten Lebensphase, der sich in der Ausgestaltung der Leistungserbringung auf die Begleitung am Lebensende konzentriert“, erläutert Dr. Franca D’Arrigo, (Referentin für stationäre Altenhilfe, Hospizarbeit und Sterbebegleitung, Diakonie Hessen). In diesem Zusammenhang entstehen nochmals andere komplexe medizinisch-pflegerische, psychosoziale und spirituelle Anforderungen, Wünsche und Bedürfnisse der betroffenen Bewohner und ihrer Angehörigen an die stationäre Altenhilfe, denen gezielt durch eine spezifische Erweiterung der Leistungserbringung begegnet werden muss. „Wie die Erfahrungen in Steinbach-Hallenberg belegen, bedarf es eben auch einer Anpassung der milieutherapeutischen Bedingungen, die auch schwerstkranken Bewohnern in einer Sterbephase eine soziale Wirklichkeit anbietet, in der diese ihre Selbstbestimmung und Lebensqualität soweit wie möglich bis zuletzt aufrechterhalten können“, so D’Arrigo. „Böhm-Bereiche auch als Orte des Sterbens aus einer Perspektive von „innen heraus“ zu verstehen und auszugestalten, ist nicht nur eine weitere anspruchsvolle Aufgabe, die noch dazu eine andere Zielsetzung in der traditionell gewachsenen Heimkultur verfolgt, sondern sie bedarf dringend einer gesetzlichen Regelung, die diesen veränderten Anforderungen gerecht wird und finanziell absichert,“ so D’Arrigo weiter. 

Mitglieder

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SUCHT-

HILFE

EVIM Drei Jahre alt ist das Projekt „Tagesstruktur“ nun geworden. Seit drei Jahren ist es tagsüber wie ein Zuhause für bis zu 12 Menschen. Ein Ort, wo man erwartet wird, wo man sich wohlfühlt, erzählen kann, gemeinsame Aktivitäten plant und gemeinsam isst - und natürlich auch miteinander lacht. Das hört sich so selbstverständlich an, ist es aber für suchtmittelabhängige Menschen oftmals nicht. „Lange Zeit, mitunter viele Jahre, dreht der Tag und die Lebensenergie sich einzig darum, das Suchtmittel zu beschaffen und damit das Gefühl, jetzt geht es mir gut“, so berichtet Herr Spörl der Einrichtungsleiter, „gleichgültig welches Suchtmittel, ob legal oder illegal, nach Jahren bleibt dann nicht mehr viel. Für Leben ist da kein Raum. Kontakte bestehen, oftmals nur zur Szene. Wer dann den Entzug schafft, sitzt oft alleine in seiner Wohnung vor dem Fernseher, hat viel Zeit und keine Idee, was er mit der anfangen soll.“ Keine guten Voraussetzungen, um dauerhaft auf das jeweilige Suchtmittel zu verzichten. Für Nagel war dies ein Anstoß, das Konzept der „Tagesstruktur“ zu entwickeln. Menschen mit ähnlichen Problemen und Lebensgeschichten, die ihre Freizeit nicht selbst zu gestalten wissen, zusammenzubringen und anzuregen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Neu daran ist, dass die Besucher sowohl illegale als auch legale Drogen konsumiert haben. „Vor einigen Jahren wäre das in der Suchthilfe undenkbar gewesen, aber wir machen die Erfahrung, dass das Suchtmittel weniger wichtig ist als die Erfahrung damit. Es ist beeindruckend,wie tolerant die Besucher sind“, erklärt Herr Spörl, aber auch ehrlich und direkt, „sie erwarten, dass die anderen abstinent sind und sprechen sich an, wenn sie den Eindruck haben, dass einer dies nicht mehr ist.“ Es gilt für alle die klare Regel, wer unter Droge steht, der geht für diesen Tag nach Hause.

Die Einrichtung ist von 11 bis 17 Uhr geöffnet, jeden Tag bereiten Besucher ein Mittagessen zu und dies wird gemeinsam verzehrt. Die Küche, wie auch die gesamte Wohnung und den Garten halten die Besucher selbst in Schuss. Jeder erledigt etwas und man ermahnt sich gegenseitig, ihren Ort schön und sauber zu halten. Gemeinsam werden Aktivitäten geplant, wichtig ist dabei, dass es Ideen der Besucher sind und diese zur Umsetzung angeregt werden. So entwickelte sich aus der Spende von Gegenständen die Flohmarktaktivität, diese zu verkaufen. Um fünf Uhr morgens ging das los und irgendwann stellte sich die Frage: Was machen wir mit dem Geld? Die Besucher haben eine zweitägige Reise zur documenta nach Kassel geplant und umgesetzt, dokumentiert mit einer Präsentation. „Genau das liebe ich an meiner Arbeit: Wenn das Feuer des Lebens wieder entfacht“, strahlt Herr Spörl. „Das waren Menschen, die einmal mitten im Leben standen, mit Beruf, Familie usw., und dann kam die Sucht. Nach Jahren kehren hier soziale Kompetenzen wieder, die Umgebung wird erkundet und der jahrzehntelang erträumte Besuch im Stadion wird gewagt.“ Genau dies: selbst gefragt zu sein, reizt die Besucher. Herr X sagt: „Ich muss ja nicht hier sein. Ich bin hier, weil es für mich interessant und neu ist. Darum komme ich jeden Tag, ich kann andere treffen, erzählen, und wir helfen uns gegenseitig.“ Dabei wird Rücksicht auf die jeweiligen Interessen genommen, denn der Garten ist nicht die Sache von Herrn X. Gerne steht er in der Küche und kocht mit, er ist Spezialist für Gulasch. Das Lob gibt er so gerne, wie er es selbst hört: „Hast du gut gekocht.“ Auch nach 18 Monaten ist ihm nicht langweilig geworden. Die „Tagesstruktur“ ist ein neues Projekt, dessen Entstehung vom Landeswohlfahrtsverband Hessen konstruktiv begleitet wurde und dessen Existenz dadurch längerfristig abgesichert ist. Die „Tagesstruktur“ ist ein Ort, wie ein Zuhause für Menschen mit ihren besonderen Bedürfnissen, das braucht doch jeder – dauerhaft! 

PFARRERIN ANGELIKA ANGERER

Referentin des Vorstandsvorsitzenden IM GESPRÄCH MIT HARALD SPÖRL

Einrichtungsleiter EVIM

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Mitglieder

FIM

FRAUENRECHT IST MENSCHENRECHT

PFARRERIN ANGELIKA ANGERER

Referentin des Vorstandsvorsitzenden

Im nächsten Jahr feiert das Beratungszentrum FIM seinen 35. Geburtstag. Am Anfang stand eine Gruppe engagierter Frauen, evangelische und katholische, die sich durch den Weltgebetstag angeregt für Frauen aus Thailand und deren Rechte einsetzten. Damals haben sie zu Hause beraten und, wo nötig, ein Bett gemacht, weil sie die Notlagen anderer Frauen gesehen haben und helfen wollten. Daraus hat sich viel entwickelt. Der Verein FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht –, bietet heute Einzelfallhilfe in Form von Beratung und Begleitung von Migrantinnen an, macht Gruppen- und Bildungsangebote und engagiert sich auch politisch für die Menschenrechte von Migrantinnen in Krisensituationen. Derzeit leisten diese Arbeit 15 Frauen und ein ehrenamtlich tätiger Mann. „Das muss nicht so sein, ist aber so“, schmunzelt Elvira Niesner, die Geschäftsführerin von FIM. „Wir werden von einem ehrenamtlichen Vorstand unterstützt und von Fördermitgliedern.“ Die Kolleginnen sind in erster Linie Sozialberaterinnen und Streetworkerinnen, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Fördermittelakquise gibt es viel zu tun. Es ist ein großes Puzzle aus mehreren Partnern für jedes Projekt, bis die Finanzierung gewährleistet ist. Besonders stark macht dieses Team seine Interkulturalität. „Das stärkt die Arbeit, denn Frauen wissen: Da ist jemand, der mich versteht, meine Kultur und Tradition.“ Die Zielsetzung von FIM ist bis heute die gleiche, der Blick jedoch ist weiter geworden. Frauen aus der ganzen Welt brauchen mitunter

in unserem Land Hilfe, um ihre Rechte, Menschenrechte, wahrnehmen zu können. Es geht im Kern um die Würde einer Frau, eigene Grenzen ziehen zu können, zu entscheiden: Das will ich und das nicht. Das braucht innere Stärke, nicht alle Frauen bringen diese aus ihrer Bildung und Erziehung mit. Hier setzt die Arbeit von FIM an. Dabei sind die Themen sehr vielfältig, wie z.B. Menschhandel, Gewalt gegen Frauen über Erziehungsfragen und Aufklärungsarbeit gegen Frauengenitalverstümmelung. Jeweils werden neue und bewährte Kooperationspartner mit eingebunden, von Ämtern, Polizei, Beratungsstellen, Frauenhäusern, Trauma- und Opferzentren, Rechtsanwälten. Auch ist die Expertise von FIM angefragt, u.a. vom Menschenrechtsausschuss des Bundestages. Die Aufgabe ist auch nach 35 Jahren noch riesig und sie wird durch die wachsende Armut und die Flüchtlinge eher größer. Dennoch sind einige der Gründungsfrauen bis heute aktiv dabei. „Kontinuität zeichnet FIM im Inhalt und in den Personen aus. Wenn man als Nichtregierungsorganisaton (NGO) an einem solchen großen Thema arbeitet, dann muss man sich auch an kleinen Erfolgen freuen können – bewusst“, erklärt Elvira Niesner, „ebenso ein gutes Arbeitsklima pflegen und zugleich die großen Visionen nicht aus dem Blick verlieren.“ So steht auf der Wunschliste ganz oben eine bessere Unterstützung für sogenannte Armutsprostituierte aus Rumänien und Bulgarien, insbesondere geht es auch um deren medizinische Versorgung. FIM hofft, dass das geplante neue „Prostituiertenschutzgesetz“ hier zu Verbesserungen führt … Ein Dumpingmarkt im Bereich der Armutsprostitution fordert alles ohne Schutz und für kleines Geld. Und ein zweiter großer Wunsch ist es, dass große Arbeitgeber Arbeitsplätze zur Verfügung stellen für Frauen, damit FIM für diejenigen Alternativen bieten kann, die aus der Prostitution herauswollen, aber eben das Geld für die Kinder in Bulgarien oder Rumänien brauchen. Gerade angesichts dieser Herausforderungen ist der 35. Geburtstag ein guter Anlass zum Feiern, Freuen  und dann Weiterarbeiten.

Diakonie präsent

Diakonie präsent

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Diakonie präsent

ÜBER 300 GÄSTE BEIM JAHRESEMPFANG 2014

ECKHARD LIEBERKNECHT

Bereich Kommunikation Referent für Interne Kommunikation und Redaktion

Immer wieder gingen die bangen Blicke der Verantwortlichen für den diesjährigen Jahresempfang der Diakonie Hessen in der Peterskirche in Frankfurt in Richtung Himmel. Dabei ging es ihnen nicht um den seelischen und kirchlichen Beistand von oben. Vielmehr war die Befürchtung, dass dieses lange geplante Event, das mit einem Gartenfest endete, buchstäblich ins Wasser fallen würde. Am Abend schließlich, nach der Feier, hörte man an vielen Ecken Seufzer der Erleichterung. Das Wetter hatte gehalten, es gab – und dies war in diesem Sommer ja eher selten – keinen Regen. So hatte also Petrus ein Einsehen und sorgte für ein gerechtes Wetter. Gerechtigkeit zog sich auch wie ein roter Faden durch die Veranstaltung, den Jahresempfang, lautete dessen Motto doch „… dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen“. Dass „soziale Gerechtigkeit kein kalter Selbstzweck ist, sondern das Ziel hat, dass alle ohne Ausnahme den Frieden Gottes erfahren“, das hatte der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Hessen, Pfarrer Dr. Wolfgang Gern, bereits bei der Begrüßung betont. Vor über 300 Gästen aus Kirche, Gesellschaft und Politik sagte Gern weiter: „Es geht darum, dass Menschen einander gerecht werden.“ Dies zeige sich in der Inklusion ebenso wie in einer menschenwürdigen Pflege, in einer Willkommenskultur für Flüchtlinge und auch in der öffentlich geförderten Beschäftigung und in einem menschenwürdigen Existenzminimum. Die Gerechtigkeitsfrage sei zuerst eine Politikfrage. Denn die Politik müsse sicherstellen, dass die wirtschaftliche Leistungskraft des Ganzen dem Gemeinwesen dienlich ist. „Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen – und nicht umgekehrt.

Wir dürfen die Politik nicht aus der Rolle entlassen, dass sie zur Regulierung sozialer Gerechtigkeit die Erstpflicht hat. Die Ausschreitungen in vielen europäischen Städten machen deutlich, dass sozialer Friede keine Selbstverständlichkeit ist und dass Gerechtigkeit und Frieden zusammengehören. Wenn wir als Gesellschaft sozialen Frieden wollen, müssen wir in diesen Frieden investieren. Wir wollen Öffentlichkeit und Politik für Menschlichkeit und sozialen Frieden gewinnen“, sagte Gern im Blick auf das Motto des Jahresempfangs. In der Andacht hatte Pfarrer Horst Rühl, theologischer Vorstand der Diakonie Hessen, Bezug auf die Jahreslosung „Gott nahe zu sein, ist mein Glück“ genommen. „Gott selbst hat sich den ungerechten Mächten und den gesellschaftlichen Wirkkräften ausgesetzt und ist den Menschen nahe gekommen. In Jesus hat er sein ‚Trotzdem’ zu den Machtverhältnissen gesprochen. Dies fordert uns bis heute dazu auf, unser Leben so zu gestalten, dass gerade Menschen in Not und Bedrängnis unsere höchste Aufmerksamkeit erfahren. Glück wächst dort, wo alle Menschen einer Gesellschaft zusammengehören und füreinander verantwortlich sind“, so Landeskirchenrat Horst Rühl. Auf dem Podium diskutierten Staatsminister Stefan Grüttner, Minister für Soziales und Integration in Hessen, Pfarrerin Ulrike Scherf, die Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und Katrin Wienold-Hocke, Pröpstin des Sprengels Kassel. Holger Weinert vom hr-Fernsehen mode rierte das Gespräch.

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STERNENDOM DER EVANGELISCHEN KIRCHE UND DIAKONIE „HOFFNUNGSVOLLES ZEICHEN DES MITEINANDERS“ Mit der Teilnahme am Hessentag in Bensheim habe die Diakonie Hessen „etwas von ihrer Arbeit gezeigt – aber auch, wie sie mit ihren Angeboten immer dicht bei den Menschen ist, die Hilfe, Beratung und Unterstützung benötigen“, sagte Dr. Wolfgang Gern als erstes Resumee zum diesjährigen Hessentag, der vom 6. bis 15. Juni in Bensheim veranstaltet wurde. Die erfreulich hohe Besucherzahl bei den Veranstaltungen und die vielen Gespräche im Aktionszelt am Sternendom hätten dies verdeutlicht. Zudem hätten „über 300 Läuferinnen und Läufer beim Sternenlauf eindrücklich bewiesen, dass sie sich engagieren und einsetzen für Wohnungslose in der Region“, so Gern weiter. Dies sei ein „hoffnungsvolles Zeichen des Miteinanders“ gewesen, sagte Gern, der selbst am Sternenlauf teilgenommen hatte. Bei der Eröffnung des Hessentags hatte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier den evangelischen Sternendom bereits als „mutiges“ Projekt bezeichnet. Es zeige, dass Kirche „mitten bei den Menschen und für sie da ist“. Sternenlauf für einen guten Zweck

Mit zwei größeren Aktionen hat die Diakonie Hessen während des Hessentages auf sich aufmerksam gemacht. Die eine startete gleich zu Beginn mit dem Sternenlauf. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung für die Wohnungslosen-Initiative in Bensheim. Die Einrichtung ist eine Anlaufstelle für Menschen ohne Dach über dem Kopf und solche, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Über 300 Läuferinnen und Läufer haben bei brütender Hitze für einen guten Zweck geschwitzt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

Über 10.000 Euro sind bei dem Sponsorenlauf zusammengekommen. Mit dabei waren neben Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, auch Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Wilfried Knapp, Kaufmännischer Vorstand der Diakonie Hessen. Auch wenn die Aktion nun vorbei ist „gehen noch weiterhin Spendengelder auf das Konto ein“, so Brigitte Walz-Kelbel, ehemalige Leiterin des Diakonischen Werkes Bergstraße, die gemeinsam mit Sabine Reiner, Mitarbeiterin in der Wohnungslosenhilfe, maßgeblich die Organisation des Sternenlaufes in Händen hatte. Doch auch das Wettrennen selbst, das über 50 Freiwillige organisiert hatten, kam ganz oben auf das Treppchen. Es erhielt den ersten Platz im erstmals ausgeschriebenen Hessentagspreis, der besonderes ehrenamtliches Engagement auf dem Fest auszeichnet. „Die Anerkennung durch den Hessentagspreis und die Berichterstattung in den Wochen vor und während des Hessentages bedeuten auch, dass die bedrückende Realität der Wohnungslosigkeit ein viel beachtetes Thema im bunten, lauten, fröhlichen Hessentag war. Das freut mich besonders“, so Brigitte Walz-Kelbel. Poesie und Kleinkunst zum Kaufen

Mit einer Lesung von Texten von Menschen mit psychischer Erkrankung lud die Diakonie Hessen am Ende des Hessentages in den Sternendom. Der Mainzer Schauspieler und Regisseur Rolf Bidinger las pointiert und nahegehend, einfühlsam am Klavier begleitet von Peter Bongard. Die ungewöhnlichen Prosabekenntnisse unter

PFARRER GREGOR ZIORKEWICZ

Bereich Kommunikation Referent für Externe Kommunikation und Veranstaltungen

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Diakonie präsent

dem Titel: „Einfach anders normal“, die während eines Schreibseminars verfasst wurden, berührten die vielen Besucher des Sternendoms. Auf die besondere Situation von Menschen mit demenzieller Erkrankung machten in einem Podiumsgespräch Hans Seydel, Bereichsleiter der Seniorenberatung im Diakonischen Werk Bergstraße, und Lars Ruppel, bekannter Poetry-Slammer, der Kurse mit Jugendlichen in Einrichtungen für Menschen mit demenzieller Erkrankung durchführt, aufmerksam. Insbesondere die Angehörigen stünden unter einem enormen Druck und einer großen Herausforderung dieser Krankheit gegenüber, berichtete Seydel aus der Arbeit. Allein für Angehörige einen „Urlaub von der Pflege zu organisieren“, sei ein zeitaufwändiges Unterfangen, so Seydel weiter. Um die Arbeit besser zu vernetzen, ist in Bensheim ein Demenzwegweiser aufgelegt worden, der über die Krankheit informiert, aber auch Adressen und Kontakte vorhält, bei denen Hilfe und Beratung nachgefragt werden kann. Für die Hände und Augen gab es aber auch was: Kleinkunst von Besuchern der Tagesstätte für Psychisch Kranke des DW Bergstraße, die hier zum Verkauf angeboten werden. Für den Autor dieses Artikels. und seine Kollegin Ursula Thiels hat sich der Auftritt der Diakonie Hessen beim Sternendom gelohnt. „Uns war es wichtig, hier präsent zu sein und zu zeigen, dass Diakonie und Kirche einfach zusammengehören!“ So wie eben der Mund und die Füße. Während der Veranstaltungen der evangelischen Kirche und der Diakonie konnten sich die Besucher im Kuppelzelt mit seiner speziellen Lichtinstallation auf eine Reise zwischen Erde und Himmel begeben. Bei leisen Musikklängen, Lesungen und geistlichen Angeboten, wie Andachten, konnten sie unter der blau angestrahlten Decke mit ihren wandernden Sternen Abstand vom Trubel des Hessenfestes gewinnen oder abends in dem runden Zelt die mitreißende Atmosphäre großer Publikumsveranstaltungen erleben. Daneben war es möglich, an einem Ak-

tionsstand eigene Sternstunden im Leben Revue passieren zu lassen. Hunderte von Gästen schrieben dazu ihre persönlichen Erlebnisse auf kleine Karten. Die neun Großveranstaltungen im 600 Plätze fassenden Sternendom, wie der Auftritt der Musikerin Annett Louisan, die Show des Zauberers Nicolai Friedrich oder die Vorstellung des Babenhäuser Pfarrerkabaretts, waren fast ausnahmslos ausverkauft. Wegen des Andrangs zu den Gottesdiensten am Pfingstwochenende musste das Zelt an der Festmeile des Hessentags sogar geschlossen werden. Eigentliche Stars im Sternendom waren ehrenamtliche Helfer

Für den hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Dr. Volker Jung hat die Präsentation direkt an der Festmeile die „große Chance eröffnet, da zu sein, wo Menschen feiern und miteinander über Gott und die Welt reden“. Überfüllte Gottesdienste, ausverkaufte Konzerte und der Aktionsstand, an dem viele Gäste ihre persönlichen Sternstunden aufgeschrieben hätten, zeigten, „dass der Sternendom zu einem besonderen Ort geworden ist, an dem Himmel und Erde sich berühren“, so Jung. Er danke auch den über 80 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus der Region, ohne die die Präsentation der evangelischen Kirche auf dem Hessentag nicht möglich gewesen wäre. „Die eigentlichen Stars im Sternendom waren die Ehrenamtlichen, die zehn Tage unermüdlich im Einsatz waren“, so Jung. Nach Ansicht der Prälatin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marita Natt, war der Sternendom zum Hessentag ein „Symbol dafür, dass die Kirche Orientierung im Leben geben kann“. Viele Menschen hätten die Gelegenheit genutzt, sich an ihre ganz persönlichen Sternstunden zu erinnern und einander davon zu erzählen. Sie wies darauf hin, dass schon in der biblischen Überlieferung Sterne das Leben der Menschen prägten. Sie seien „stumme Boten von  Gottes Herrlichkeit“.

SOCIAL ME CONTEST

Diakonie präsent

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SOCIAL ME CONTEST

Der 7. Jugendkirchentag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und die Diakonie Hessen luden Jugendliche zum Social Me Contest ein

„Bist du sozial engagiert? Dann erzähl davon!“ So lautete die Ausschreibung für den Social Me Contest, zu dem die Diakonie Hessen und der 7. Jugendkirchentag einluden. Gesucht wurde ein soziales Projekt, initiiert von Jugendlichen zwischen 13 und 26 Jahren. Dieses sollten die Bewerber in einem maximal Drei-Minuten Clip vorstellen. Vielfältige Themen stellten die Jury vor eine schwere Entscheidung. Gleichzeitig zeigten die Clips eine enorme kreative Bandbreite und ein beeindruckendes soziales Bewusstsein. Präventionsarbeit bei Jugendlichen, Zivilcourage an Schulen, Einsatz für die Verschönerung von Gebäuden, das Bauen eines Bolzplatzes in einer sozial schwachen Gegend und interkulturelle Nachmittage waren Projekte, die die Jugendlichen ausarbeiteten und durchführten. Unter den Einsendungen entschied sich die Jury, die aus der Diakonie Hessen, dem Jugendkirchentag, dem Frankfurter Medienhaus und dem Paten des Jugendkirchentags, Florian Sitzmann, bestand, für vier Sieger – der erste Platz wurde gleich zwei Mal vergeben und mit je 500 Euro honoriert. Die zweitplatzierte Gruppe bekam 250 Euro und die dritten Sieger bekamen Sachpreise.

Am Rande des Jugendkirchentages fand die Preisverleihung statt. Den einen ersten Platz gewann das Projekt „Zivilcourage“ der Jugendsozialarbeit Erbach. Sie befassten sich mit dem Thema „Mobbing und Rassismus an Schulen“. Der andere erste Preis ging an eine Konfigruppe der Saalkirche aus Ingelheim. Die Jugendlichen erwirtschafteten mit einem Spielzeugflohmarkt Geld, um den Neuanstrich des örtlichen Kindergartens zu finanzieren. Der zweite Preis ging an den B-Weg-Punkt Bus aus Kassel. Der Bus ist ein Angebot für Jugendliche von 12 bis 16 Jahren. Der gebrauchte, umgebaute Bus dient als mobile Cocktailbar, deren Ziel es ist, Präventionsarbeit zu leisten. Er ist ausgestattet mit einer Sitzgruppe, einer Musikanlage sowie Kreativ- und Sportmaterial und lädt Jugendliche dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der dritte Preis ging an das Projekt „Heartwork-Arbeiten mit Herz“. Die Jugendlichen aus Seeheim luden die Bewohner eines Asylbewerberheims und eines Altersheims zu einem ge meinsamen Nachmittag ein.

PFARRER GREGOR ZIORKEWICZ

Bereich Kommunikation Referent für Externe Kommunikation und Veranstaltungen

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Regionale Diakonische Werke

Regionale Diakonische Werke

Regionale Diakonische Werke

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REGIONALES DIAKONISCHES WERK BERGSTRASSE Fabian kocht morgens den Kaffee, deckt den Frühstückstisch und bereitet die Schulbrote vor, dann geht er zu Martha, weckt sie, bittet sie aufzustehen, denn es ist Zeit. Ja, er muss mitunter betteln, dass sie aufsteht, und nicht immer schafft sie das. Nur – Fabian ist elf Jahre alt. Seine Mutter Martha hat nicht die Kraft aufzustehen, aufzuräumen oder für sonstiges – einige der Gründe, warum sie und Fabian allein leben müssen, denn sie ist psychisch krank.

Diese Verantwortung und Not überfordert Fabian, aber er funktioniert, denn in der Schule soll niemand was merken und andere Kinder sollen ihn auch nicht besuchen. Mama hat ihm erklärt, das muss geheim bleiben, beide haben Angst und schämen sich. Fabian hat seine Mutter lieb und doch bleibt für ihn mancher Wunsch auf der Strecke, wie die Anmeldung im Judo-Verein, denn Mama schafft das einfach nicht. Oftmals haben diese Frauen eine eigene Geschichte, die von Ablehnung, Zurückweisung und Traumatisierung geprägt ist. Dass sie Hilfe für ihre Kinder benötigen, wissen sie oftmals, aber die Sorge vor dem Jugendamt, dem Verlust ihres Kindes, schreckt sie ab. Diese Lebenssituation ist belastend für alle und sie erhöht das Risiko der Kinder selbst einmal, psychisch zu erkranken, deutlich, jedes 30. Kind ist betroffen. Dabei muss dies nicht so kommen. Das Angebot „Hilfen aus einer Hand - Betreutes Wohnen für Familien“ des regionalen Diakonischen Werkes Bergstraße bietet hier passgenaue Hilfe an. Besonders dabei ist das HelferTandem: einer hat die Bedürfnisse des Kindes im Blick und der andere die Elternteile, in der Regel

die alleinerziehende Mutter. Hier kooperieren im Hintergrund auch die beiden Kostenträger der Eingliederungshilfe und der Jugendhilfe, die sonst zumeist in unserem Land zuerst ihren Zuständigkeitsbereich im Blick haben. So kann es nicht passieren, dass bei einem stationären Aufenthalt des Elternteils das Kind nicht auch versorgt ist.

PFARRERIN ANGELIKA ANGERER

Referentin des Vorstandsvorsitzenden

Das Jugendamt arbeitet kreisweit seit 2007 und ermöglicht so Hilfe über den Wohnort hinaus. Die Kinder von Bewohnern im Betreuten Wohnen erhalten eine verlässliche Bezugsperson, werden altersgerecht über die Erkrankung informiert, von Schuldgefühlen entlastet und ihre emotionale Entwicklung wird gefördert. Eine Spielgruppe, durch Spenden finanziert, ermöglicht Kind sein zu können. „Das ist enorm wichtig für diese Kinder, genauso wie Bindung und Rituale“, erklärt Frau Ursula Thiels, die Stellvertretende Leiterin der regionalen Diakonischen Werkes Bergstraße und eine der Erfinderinnen dieses Hilfeangebotes. Derzeit können so 30 Familien unterstützt werden von dem fünfköpfigen hochengagierten Team – die Warteliste ist lang. Nicht immer ist es einfach, die Balance zu finden zwischen dem Elternrecht auf Erziehung der Kinder und dem Kinderrecht auf Förderung der Entwicklung einer Persönlichkeit. Frau Thiels beschreibt dies so: „Wir nehmen die Verantwortung der Eltern sehr ernst und doch müssen wir die Frage stellen: Kann das Kind unter den konkreten Umständen in der Familie leben?“ Nach einigen Jahren resümiert sie, dass sie in diesem Angebot viele gute Erfahrungen machen konnten. Der eigene Blick wird durch diese Arbeit ressourcenorientiert. Die Freude an der Arbeit und die Perspektive, dass diese Kinder gestützt und gestärkt älter werden können bei ihren Eltern und deren Geschichte anders weiter gehen kann, lohnt die Mühen.

Team: Hilfen aus einer Hand – Betreutes Wohnen für Familien

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Von Beginn im Sommer 2013 dabei ist Brigitte S.: „Ich finde diese Hilfe großartig und ich bin sehr dankbar dafür.“

C H R I S TO F D A H L

Diakonisches Werk Kassel Fachkoordination Älterwerden Niederzwehren

FÄN – DIE FACHKOORDINATION ÄLTERWERDEN IN NIEDERZWEHREN

Wer dienstags am Infopoint in der Haupteinkaufspassage des Einkaufszentrums DEZ in Kassel-Niederzwehren vorbeikommt, kann ein Grüppchen gut gelaunter älterer Menschen sehen, die sich dort allwöchentlich um 16 Uhr versammeln, um vom FÄN-Einkaufsbus mit ihren Wocheneinkäufen nach Hause gebracht zu werden. Am Steuer des Kleinbusses sitzt Artur Heise, ein engagierter Rentner aus dem Stadtteil Niederzwehren, der diesen Dienst mit großer Freude verrichtet. „Der Dienstagnachmittag ist bei mir für diese Aktion reserviert. Autofahren macht mir noch Spaß, Helfen auch, und unser Einsatz ist sinnvoll, eine begrenzte aber wirksame Hilfe für einige, denen das Älterwerden Probleme macht. Diese Einkaufsgemeinschaft bedeutet für alle Beteiligten viel Ermutigung, Anregung und manchmal auch Trost.“ Ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Einkaufsbusses: Im März 2013 veranstaltet FÄN die erste Stadtteilkonferenz von Niederzwehren. Diese Stadtteilkonferenz ist die Geburt der Stadtteilarbeitsgruppe „Mobilität“, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, gute Ideen zur Verbesserung der Mobilität von Älteren in die Tat umzusetzen und die seither einmal im Monat zusammenkommt. Denn Mobilität ist eines der zentralen Erfordernisse von Selbstbestimmung im Alter, und es gehört wohl zur Dialektik des Älterwerdens, dass der elementarste Wunsch der Menschen, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben, seine höchste Erfüllung findet, wenn man diese auch mal verlassen kann. „Mit nachlassenden Kräften fühlt man sich ausgegrenzt und wird immer einsamer. Nach der

vielfachen Erfahrung ‚Hilfe ist etwas Rares und gibt es nur gegen Bares’ nun christliche Nächstenliebe in Reinkultur ...“ (Anneliese B., 89) Der Einkaufsbus ist das Flaggschiff von FÄN, das erste Projekt, das in die Tat umgesetzt wurde und bei dem sichtbar wird, wie das Miteinander von bürgerschaftlichem Engagement und hauptamtlicher Sozialarbeit den Gemeinschaftssinn im Stadtteil fördert. Wir haben miteinander gelernt, dass es möglich ist, gute Ideen von der Basis des Stadtteils in die Tat umzusetzen und tatkräftige Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Gestaltung des demografischen Wandels zu gewinnen. „Die meisten von uns jungen Alten haben schon während ihres Berufslebens und ihrem bisherigen Engagement für die Gesellschaft gelernt, selbstbestimmt zu leben und Verantwortung zu übernehmen. Warum sollte es nun im Alter anders sein? Wir möchten, soweit wir dies können, unseren Lebensabend selbst bestimmen und verantworten und wenn wir dies einmal nicht mehr können, bauen wir auf die Hilfe und Solidarität der jüngeren Generationen unserer Gesellschaft. Es ist alles ein Geben und Nehmen!“ (Bernd Geselle, ehrenamtlicher Mitarbeiter im  Stadtteilbüro) Die Fachkoordination Älterwerden in Niederzwehren (FÄN) wird vom Diakonischen Werk Kassel im Auftrag der Stadt Kassel umgesetzt. Aufgabe des Fachkoordinators Älterwerden ist, bestehende Gemeinschaftsinitiativen im Stadtteil zu fördern und gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Initiativen auf den Weg zu bringen, die ein selbstbestimmtes Älterwerden im Quartier ermöglichen. Weitere Infos zu FÄN unter www.fän-kassel.de

Regionale Diakonische Werke

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GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN

Es ist August, als Adem schon draußen vor der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber auf die Sozialarbeiterin wartet. Er wirkt ganz aufgeregt, strahlt über das ganze Gesicht. Kaum ist sie aus dem Auto gestiegen, schon berichtet er ganz glücklich in fließendem Englisch „Wir haben es geschafft, die Entscheidung ist da. Wir dürfen bleiben, für drei Jahre erstmal.“ Adem und sein Bruder Jamil sind in Palästina geboren, aufgewachsen in Syrien und offiziell ohne Staatsangehörigkeit. Doch im Herzen sind sie Syrer. Der Bürgerkrieg in Syrien hat sie ihrer Existenz und Sicherheit beraubt. Auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit sind sie zunächst in den Libanon gegangen und haben sich dort der Flüchtlingshilfe angeschlossen. Adem und Jamil haben Träume, sie wollen helfen. Sie wollen sich für das Gute, an das sie glauben, einsetzen. Im Flüchtlingslager konnten sie Menschen helfen, denen es weit schlechter ergangen ist als ihnen. Eine Perspektive bot es für die beiden jungen Männer jedoch nicht. Adem und Jamil haben sich auf die Reise gemacht. Zunächst in die „Hölle Italiens“, wie sie Adem bezeichnet, dann nach Schweden, von dort wieder nach Italien, bis sie schließlich Anfang des Jahres in Deutschland ankamen. Als das Diakonische Werk Groß-Gerau/ Rüsselheim gemeinsam mit dem Caritasverband Offenbach/Main seine Arbeit in der Asylberatung und -betreuung im März 2014 aufgenommen hat, lernte die Sozialarbeiterin Adem kennen. Ein junger Mann, Ende 20, voller Freude am Leben und am Miteinander mit Menschen. Er muss jedoch schnell feststellen, dass das Leben als Asylbewerber in Deutschland nicht immer einfach ist.

Er lebt in einer Unterkunft mit achtzig weiteren Männern, außerhalb, am Rande der Stadt, in einem Gewerbegebiet. Hier verirrt sich niemand hin. Er möchte die Sprache lernen, arbeiten und sich integrieren. Er möchte seine Hilfe anbieten, z.B. mit Rasen mähen, und dafür die Sprache näher gebracht bekommen. Durch die Sozialarbeiter erhält er den Kontakt zur ansässigen Tafel. Adem geht hin, zunächst als Kunde. Doch schnell findet er Anschluss. Flüchtlinge und Bürger lernen sich kennen. Heute arbeitet Adem zweimal wöchentlich an der Tafel. Ohne lange zu überlegen, schließen sich engagierte Bürger zusammen und bilden Sprachtandems, um den Bewohnern aus der Unterkunft zweimal wöchentlich „Deutsch für den Alltag“ beizubringen. In der Arbeit mit Flüchtlingen wird deutlich, dass sie unsicher sind. Sie fragen sich, was sie dürfen und was nicht „Kann ich in die Kirche gehen und mit den Menschen dort reden?“ Die Angst wird spürbar, dass sie etwas falsch machen können, dass sie der Bevölkerung zur Last fallen. Die Erfahrung, die wir machen, ist das Gegenteil. Flüchtlinge sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Wir brauchen in Deutschland also eine Kultur, die willkommen heißt, die offen ist und auf Asylbewerber zugeht. „Was haben Sie jetzt vor, wo wollen Sie hin? Nach Berlin, so wie Sie es sich erträumt hatten?“, fragt die Sozialarbeiterin Adem auf dem Parkplatz vor der Unterkunft. „Ich weiß es nicht“, antwortet Adem, „jetzt ist wieder alles offen. Ich werde hier in der Stadt bleiben und zurückgeben,  was ich empfangen habe."

LUCIAN LAZAR

Leiter des regionalen Diakonischen Werkes Groß-Gerau – Rüsselsheim

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Regionale Diakonische Werke

ES TUT GUT, KINDER LACHEN ZU SEHEN SEIT 15 JAHREN SORGT DAS JUGENDHAUS HAHNMÜHLE IN NASTÄTTEN FÜR STARKE JUNGE SEELEN

B E R N D - C H R I S TO P H M AT E R N

Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Rhein-Lahn

„Das ist total cool: Hier ist immer was los, wir können spielen und Spaß mit anderen haben.“ Marcel überlegt nicht lange auf die Frage, warum er so oft das Jugendhaus in Nastätten besucht. Dann hat sich der Zwölfjährige auch schon wieder umgedreht und bastelt mit Feuereifer wie ein Dutzend anderer Kinder an einem Zauberutensil weiter. In 15 Jahren hat sich die ehemalige „Hahnenmühle“ zu einem ebenso beliebten wie segensreichen Treffpunkt für Kinder und Jugendliche entwickelt. Einen kleinen Beitrag dafür leisten, dass Kinder die gleichen Chancen haben, sich zu entwickeln und teilzuhaben am Miteinander in der Gesellschaft, statt sich ausgegrenzt vorzukommen – so umschreibt Regina Schneider das Ziel der Einrichtung, die sie seit 15 Jahren leitet. Es waren vor allem Kinder und Jugendliche aus Russland, denen 1999 mit der Eröffnung des Jugendhauses das Einleben in ihrer neuen Heimat erleichtert werden sollte. Mittlerweile ist das Leben in der Hahnmühle wesentlich bunter geworden: Junge Menschen aus mehr als einem Dutzend Nationen, deutsche Kinder und Jugendliche

aus Nastätten und Umgebung eingeschlossen, tummeln sich dort, spielen, lernen, reden, basteln, kochen, werken, streiten und lachen auf den vier Etagen miteinander. Um das Miteinander zu fördern, war und ist das Miteinander vieler Institutionen gefragt. Die Stadt Nastätten ist Trägerin des Jugendhauses, finanziell förderten das Land Rheinland-Pfalz, das regionale Diakonische Werk Rhein-Lahn und das Dekanat St. Goarshausen den Aufbau der Einrichtung. Ein rühriger Förderverein animiert zudem zum Spenden für die dort geleistete Arbeit, die auf drei Säulen ruht. Die offene Jugendarbeit ist eine davon. „Früher wollten Jugendliche nur abhängen“, erinnert Schneider. „Heute wollen sie Programm.“ Von Montag bis Freitag gibt es das ab 15 Uhr. 15 bis 20 Kinder – im Alter zwischen acht und 15 Jahren – kommen regelmäßig und nutzen das teilweise für Jungs und Mädchen spezifisch konzipierte Angebot. Sehr beliebt als kommunikativer Treffpunkt: das Internet-Café. Die Kids können dort ein „Internet-Seepferdchen“ machen. Mediale Aufklärung statt Verbote lautet die Devise. Dass sich Senioren am

Regionale Diakonische Werke

gleichen Ort fortbilden, ist gewollt. Die Zeit vergeht schnell bis zum Abend und bedeutet für viele Kinder eine sinnvolle Alternative zum Alleinsein zu Hause. „Wir wollen den Kindern Förderung bieten, die sie in ihren Familien nicht bekommen.“ Manchem Kind spüre man sogar ab, dass es froh über die warme Mahlzeit ist. „Es tut gut, lachende Augen zu sehen, erst recht, wenn man weiß, dass es zu Hause wenig zu lachen gibt“, verrät Schneider, was sie und das aus zweieinhalb Stellen und Honorarkräften bestehende Team im Alltag anspornt. Auch Hilfe bei den Hausaufgaben finden Kinder im Jugendhaus. „Der Bedarf ist viel größer, gerade durch das Mehr an Flüchtlingen“, weiß Schneider. Ein Angebot, das in Verbindung mit der zweiten Angebotssäule steht, der Schulsozialarbeit. Zwei Grundschulen gibt es im Einzugsbereich, und mit dem Gymnasium in St. Goarshausen arbeiten die Fachkräfte zusammen. Klassentrainings zu Konfliktsituationen, Lehrerfortbildungen und Einzelgespräche bestimmen den Alltag und stärken ein Netzwerk mit anderen Akteuren der Jugendhilfe, das der Einrichtung

am Herzen liegt. „Es geht darum, die Kinder und ihre Seelen stark zu machen, ihnen etwa zu helfen, sich Gruppenzwängen zu entziehen“, erklärt Schneider. Neuerdings führe der nicht nur zum „Komasaufen“. Auf dem Vormarsch: die grausamen Folgen durch „Sexting“. Schneider: „Wir wollen mit unseren Angeboten und in Netzwerken ein Fundament legen, was vor Ausgrenzungen und seelischer Verzweiflung bewahrt.“ Zeitvertreib, der nicht nur Spaß macht, sondern nebenbei auch bildet, das Miteinander schult und Sinn stiftet, bietet die dritte Säule: ein attraktives Ferienangebot. Ob Ausflüge, Freizeiten, Koch- und Bastelkurse – allein in den Sommerferien zählte das Jugendhaus rund 400 junge Teilnehmer. Auch der Zauber-Workshop gehört dazu, den der eingangs zitierte Marcel besucht. „Ich kann's“, ruft er laut mit funkelnden Augen, als der Trick gelingt. Das freut auch den „Zauberlehrer“ und Dekanatsjugendreferenten Werner Schreiner. „Aber übt zu Hause noch weiter“, gibt er seinen Zauberlehrlingen mit auf den  Weg.

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Anhang

Anhang

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JAHRESABSCHLUSS 2013 DIAKONIE HESSEN – DIAKONISCHES WERK IN HESSEN UND NASSAU UND KURHESSEN-WALDECK E. V.

Ertragsstruktur der DH

Aufwandsstruktur der DH

Regionale Werke Hessen und Nassau, Werkstatt f. behinderte Menschen Friedberg, Ev. Fröbelseminar Kassel und Landesgeschäftsstelle Frankfurt/ Geschäftsstelle Kassel

Regionale Werke Hessen und Nassau, Werkstatt f. behinderte Menschen Friedberg, Ev. Fröbelseminar Kassel und Landesgeschäftsstelle Frankfurt/ Geschäftsstelle Kassel

Basis: Jahresabschluss 2013

Basis: Jahresabschluss 2013

Erträge

Aufwendungen

Einnahmen der Arbeitsgebiete 65,9 %

Beiträge, Spenden Bußgelder 6,4 %

Personalaufwendungen inkl. Fortbildung und Supervision 69,8 %

Betriebskosten 20,9 %

Kirchliche Mittel 19,1 % Sonstige einschl. Entnahmen zweckgeb. Verbindlichkeiten 6,4 %

Mieterträge und Finanzergebnis 2,2 %

Zentrale Kosten + Sonstige einschl. Zuführung zweckgeb. Verbindlichkeiten 3,1 %

Die Diakonie Hessen (Landesgeschäftsstelle Frankfurt/Geschäftsstelle Kassel, 19 regionale Werke, die Werkstatt für behinderte Menschen und das Ev. Fröbelseminar Kassel) hatte im Jahr 2013 einen Haushalt in Höhe von 82,5 Mio. Euro. Dieser setzt sich zusammen aus: 65,9% Leistungsentgelten und Zuwendungen von Gebietskörperschaften, wie Landkreisen und Kommunen, 19,1% kirchlichen Mitteln, 6,4 % Beiträgen, Spenden und Bußgeldern sowie 8,6% Miet- und sonstigen Erträgen. Demgegenüber belaufen sich die Personalaufwendungen auf 69,8% der Gesamtaufwendungen, hinzu kommen Betriebskosten in Höhe von 20,9% sowie Sozialaufwendungen der Arbeitsgebiete und sonstigen Aufwendungen in Höhe von 9,4%.

Sozialaufwendungen der Arbeitsgebiete 6,3 %

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DIAKONIE HESSEN – DIAKONISCHES WERK IN HESSEN UND NASSAU UND KURHESSEN-WALDECK E.V. STATISTIK DER MITGLIEDER UND DEREN EINRICHTUNGEN * Stand: Oktober 2014

MITGLIEDER 369

Rechtsträger inklusive Vereine, Stiftungen, gemeinnützige Gesellschaften

44

Dekanate der EKHN

20

Kirchenkreise der EKKW

433

Mitglieder der Diakonie Hessen Insgesamt rund 39.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

EINRICHTUNGEN KRANKENHILFE

27

ALTENHILFE

263

HOSPIZHILFE

27

JUGENDHILFE

224

Stationäre Einrichtungen, teilstationäre Einrichtungen, Kindertagesstätten, Beratungsstellen sowie ambulante Dienste

FAMILIENHILFE

111

Stationäre Einrichtungen, Tageseinrichtungen, Beratungsstellen sowie ambulante Dienste

BEHINDERTENHILFE

241

Stationäre Einrichtungen, teilstationäre Einrichtungen, Beratungsstellen sowie ambulante Dienste

HILFE FÜR PERSONEN IN BESONDEREN SOZIALEN SITUATIONEN

196

Stationäre Einrichtungen, Tageseinrichtungen, Beratungsstellen sowie ambulante Dienste

Stationäre Einrichtungen, teilstationäre Einrichtungen, ambulante Dienste sowie Beratungsstellen Stationäre Einrichtungen, ambulante Dienste

AUSBILDUNG

27

Ausbildungsstätten und Beratungsstellen

SONSTIGE EINRICHTUNGEN

74

Stationäre Einrichtungen, Tageseinrichtungen und weitere Einrichtungen und Dienste

AUSSERDEM

101 57

*

Krankenhäuser

Diakoniestationen Ausgabestellen von Tafeln

Zur vollständigen Darstellung der Leistungsangebote der Diakonie Hessen sind hier auch die Einrichtungen der regionalen Diakonischen Werke aufgeführt.

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DIAKONIE HESSEN

Ev. Kreditgenossenschaft Frankfurt/M

Diakonie Hessen – Diakonisches Werk in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck e. V. Ederstraße 12 60486 Frankfurt am Main Telefon: 069 7947-0 Telefax: 069 7947 6310 [email protected]

IBAN: DE39 5206 0410 0004 0020 08 BIC: GENODEF1EK1

Kölnische Straße 136 34119 Kassel Telefon: 0561 1095-0 Telefax: 0561 1095-3295 [email protected]

V O R S TA N D ‰

Dr. Wolfgang Gern Pfarrer Vorstandsvorsitzender



Dr. Harald Clausen Juristischer Vorstand



Wilfried Knapp Kaufmännischer Vorstand



Horst Rühl Theologischer Vorstand

Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt E-Mail: [email protected] Tel.: 069 7947-6200 Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt E-Mail: [email protected] Tel.: 069 7947-6287 Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt E-Mail: [email protected] Tel.: 069 7947-6293 Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt E-Mail: [email protected] Tel.: 069 7947-6243

M I TA R B E I T E N D E D E S V O R S TA N D E S ‰

Angelika Angerer Pfarrerin Referentin des Vorstandsvorsitzenden



Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt E-Mail: [email protected] Tel.: 069 7947-6210

N. N. Referent/-in des Juristischen Vorstandes



Leila Hörr-Jeuthe Referentin des Kaufmännischen Vorstandes



Sven Pernak Pfarrer Referent des Theologischen Vorstandes

Diakonie Hessen Ederstraße 12 60486 Frankfurt E-Mail: [email protected] Tel.: 069 7947-6244 Diakonie Hessen Kölnische Straße 136 34119 Kassel E-Mail: [email protected] Tel.: 0561 1095-3224

Spendenkonto Ev. Kreditgenossenschaft Frankfurt/M IBAN: DE 12 5206 0410 0004 0506 06 BIC: GENODEF1EK1

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Jahresbericht 2014

Anhang

A U F S I C H T S R AT ‰

Margret Artzt Pfarrerin



Dr. Klaus Bartl Pfarrer



Joachim Bertelmann Pfarrer



Claudia Brinkmann-Weiß Dekanin



Karl Peter Bruch Staatsminister a. D.

Geschäftsführung/Aussiedlerseelsorge Diakonisches Werk im Schwalm-Eder-Kreis Pfarrstraße 13 34576 Homberg Geschäftsführer Mission Leben GmbH Schöfferstraße 12 64295 Darmstadt Vorstand Baunataler Diakonie Kassel e. V. Kirchbaunaer Straße 19 34225 Baunatal Evangelisches Dekanat Hanau-Stadt Rückertstraße 11 63452 Hanau Schulstraße 16 56355 Nastätten



Walter Diehl

Vorstand Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie Bodelschwinghweg 5 64367 Mühltal



Maik Dietrich-Gibhardt

Direktor Hephata Hessisches Diakoniezentrum e. V. Sachsenhäuser Straße 24 34613 Schwalmstadt-Treysa

Pfarrer



Beate Eishauer

MAV Gesamtausschuss Kurhessen-Waldeck Hermann-Jacobsohn-Weg 2 35039 Marburg



Esther Gebhardt

Vorsitzende des Vorstands des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt Kurt-Schumacher-Straße 23 60311 Frankfurt

Pfarrerin



Dr. Michael Gerhard

Geschäftsführer Deutscher Gemeinschafts-Diakonieverband GmbH Stresemannstraße 22 35037 Marburg



Wolfgang Heinicke

Ev. Dekanat Hofgeismar Altstädter Kirchplatz 5 34369 Hofgeismar

Dekan ‰

Edith Heller

Stv. Vorsitzende MAV Gesamtausschuss Hessen u. Nassau Heinrich-Egli-Haus Fritz-Kohl-Straße 14 55122 Mainz



Dr. Volker Knöppel

Vizepräsident der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck Landeskirchenamt der EKKW Wilhelmshöher Allee 330 34131 Kassel



Simone Küster

Kanzlei Küster Brahmsweg 11 63452 Hanau

Rechtsanwältin ‰

Jo Hanns Lehmann Oberkirchenrat

Kirchenverwaltung der EKHN Paulusplatz 1 64285 Darmstadt

Anhang



Norbert Mander

Darmstadt

Dekan i. R. ‰

Martin Müller

Geschäftsführer Diakoniestationen in Kassel gGmbH Lutherplatz 11 34117 Kassel



Ulrike Scherf

Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Kirchenverwaltung der EKHN Paulusplatz 1 64285 Darmstadt

Oberkirchenrätin



Christian Schwindt Oberkirchenrat

Leiter des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Albert-Schweitzer-Str. 113 – 115 55128 Mainz



Angela Waldschmidt

Geschäftsführerin Drogenhilfe Nordhessen e. V. Glockenbruchweg 80 34134 Kassel



Jörg Wiegand

Vorstand EVIM – Evangelischer Verein für Innere Mission e. V. Auguste-Viktoria-Straße 16 65185 Wiesbaden



Dr. Martin Zentgraf

Geschäftsführer HDV – Hessischer Diakonieverein gGmbH Freiligrathstraße 8 64285 Darmstadt

Pfarrer

D I A K O N I E - B E A U F T R A G T E R F Ü R D E N D AT E N S C H U T Z ‰

für das Gebiet Hessen und Nassau Arno F. Kehrer

Frankfurt Tel.: 069 7947-6404 Fax: 069 7947-99 6404 E-Mail: [email protected]



für das Gebiet Kurhessen-Waldeck Pierre-Gerard Große

Kassel/Chemnitz Tel.: 0371 8579094 Fax: 0171 3485795 E-Mail: [email protected]

ARBEITSGEMEINSCHAFT DIAKONIE IN RHEINLAND-PFALZ ‰

Pfarrer Albrecht Bähr Geschäftsführung, Sprecher, Stellv. des Beauftragen der Evangelischen Kirchen

Große Bleiche 47 55116 Mainz Tel.: 06131 32741-20 Fax: 06131 629974-1 E-Mail: [email protected] www.diakonie-rlp.de

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Vorstand

Stab

(Kathleen Niepmann) Frankfurt

Kommunikation

(Stefan Gillich) Frankfurt

Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie

(Elsbeth Wettlaufer) Kassel

Freiwilligendienste

Familie, Frauen, Jugend, Kinder

Treuhandstelle (Wolfgang Heckmann) (Hendrik Happel, ab 1.1.2015) Kassel

Controlling (Corina Breier) Frankfurt

(Bernd Kreh) Frankfurt

Referat Fundraising/ Stiftungswesen

(Stefan Gerland) Kassel

(Regine Haber-Seyfarth) Kassel

(Rüdiger Ottinger) Frankfurt

Wirtschaftliche Beratung I

(Horst Wodtke) Frankfurt

Wirtschaftliche Beratung II

(Eckehard Zühlke) Kassel

Fröbelseminar und andere Schulen

(Rita Henning-Hoffmann) Kassel

Finanzen und Administration

(Leila Hörr-Jeuthe/ Angelika Angerer) Frankfurt

Tageseinrichtungen für Kinder (KW)

(Jens Haupt) Kassel

(Barbara Heuerding) Frankfurt

(Andreas Lipsch) Frankfurt

Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie, Suchtfragen

(Thomas Klämt-Bender) Kassel

Gesundheit, Alter, Pflege

(Dr. Alexander Dietz) Frankfurt

(Kathleen Niepmann) Frankfurt

Koordination Regionale Diakonie (HN)

(Wilfried Knapp) Frankfurt

Koordination Regionale Diakonie (KW)

Kaufmännischer Vorstand

(Horst Rühl) Frankfurt

STAND OKTOBER 2014

Theologischer Vorstand

Flucht, Interkulturelle Arbeit, Migration

Diakonische Kultur

Pressesprecherin

(Dr. Wolfgang Gern) Frankfurt

Theologischer Vorstand Vorstandsvorsitzender

ORGANIGRAMM — DIAKONIE HESSEN

(Christoff Jung) Frankfurt

Personal und IT

(Dr. Harald Clausen) Frankfurt

Recht

(Stefan Hof) Frankfurt

Personalentwicklung

(Dr. Harald Clausen) Frankfurt

Juristischer Vorstand

Jahresbericht 2014

Bereiche | Referate

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Anhang

Herausgeber:

Diakonie Hessen – Diakonisches Werk in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck e.V. Ederstraße 12 60486 Frankfurt am Main [email protected] www.diakonie-hessen.de

Redaktion:

Eckhard Lieberknecht (verantw.), Angelika Angerer, Arno F. Kehrer, Susanne Koch, Gregor Ziorkewicz

Redaktionelle Mitarbeit:

Kathleen Niepmann, Ruth Asiedu, Viola Werner

Bildredaktion:

Arno F. Kehrer

Gestaltung/Layout:

Piva & Piva — Studio für visuelles Design Heidelberger Straße 93, 64285 Darmstadt Tel.: 06151 68508, Fax: 06151 662879 E-Mail: [email protected]

Druck und Versand:

Plag gGmbh Sandweg 3, 34613 Schwalmstadt Tel.: 06691 1471, Fax: 06691 22266 E-Mail: [email protected] Fachkräfte des grafischen Gewerbes leisten zusammen mit schwerbehinderten Menschen qualifizierte Arbeit

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